Weil Donuts das bekannteste Album des legendären Hip-Hop-Produzenten J Dilla ist, würde man anderes vermuten, aber: Die Platte ist steht nicht stellvertretend für die typische Klangästhetik, durch die Dilla zur Bekanntheit kam. Seine Beats für The Pharcyde (»Runnin«, 1995), De La Soul (»Stakes Is High«, 1996) oder Common (»The Light«, 2000) zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie elegant und zielgenau waren. Wer das ursprüngliche Genie des Detroiter Musikers kennenlernen will, dem sei vor allem das Album Fantastic, Vol. 2 seiner Gruppe Slum Village ans Herz gelegt.
Bei Donuts ging es um etwas anderes. Um ein radikales Erneuern. Großartig beschrieben in Dan Charnas Dilla Time: The Life and Afterlife of J Dilla, the Hip-Hop Producer Who Reinvented Rhythm. Das Online-Musikmagazin Pitchfork brachte es vor einigen Jahren folgendermaßen auf den Punkt: »It sounds like he was busy quickly unlearning everything he’d taught himself just so he could have the experience of relearning it all again one last time.«
Womit wir doch schnell beim tragischen Drumherum von Donuts angekommen wären: Die Platte ist das letzte Werk, das der Produzent zu Lebzeiten veröffentlicht hat. Sie erschien am 7. Februar 2006, an seinem 32. Geburtstag. Nur drei Tage vor seinem Tod, der die Folge einer unheilbaren Lupus-Erkrankung war. Donuts jedoch ist kein runterziehendes Album. Nie fällt es schwer, sich die Platte anzuhören. Sie steckt voller Freude und, ja: Leben.
Den fragmentierten, geradezu kaputten Charakter von Donuts könnte man zwar als Symbol für J Dillas körperlichen Zustand deuten, doch dafür klingt die Platte viel zu lebendig. Das bröckelige Album besteht aus einer Sammlung von 31 vollgepumpten Loops – ein Song für jedes gelebte Jahr –, die auch insgesamt einen unendlichen Loop ergeben: Fast alle Tracks schließen unmittelbar aneinander an, das Outro ist wieder das Intro und so weiter. Daher die Anspielungen auf kreisförmiges Süßgebäck im Albumtitel.
Zeitlos – auf die eine und auf die andere Art
Donuts atmet, fühlt sich bei jedem Hördurchgang so an, als würde es in Echtzeit produziert werden. Es ist für mich eine der lebendigsten Mensch-Maschine-Kollaborationen der Popgeschichte. Ich betrachte das Ganze so: Als seine Krankheit immer drastischer wurde, sah J Dilla nicht unbedingt sein Leben an sich vorbeiziehen, sondern die breit gefächerte Essenz dessen, was seine Kunstform — also das Erstellen von Beats aus diversen Samples — ausmacht. Der allerbeste Hip-Hop-Produzent war Dilla deshalb, weil er mehr als jeder andere wusste, welche Gefühle ein Beat erzeugen kann: »Workinonit« ist ein tanzbarer Groove-Banger, »One Eleven« wunderschön und herzzerreißend, der darauffolgende Song »Two Can Win« klingt wieder ultraspaßig; verwirrend ist Donuts ebenfalls, aber das gehört nun mal dazu. Am Ende seines Lebens wollte J Dilla noch einmal alles einfangen, was durch Musik fühlbar wird.
Während Dilla zuvor vor allem dadurch auffiel, dass er eine präzise Ungenauigkeit an den Tag legte, wird sein Verdrehen von Zeit auf Donuts noch deutlicher.
Einmalig — und anders als frühere Meisterleistungen von J Dilla — ist Donuts, weil es auf besondere Weise mit der Manipulation von Zeit umgeht. Während Dilla zuvor vor allem dadurch auffiel, dass er eine, sagen wir, präzise Ungenauigkeit mit vor- und nachgezogenen Schlägen an den Tag legte, wird sein Verdrehen von Zeit auf Donuts noch deutlicher: Im Highlight »Time: The Donut of the Heart« scheint es zwischendurch, als wolle die Zeit selbst anhalten, der Song kippt in Zeitlupengeschwindigkeit – fast so, als würde er uns noch nicht verlassen wollen. In »Stop« bringt er die Zeit sogar für eine Millisekunde vollständig zum Stillstand, ehe der Beat wieder einsetzt.
Ja, Donuts ist das beste Instrumental-Hip-Hop-Album aller Zeiten … Doch dann fällt mir auf: Eigentlich ist es gar kein Instrumentalalbum. Es ist bis oben voll mit Stimmen. J Dilla, der nach verschiedenen Angaben kein großer Redner war, hat sie auf geniale Weise gesampelt und lässt sie für sich sprechen. Die Stimmen sind das Drehbuch, doch erst Dilla hat daraus einen Film gemacht. Oft findet man die Dinge, die man sagen will, in den Händen anderer – und der Kreis schließt sich.

