Die Nerven tragen Post-Punk und Noise weiterhin ins 21. Jahrhundert – auch, weil sie seit einigen Jahren zugänglichere Momente in ihren Songs zulassen. Ein Schwebezustand zwischen Pop und Krach. Was andere auch getan haben. Nur: Warum verfängt es bei Die Nerven so sehr?
Julian Knoth führe über die Anzahl der Konzerte Buch, wie Max Rieger im Erlanger E-Werk nicht ohne Stolz verkündet. Mittlerweile stehen 400 Auftritte von Die Nerven zu Buche. Bei dieser Anzahl stellt sich die Frage: Wie der Routine entgehen?
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Instrumentierung und Songstruktur lassen bei Die Nerven wenig Veränderung zu. Brachten Bands wie Sonic Youth eine Armada an Gitarren auf die Bühne, hält sich das Arsenal von Die Nerven in Grenzen. Knoth und Rieger wechseln zwischen vielleicht einer Handvoll Instrumenten. »Neue Wellen« erhebt sich aus dem Beben von Bass und Drums, während die Gitarre taumelnd dahinzieht. Die Band lässt sich in diesen Klängen treiben – mal nach vorne, mal hinunter zu den Effektpedalen.
Die Songs erhalten oft längere Passagen, die allein aus dieser Kraft bestehen – dem Verdichten von Melodie und Momentum. Kevin Kuhn schlägt den Takt hart zwischen Gitarre und Bass, während Rieger und Knoth die Ränder der Explosion ausweiten. Egal, von welchem ihrer bisherigen sechs Studioalben sie die Songs für den Abend wählen.
Ausweitung der Kampfzone
Was früher rotziger daherkam, geht in diesem Sound auf, behält jedoch seine Essenz. Die Nerven reißen in dieser Zugänglichkeit alles mit sich. Max Rieger entlockt der Gitarre mit drahtigen wie mühelosen Bewegungen ihre Vehemenz.
»Ich habe Angst vor Begebenheiten, Ängste vor Situationen, obwohl ich weiß, dass diese Ängste sich überhaupt nicht lohnen« kam vor über zehn Jahren auf dem Album Fun bockiger daher als in der Live-Version. Angst schien damals die letzte Verweigerung. Heute heißt es auf dem aktuellen Album: »Warum habe ich Angst, aber du nicht?« Die Angst als blanke Fassungslosigkeit. Was bleibt sonst?
Die Nerven schaffen es, das Rohe mit Schönheit zu verbinden. In all dem Laut-Leise-Spiel verstecken sich oft Groove und weit mehr Melodie, als sich auf den ersten Blick – oder das erste Ohr – bemerken lässt. In »Große Taten« verknüpft die Band dies deutlich mit Pop. Knoths Bassspiel lässt den Song vibrieren, Kuhn drischt ihm den Rhythmus ein, und Rieger legt eine weite, tragende Melodie darüber. Selbst – oder gerade – hier entlädt sich die Energie gewaltig. Es ist ein Sound, der den ganzen Körper einnimmt, den Raum füllt. Ein Sound, der physisch wirkt – nicht als bloße Lautstärke, sondern als Verdichtung von Rhythmus und Melodie. Gerade in der vermeintlichen Zugänglichkeit liegt seine Wucht.
»Und ich dachte irgendwie, in Europa stirbt man nie.« Mit diesem Gedanken sind Die Nerven nicht allein. Mit der Wut sowieso nicht. Sie verstecken sie nicht in einem Sound, der sich verschließt, sie abstrahieren diese Gefühle nicht – sie lassen sie als Energie im Raum stehen.




