Man muss sich Hans Reichel als eine Art Schrat vorstellen. Der Wuppertaler Musiker mischte den Free Jazz in Deutschland mit seinen selbstgebauten Instrumenten auf einzigartige Weise auf, mit Gitarren, deren Mechanik er modifizierte oder erweiterte, und später mit seinem Daxofon, einem Schraubblock, in den von ihm speziell geformte Holz- oder Steinstücke gespannt werden konnten, um sonderbare Laute hervorzurufen.
Die Compilation Dalbergia Retusa stellt den Gitarren-Innovator Reichel vor und seine struppigen Improvisationen, in denen metallisch klingelnde Obertöne auf knarzige Holzklänge treffen. Selbst beim Baumaterial betätigte sich Reichel als Tüftler, verwendete Holzsorten wie Coco Bolo, dem er eine ganze Platte widmete, Coco Bolo Nights.
Dass sich die von Oren Ambarchi zusammengestellte Auswahl auf Reichels Solo-Gitarrenmusik aus der Zeit von 1973 bis 1988 beschränkt, ist eine gute Entscheidung. Denn allein, was er mit seinem Hauptinstrument an Impulsen gab, erstaunt. Musiker wie der seinerseits innovationsfreudige Fred Frith ließen sich von ihm inspirieren. Dabei könnte man die konzentrierte Spielweise Reichels oft für eine leicht ausgefranste Form der Folk Music halten, in der Harmonien weniger im Sinne freier Harmonik aufgelöst als vielmehr durch die Konstruktion seiner Instrumente zusätzlich aufgeladen werden zu einem sehr eigenen schnarrenden Gesang.
Geld verdienen musste Reichel damit nicht. Das tat er als Typograf. Seiner Unabhängigkeit hat das allemal geholfen. So konnte er Schönheit ohne Rücksicht auf andere schaffen.

Dalbergia Retusa