Music Kolumne | verfasst 12.07.2021
Records Revisited
Funkadelic – Maggot Brain (1971)
Mit »Maggot Brain« begeben sich Funkadelic auf die dunkle Seite des Funk. Das triumphierende Lustprinzip wird mit dystopischer Eschatologie durchsetzt und stellt der Feier des Lebens eine beklemmende Endzeitstimmung zur Seite.
Text Harry Schmidt
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Was Eddie Hazel in »Maggot Brain«, dem Song, mit dem das gleichnamige, dritte Album von George Clintons mehr oder weniger parallel zu seiner Formation Parliament geführten Band Funkadelic eröffnet, seinem Instrument entlockt, ist weit mehr als ein Gitarrensolo. Zehneinhalb Minuten lang macht sich Hazel direkt an den Nervenbahnen zuhörender Gehirne zu schaffen, spielt – durchaus in der Nachfolge von Jimi Hendrix – weniger auf den Saiten seiner E-Gitarre als auf der Elektronik selbst: ein bluesgeschwängerter Trip in die innersten Regionen unter der Schädeldecke, eine psychedelische Exkursion ins Land des wimmelnden, zerfließenden Denkens. Mit sonorer, nach unten transponierter Stimme intoniert Clinton zuvor: »Mother Earth is pregnant for the third time / For y’all have knocked her up / I have tasted the maggots in the mind of the universe / I was not offended / For I knew I had to rise above it all / Or drown in my own shit.« Der Legende nach lautete die Regieanweisung an seinen Gitarristen, die erste Hälfte seines Parts so zu spielen, als sei dessen Mutter gerade gestorben, die zweite, als sei sie doch noch unter den Lebenden.

»Wars of Armageddon«, der nahezu ebenso epische Ausklang des vor 50 Jahren – genauer am 12. Juli 1971 – auf Westbound Records erschienenen Longplayers, ist eine surrealistische Soundcollage aus Babygeschrei, Straßengeräuschkulisse, Kuckucksuhren und ins Absurde überführten Parolen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung (»More power to the people / More pussy to the power / More pussy to the people / More power to the pussy / More pussy to the power«), transportiert von einem rudimentären Funk-Riff-Ostinato und endend in einer entfernten Detonation, die in den Puls eines Herzschlags übergeht. Hier, mit dem expressiven, nach außen gestülpten Gegenpol zur Introspektion von »Maggot Brain«, schließt sich der Kreis: Man lauscht den Herztönen des Fötus’, mit dem Mutter Erde schwanger geht. Den Zyklus des Werdens und Vergehens illustriert auch das ikonische, verstörende Coverkonzept: Bis zum Hals steckt der Kopf von Barbara Cheeseborough, dem schwarzen Model, dessen Konterfei 1970 die erste Ausgabe des afroamerikanischen Frauenmagazins Essence zierte und die damit zur Trendsetterin eines afrozentrischen Schönheitsideals wurde, auf dem Foto von Joel Brodsky im Boden. Die Augen geschlossen, scheint ihrem Mund ein Aufschrei zu entfahren. Maden sind nirgends zu entdecken, aber überall zu ahnen: in ihrem Afro, in der sie umgebenden Scholle. Auf der Rückseite ist lediglich ein knöcherner Totenschädel von ihrem Antlitz geblieben. Passend dazu wird im Artwork der Ausschnitt eines Manifests der satanistischen Process Church of the Final Judgement zum Konzept der Angst zitiert.

#Weit mehr als auf den Vorgängeralben begibt sich George Clinton mit »Maggot Brain« auf die Suche nach der dunklen Seite des Funk.

Die fünf Songs, die sich dazwischen finden und zeitlich ziemlich genau die andere Hälfte des Albums ausmachen, stehen in merkwürdigem Kontrast zu der sie umschließenden Klammer, wirken im Vergleich zu dieser Sonic-Fiction-Überforderung zunächst geradezu irritierend konventionell. In »Can You Get to That«, einem Country-Blues-Remake der Parliament-Single »What You Been Growing«, ist Isaac Hayes’ Backgroundchor aus »Hot Buttered Soul« mit den Sängerinnen Pat Lewis, Dianne Lewis und Rose Williams zu hören – auch eine Reminiszenz daran, dass Clintons Wurzeln im Doo-Wop liegen, schwingt mit. »Hit It and Quit It« ist eine Soul-Nummer mit Gospel-Feel, in der Bernie Worrell sowohl hinter dem Mikrofon als auch am Keyboard sinnliche Akzente setzt. »You and Your Folks, Me and My Folks«, seinerzeit die erste, nicht sonderlich erfolgreiche Singleauskopplung und heute der meistgesamplte Track von »Maggot Brain«, wird wiederum von Billy Nelson gesungen, dessen verstimmte Basslines den Eindruck einer Sly & the Family Stone-Hymne konterkarieren. Mit »Super Stupid« zelebrieren Funkadelic hingegen monolithischen, elektrifizierten Bluesrock im Sinn der Band of Gypsys, Hazel hier auch am Mikro in der Hendrix-Position. Die Antithese folgt sogleich: Bereits die übertriebenen Stereoeffekte in »Back In Our Minds« signalisieren, dass dieser Beteuerung kein Glauben zu schenken ist. Dass hier, wie bei allen Tracks, mit Ramon ’Tiki’ Fulwood ein Drummer am Schlagzeug sitzt, der später von Miles Davis abgeworben wurde, verleiht auch nicht zur Gänze überzeugenden Stücken wie diesem eine unzerstörbare rhythmische Signatur. Es ist vor allem der Groove, so vielgestaltig er auch sein mag, der diesem janusköpfigen Funk-Rock-Hybrid Kohärenz einhaucht.

Funkadelic – Maggot BrainVinyl LP Weit mehr als auf seinen beiden Vorgängern, dem selbstbetitelte Debüt und »Free Your Mind And Your Ass Will Follow«, begibt Clinton sich mit »Maggot Brain« auf die Suche nach der dunklen Seite des Funk, durchsetzt das darin üblicherweise triumphierende Lustprinzip mit dystopischer, apokalyptischer Eschatologie, stellt der Feier des Lebens eine beklemmende Endzeitstimmung zur Seite. LSD-Erfahrung, Vietnam-Trauma und die Verelendung der schwarzen Bevölkerung in den segregierten Vierteln der vom Niedergang der Automobilindustrie gezeichneten Städte Nordamerikas, insbesondere in Detroit, der Heimat von Funkadelic, schießen in »Maggot Brain« zu einem erschüttenden Statement über den Zustand der Menschheit auf ihrem Weg von einer düsteren Gegenwart in eine noch dunklere Zukunft zusammen – Monument und Mahnmal gleichermaßen. Weniger als um Dialektik ist es Clinton dabei um Zwischenräume, Übergänge, Transformation, Metamorphose zu tun. Auch vor dem Hintergrund der Bedrohung durch eine Waffe, die das Potential hat, Menschen als Fettfilm auf den Schutt ihrer Städte abzubilden (ein Thema, das im Verlauf der Siebziger bei Funkadelic noch weiter in den Mittelpunkt rücken wird), reagiert der spätere Erfinder des P-Funk hier, auf dem Höhepunkt der ersten Phase von Funkadelic, mit einer Fusion von Affirmation und Dekonstruktion, verbunden mit einer mehrfachen, ambigen Übercodierung von Blackness. Eine Erfahrung, der sich auch heute noch, 50 Jahre später, kaum ein Hörer zu entziehen vermag.


Die Schallplatten von Funkadelic findest du im Webshop von HHV Records

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