Music Essay | verfasst 10.05.2013
Deutschrap-Renaissance
Weltfrieden und Konsumterror
Plötzlich ist der Deutschrap zurück. Vielfältig, individuell, thematisch schwer auf einen Nenner zu bringen, und gleichzeitig musikalisch und textlich auf einem neune Level. Wir haben versucht, Aspekte dieser Wiederkehr zusammenfassen.
Text Björn Bischoff , Fotos Jakob Hoff / © Spoken View Records
Fruehling_sommer_2013_de »Too many rappers, and there is still not enough Emcees«, war vor zwei Jahren die gemeinsam mit Nas getätigte Ansage der Beastie Boys und noch ein paar Jahre früher hätte das auch und besonders für Deutschrap gegolten. Zu viele Backpfeifengesichter, zu wenig wirkliche Künstler, die sich unabhängig positionierten und die Fahne hochhielten für guten Rap und Hip Hop. Aber die Aussicht hat sich geändert. Deutlich. »Das Reizvollste an Hip Hop ist für mich der Gedanke, einfach loslegen zu können. Dazu bedarf es keiner finanziellen Ressourcen oder einer Anleitung in welcher Form auch immer. Du kannst dir alle Fähigkeiten autodidaktisch aneignen«, sagt Hiob, einer der Protagonisten des wiedererstarkten Deutschrap. »Du hast auf einmal eine Stimme und damit auch ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Das alles funktioniert heute weitgehend ohne irgendwelche beschissenen Subventionen, Stipendien oder Verlage. Im Gegensatz zum klassischen und elitären Kulturbetrieb kann Hip Hop daher wirklich unabhängig sein.« Und das nutzt Hiob, den sein Gespür für starke Bilder ausmacht. Ungeschönter Realismus liegt in den Texten des Berliner Emcees. »Einem echten Emcee geht es nicht um Fame, Plattenverkäufe und Umfragewerte./Eure Jams sind Parteitage und keine Konzerte./Ihr habt nicht verstanden, dass es abseits von eurer Parallelrealität auch noch um Musik geht«, heißt es von Retrogott im Track »Quetschkommode« auf dem neuem Album »Fresh und umbenannt«. Zusammen mit Producer Hulk Hodn liefert er seit ein paar Jahren die Platten, die gewichtige Unterhaltung mit lyrischen Nackenklatschern verbindet. Battle-Rap für Leute, die Bock auf intelligente Zeilen haben. Das hat mit dem pubertären Muttergeficke einer Generation darunter nichts zu tun, sondern mit den Momenten, in denen Beleidigungen wirklich Poesie werden. »Vor ein paar Jahren wurde ich immer gefragt, ob ich mich als Gegenbewegung zu Aggro Berlin und Bushido sehe. Die Antwort ist nach wie vor ›Nein‹. Weder Bushido noch Cro sind mir wichtig genug, um bewusst einen Gegenpol darstellen zu wollen. Nicht mal Bon Jovi oder Nickelback«, sagt Audio88 dazu. Gemeinsam mit Yassin rappt er mit bitterem Zynismus über die Welt. Dabei verabschieden sich die Texte oft vom klassischen Schema. »Da reimt sich ja gar nichts«, kam da oft als dumpfbackiger Vorwurf. Als hätte Hip Hop sich bis dato durch Paarreime ausgezeichnet. Mit dem Track »Sandy und Justin« ist den beiden Herren vielleicht eine der ausdruckstärksten Texte über die deutsche Jugend gelungen, der so überspitzt, kaputt und fertig ist, dass es schmerzt.

Das Vinylknistern gehört wieder dazu
Ob altbacken oder authentisch, unabhängiger Deutschrap brachte selten so eine Vielzahl an talentierten und überzeugenden Künstlern hervor wie in den letzten Jahren. Der alten Schule verpflichtet, gibt es auf den meisten Platten raue Beats, Cuts und Samples. Das Vinylknistern wird dabei zum hörbaren Merkmal, auf der guten Seite zu stehen. Und die zieht immer mehr Leute an. Die Verkäufe von Schallplatten gehen hoch, manches Album wird ausdrücklich auf diesem Format angefragt. Rückständig? Mehr der Wunsch, die Musik in die Finger zu bekommen. Etwas, dass auf dem Schulhof nicht vorhanden ist, dafür aber bei Liebhabern sich in der Wohnung findet. Aushängeschild für den guten Geschmack im eigenen Regal. »Ja, ich glaube, es gibt ein gesteigertes Interesse. Das liegt zum einen daran, dass Rap in Deutschland einen generellen Hörer-Zuwachs bekommen hat«_, so der Emcee Umse aus Ratingen, der seit geraumer Zeit mit seinem traditionellen Hip Hop-Entwurf mehr und mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, derzeit mit seiner LP »Wachstum«. Umse ergänzt:_»Und es liegt auch daran, dass wir produktiv sind und konstant qualitative Mucke raushauen, und davon automatisch immer mehr Leute Wind kriegen. Zumal wir auch viel live unterwegs sind.« Ähnlich sieht das Hiob: »Ich lese das sowohl an den Verkaufszahlen als auch am Publikum ab. Ich habe immer die Strategie des langen Atems verfochten und die Entwicklung scheint mir da Recht zu geben. Unabhängig vom Feedback geht es mir zuerst um qualitative Entwicklung. Wenn ich nicht das Gefühl hätte, weiter Fortschritte beim Schreiben zu machen, würde ich die Sache an den Nägel hängen.«

Ohne Scheuklappen
Labels wie Jakarta, Spoken View, Melting Pot Music, ENTBS oder Wortsport nehmen dabei eine tragende Rolle ein und sind weit mehr als nur bloße Veröffentlichungsplattformen. Doch auch ohne Label getätigte Veröffentlichungen wie »Gebrochenes Deutsch« von eloQuent aus Wiesbaden bekommen ordentlich Aufmerksamkeit. Die Platte selbst hat eloQuent mit einem Freund selbst veröffentlicht und vertrieben. »Naja, weil wir beide keine Lust hatten Labels zu fragen oder in irgendein Arschloch zu kriechen«, sagt er. »Es gibt und gab immer schon Leute, die mein Zeugs gut fanden. Ob jetzt ein momentan gesteigertes Interesse besteht, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall war ich überrascht, wie gut es mit ›Gebrochens Deutsch‹ lief – so komplett ohne Promo-Moves oder hiphop.de-Exklusives.« Dazu kommt auch bei eloQuent ein Sound, der mit einem Bein in den Neunzigern hängt. Die technische Entwicklung sorgt dafür, dass die Leute am heimischen Rechner Beats basteln und Zeug einrappen können – was der Vielfalt ohne Frage sehr gut tut, auch wenn es eine wahre Flut an Musik gibt und jede Stadt den Eindruck erwecken kann, so etwas wie eine Szene zu haben. Zumindest gab es in der Geschichte wohl keine Zeit, in der es so viel Bock machte, Musik zu hören und zu machen. Boom Bap im eigenen Wohnzimmer hergestellt – kein Thema mehr.

»Wenn jemand seinen Arsch zum Schallplattenladen bewegt, um mein Album zu kaufen, kann er zumindest in dieser Zeit keine Volkswirtschaft ruinieren, keinen Kinderpornoring aufziehen oder Minderheiten unterdrücken. Ich lebe, um zu geben.« ( Morlockk Dilemma) Bezeichnend sind auch die Einflüsse vieler Künstler. Angesprochen auf Deutschrap-Platten aus letzter Zeit sagt Waldo The Funk: »Das letzte halbe Jahr habe ich, glaube ich, das erste Mal in meinem Leben mehr US-Rap gehört als deutschen. Wenn wir aber großzügig mit der Zeit sind, sage ich: Dramadigs’ ›Das muss doch nun wirklich nicht sein›, Hiobs ›Drama Konkret‹ und Sir Serchs ›Antigroove 2‹.« Der Mann aus Heilbronn steht hier stellvertretend für die zahllosen Nennungen von Rap, der sich an der Goldenen Ära des Hip Hop orientiert. Die Stieber Twins fallen als Name dabei auch oft. Angesprochen auf das für ihn einflussreichste Deutschrap-Album der letzten zehn Jahre, antwortet Audio88: »Da ›Hoews, Flows, Moneytoes‹ ja schon vor 16 Jahren rauskam, nenne ich jetzt einfach mal ›Hinterhofjargon‹ von Celo & Abdi. Ich weiß gar nicht, ob es unbedingt das einflussreichste Album war, aber zumindest eins der wenigen Deutschrap-Alben, die ich exzessiv gepumpt habe.« Yassin nennt dazu noch Haftbefehls »Hinterhofjargon« und »Blockplatin« als »sehr gut gemachtes Entertainment«. Als die ersten Leute im Netz motzten, weil Haftbefehl auf dem Cover der JUICE landete, erschien auf der Facebook-Seite von Audio88 & Yassin folgendes Statement: »Chabos wissen, wer den Babo feiert, zurecht auf einem Cover akzeptiert und ziehen endlich mal den Stock aus dem Gesäß. Geschmack ist eine Sache, aber wer meint, Herkunft und Bildungsgrad seien Bewertungskriterien für Musik, weiß wo der Dislike-Button ist. Wir hassen ja alles, aber Rassisten hassen wir wirklich. Also so wirklich richtig. Ciao. PS: Wer küssende Männer als Bedrohung wahrnimmt, aber mit prügelnden Ultras kein Problem hat, darf ebenfalls gehen.«

Die Texte müssen unterhalten
Was all diese genannten Künstler vereint, ist, dass sie sich nicht vereinen lassen – weder als Gegenpol noch als eigene Szene. »Wir beobachten ja mehr so von außen. Unser Freundeskreis ist zwar fast schon unangenehm voll von Rappern und wir finden vermutlich auch schneller einen Draht zu diesen Menschen, aber so richtig in der Szene stehen wir vermutlich nicht. Mit etwas Abstand lässt sich ja auch besser drüber lachen«, so Yassin. »Ich weiß gar nicht, ob man da von einer Szene sprechen kann«, sagt Audio88 dazu. »Ich freu mich gerade eher, dass momentan mal wieder außerhalb unseres näheren Umfelds ein paar spannende Sachen rauskommen und nicht nur Schmutz. Es kommt natürlich auch nach wie vor genug Schmutz raus, aber das Gleichgewicht wird gerade wieder ein wenig hergestellt.«
In den Texten aller Künstler lässt sich zumindest der Hang zum Realismus nachvollziehen und die Reflektion über sich selbst und die eigene Umwelt. »Gute Zeilen schreiben, ist ja keine Kunst – sie zu erkennen jedoch schon. Wir machen einfach freshe Rapmusik, so wie wir es von uns selbst erwarten würden, ohne Muster oder Schemata«, sagen Schaufel und Spaten. Die Jungs aus Magdeburg machen einfach. Doch die Wortwahl in den Lyrics ist bei all den hier genannten doch anders als beim Rest des Spiels, anders als in den Chefetagen und auf den selbsterklärten Straßen. Die Ideen ihrer Texte gehen tiefer. »Das kommt immer auf die Thematik des Textes an. Grundsätzlich wichtig sind mir Wortwahl, Sprachrhythmus und Sprachmelodie«, so Morlockk Dilemma. _»Ich mag pathetische Bilder, aber auch richtig plumpe Gewaltverherrlichung. So was amüsiert mich. Und da sind wir auch bei der Hauptaufgabe meiner Lyrics: Sie müssen vor allem mich unterhalten. Darüber hinaus versuche ich, sprachlich auf Phrasen zu verzichten. Pathos ist nicht gleich Pathos.« Und das haut der Mann aus Leipzig fast atemlos und gepresst über Beats von u.a. Dexter – so übertrieben, dass der heraufbeschworene Weltuntergang wie ein Comic von Warren Ellis vorkommt. »Es geht, glaub ich, darum, etwas für sich selbst zu schaffen. Etwas aus dem Nichts heraus entstehen zu lassen«, so Morlockk Dilemma weiter. »Wenn ich meine Freizeit mit Playstation verbringen würde, würde mir etwas fehlen. Ich treffe teilweise auf Kindheitsbekanntschaften, die in der klassischen Job-Familie-samstags-zu-IKEA-Mühle angekommen sind, während ich am Wochenende verschwitzt auf Bühnen stehe. Ich möchte nicht tauschen.«

Nicht mehr als Konturen
Bei diesen Merkmalen, die all diese Künstler individuell auszeichnet, lässt sich kaum nachzeichnen, was sie in ihrer Gesamtheit ausmacht. Oder tatsächlich ein Kreis um sie schließen. Irgendwer schießt immer quer. Ihre Unabhängigkeit und der Drang, sein Ding durchzuziehen, stehen im Vordergrund. Gefragt, was er mit seiner Musik bewegen möchte, antwortet Morlockk Dilemma: »Weltfrieden und Konsumterror. Das bedeutet, wenn jemand seinen Arsch zum Schallplattenladen bewegt, um mein Album zu kaufen, kann er zumindest in dieser Zeit keine Volkswirtschaft ruinieren, keinen Kinderpornoring aufziehen oder Minderheiten unterdrücken. Ich lebe, um zu geben.« Weltverbesserung auf die saubere Art. »Die Erde ist eine Scheide, manchmal schön, manchmal hässlich, aber sie erfüllt ihren Zweck«, gibt es dagegen lakonisch von Audio88. Ob das Nerdtum von Waldo The Funk, der knarzende Boom Bap-Entwurf von eloQuent oder die optimistischere Sicht von Umse, es geht darum, sich nicht zu verbiegen. Unabhängigkeit und Freiheit heben diese Texte raus aus dem Rest des Deutschraps, der sich zu oft nur um sich selbst dreht. »Cause this the type of lyric goes inside your brain to blow you bullshit rappers straight out the frame«, hieß das bei den Beastie Boys. Einmal Hirn durchpusten auf höchstem Niveau. Gute Idee. Oder wie es bei Retrogott und Hulk Hodn zu hören war: »Der Retrogott ist niemand, der Dir viel verspricht. Er ist so wie Essen. Mit ihm spielt man nicht.«

Jede Menge »Deutschrap« findest du bei hhv.de.
Dein Kommentar
2 Kommentare
12.06.2013 16:09
dvnn:
so, hab mich hier registriert um dem schreiber zu sagen: so einen beschissenen artikel hab ich echt selten gelesen.
― antworten
02.01.2014 18:30
leredhead:
Antwort auf: 12.06.2013 16:09 dvnn:
so, hab mich hier registriert um dem schreiber zu sagen: so einen beschissenen artikel hab ich echt selten gelesen.
was passt dir denn nicht an diesem Artikel?
― antworten
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