Music Porträt | verfasst 17.07.2013
Dirty Beaches
Vorwärts zum alten Ich
Mit seiner Musik durchwühlt Dirty Beaches dir Vergangenheit. Nicht aus nostalgischen Gründen, sondern weil darin zwischenzeitlich etwas verloren ging: die Naivität. Für sein neues Album hat er sie wiedergefunden.
Text Pippo Kuhzart , Fotos Fabian Saul
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Alex Hung-Tai aka Dirty Beaches will sich zurück entwickeln, um sich weiterzuentwickeln. Nicht Reife ist das Ziel – er will die Naivität eines Kindes wiederfinden. Seit seinem letzten Album »Badlands« hat sich Hung-Tai von seinem James-Dean-Look-verabschiedet, sich die Haare abgeschnitten und sieht jetzt wieder aus wie damals in der High School. »Damals habe ich einfach nur Basketball gespielt, ich habe mich nicht um Kunst oder Mode gekümmert. Viele Menschen wollen ihre Naivität abschaffen. Ich will sie behalten.« Sein neues Doppelalbum »Drifters/Love Is The Devil« ist zwar eine Collage aus Erlebnissen der letzten zwei Jahre, herangegangen aber ist Hung-Tai an das Album wie an die Werke, die er vor seinem Durchbruch mit »Badlands« produziert hat: so naiv wie möglich, aus dem Bauch heraus, bloß nicht kalkulieren. Kein Album, kein Buch, kein Film der vergangenen Jahre haben ihn dafür beeinflusst. »Als die Person, die ich jetzt bin, will ich alles auseinandernehmen, was ich aufnehme. Und dann gefällt es mir aus technischen oder oberflächlichen Gründen.« Nur Bücher und Filme, die ihm schon als Jugendlicher gefielen, durften ihn also für sein neues Album inspirieren. »Als Jugendlicher weißt du manchmal nicht, warum eine Sache dich anspricht und verliebst dich einfach in sie. Und wenn dich zum Beispiel ein Filmkritiker fragt, warum du einen Film magst, dann sagst du: ›I don‘t fucking now. Ich liebe einfach diesen Film.‹«
So wird das Doppelalbum zu einem ungehemmten Ritt durch Rock, Rockabilly, Drone, zerrüttete Pop-Songs und Ambient-Nummern, die sich so gut gelaunt anfühlen wie ein flauer Magen. Harmonie und Chaos liegen manchmal nicht mal eine Minute voneinander entfernt. Selbst den Wu-Tang-Clan, der auch zu Hung-Tais frühen Einflüssen zählt, findet man in den Drummachines auf der ersten Hälfte des Albums wieder. Mit Nostalgie soll das nichts zu tun haben, auch nicht damit, die Vergangenheit zu glorifizieren. Denn _»alles ist Vergangenheit. Nichts ist mehr neu. Das Konzept eines Stuhles ist nicht neu. Die Idee eines Stuhles wurde nur über die letzten Jahrhunderte perfektioniert«_ . Die Vergangenheit ist nicht, was für Hung-Tai wichtig ist, sondern das Gefühl echt zu sein. »Warum reizt uns dieselbe Lederjacke mehr, wenn wir sie an einem älteren Herren sehen, als wenn sie ein Teenager trägt? Alt ist sie in beiden Fällen. Aber wir sind besessen von der Idee von Staub, der Echtheit, den Geschichten, den Lebenserfahrungen.«

»Du zeigst den Leuten, dass es echt ist, sie können es angucken, aber sie können es nicht anfassen oder darauf spucken.« (Dirty Beaches) »Driftes/Love Is The Devil« ist diese Lederjacke, getragen von dem älteren Herren. Aus ihm entfleuchen förmlich die Gerüche, die Neon-Lichter einer dreckigen Metropole bei Nacht, die Hung-Tai auf seinen Reisen von Macau bis Berlin aufgesogen hat und sie wiedergibt. Es fühlt sich an, als könnte man diese staubige, kernige Musik anfassen, greifen, und Geschichten von ihr abklopfen. Die Geschichten eines Mannes, der schon immer ein Drifter, ein Herumtreiber, war. Er kam in Taiwan auf die Welt, lebte dann auf Hawaii, in Kanada, in den USA. Inzwischen lebt er in Berlin. Wenn man sich sein ganzes Leben im Spiegel verschiedener Orte und Menschen sieht, dann steht man sich am Ende des Tages mehr denn je sich selbst gegenüber. Als er den Song »Love Is The Devil« via Twitter veröffentlichte, fügte er hinzu »i‘m a rotten piece of shit«. So angreifbar will er sich inzwischen nicht mehr machen. Wenn er singt erzählt er Geschichten von Orten und Menschen, nicht aber von den Untiefen seiner Seele. Davon berichten nur die Instrumentals, die die zweite Hälfte des Albums dominieren. »Man muss sich schützen. Wenn man etwas veröffentlicht, werden manche Leute darauf spucken. Instrumentale Musik zu machen, ist als würde man ein Glas auf ein Objekt setzen, wie zum Beispiel dein Fleisch. Du setzt dein Fleisch da raus in die Welt, aber es ist ein Glas darüber. Du zeigst den Leuten, dass es echt ist, sie können es angucken, aber sie können es nicht anfassen oder darauf spucken.« Irgendwann möchte der Drifter ankommen. Das heißt er möchte geografisch ankommen. Ein Haus haben, heiraten, seinen Kindern ein sicheres Umfeld bieten, nicht fast jedes Jahr umziehen müssen, wie es sein eigenes Schicksal war. Musikalisch möchte er ein Reisender bleiben. Doch wie hört sich die Musik eines Drifters an, wenn er sich niedergelassen hat. »Wahrscheinlich nehme ich einfach Klavier-Stunden«, sagt Hung-Tai, schmunzelt und lehnt sich auf dem Hotelbett zurück. Ein Bett, irgendeines, das ist für Hung-Tai Zuhause. Das Konzept eines Zuhauses, das gilt es für Hung-Tai noch zu perfektionieren, nur dieses Konzept liegt für ihn persönlich tatsächlich in der Zukunft.

Das Album »Drifters/Love Is The Devil« von Dirty Beaches findest du bei hhv.de: 2LP
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