Music Kolumne | verfasst 15.06.2016
Vinyl-Sprechstunde
Radiohead: »A Moon Shaped Pool«
Radiohead bringen in zwei Tagen ein neues Album raus. Die Welt hält den Atem an. Unsere Autoren haben das Album schon gehört – und auch ihnen schlägt das ›Event‹ auf die Atemwege.
Text Florian Aigner, Pippo Kuhzart, Kristoffer Cornils
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Kunze: Zwei Fragen zum Einstieg: Was war eigentlich an Radiohead je geil? Und ist der zweite Song ein Cover von Limp Bizkits [sic!] »Behind Blue Eyes«? lol

Aigner: Wahaha, Also ich hab mir die Geilheit damals immer schön von Spex oder Pitchfork erklären lassen. Aber nie gefühlt. Wobei: Ich bin ja bei Radiohead im Balladencamp, je klischeehafter desto ehrlicher. »Creep«, »All I Need« und so. Und bei »Kid A« fand ich das halt damals einigermaßen cool, dass da so ein bisschen Techno war. Aber das neue Album jetzt anhören: Feels like Steuererklärung machen.

Cornils: Jetzt sitzen wir hier, drei geile Böcke, und sollen die Gärtner machen. Wir alle können mit Radiohead recht wenig anfangen, aber vielleicht müssen wir sie ja auch nicht hören. Meinte zumindest Chef. Stimmt auch: Ich habe meine Review zum Album auch verfasst, bevor es überhaupt erschienen ist.

Aigner: Stimmt auch, weil das doch eh quasi kein neues Album ist und man sich da einfach »Best of Rezeptionsgeschichte« rauspicken kann.
Kunze:: Ey, Pitchfork schreibt zum neuen Album: »With their ninth studio album, Radiohead move beyond the existential angst that made them music’s preeminent doomsayers, pursuing a more personal—and eternal—form of enlightenment.« Wertung: 9.1. Ich kann dazu nur schreiben: Zum Glück ist Gucci Mane aus dem Gefängnis, um solchen Sätzen Kontrast zu bieten.
Cornils: Ja, das ist genau die Art Thesaurusgebrabbel, die ich mit meiner Vorab-Review aufs Korn nehmen wollte.

Aigner: Ich kann dieses Yorke Falsett nicht – mehr – ertragen.
Cornils: Konnte ich noch nie. Selbst nicht auf dem Höhepunkt meiner Teenage Angst. Ich mag den Dude und seine Band am liebsten, wenn er still ist.

Aigner: 90 Sekunden drin und alles kann sich ficken. Die Streicher, das dämliche Zwergpinscher-Gejaule, die low flying panic attack. ALLES.
Kunze: Ich fühle mich nach drei Songs bereits so, als wäre ich stundenlang in der Badewanne gelegen.
Das ist wirklich der Musik gewordene Heuschnupfen.

Cornils: Diese billigen 90s-Plastikbeats hast du vergessen. Furchtbar. Wir lassen uns vielleicht von unseren gesammelten Ressentiments vereinnahmen, aber mal ehrlich: Das ist halt okayisher, weinerlicher Indie-Pop-Rock straight outta Post-Grunge-Sinnleere. Immer noch. Guckt mal auf die Smartwatches, mois – es ist 2016.

Kunze: Finde ich einen fairen Versuch, den Du da gestartet hast. Aber fuck that, ich finde Radiohead klingen, als wäre Chris Martin starker Allergiker und das neue Coldplay-Album drehe sich nur um seine Allergien.

Aigner:: Wenn das so wäre, würden ja alles sagen: geil, Coldplay klingen wieder wie damals »als sie noch gut waren«. MONGOLOL but true.
Cornils: Ich finde diese Coldplay-Witze auch echt witzig, weil sie mir nicht so abwegig scheinen. Du hast dieselben Pathosbögen und recht ähnliche Melodien – nur halt in Dauermoll, fünf BPM drunter und mit so weirden Sounds wie hier mal Gitarrengeplinker in der Echobox. Fertig, Kunscht.
Aigner: Kunscht. »UNGLAUBLICH. Piano. Und Thom. OMFG
Cornils: Ich kann Coldplay vielleicht sogar eher ertragen als Radiohead, weil die halt echt kein Aufhebens um ihre Edginess und vor allem nicht um ihre quote/unquote politische Einstellung machen. Dass Skepta Grime in die USA importiert, bringt in popkultureller Hinsicht politisch vermutlich wesentlich mehr als ein Radiohead-Song gegen UKIP.

Aigner: Naja, ich habe unfreiwillig die neue Coldplay gehört (Grüße an familiäre Verwirrungen) und glaub mir: da willst du noch weniger.
Cornils: Ach, komm. Ich hab in letzter Zeit wieder viel Talk Talk gehört. Die haben – bis zu einem gewissen Punkt – denselben Karriereverlauf wie Radiohead: Flavour of the month (da Synth Pop, hier Brit Pop), dann Avantgarde. Was auf der »Spirit Of Eden« abgeht, fickt mich aber zehn Mal so doll weg wie alles bei Radiohead. Radiohead können eines nämlich so gar nicht: Stille. Was sie können, ist Bedeutungsschwere – die lässt aber keinen Interpretationsspielraum. Voll nicht erotisch. Vierter Durchlauf dieses Albums bei mir und schon wieder vier Songs drin – doch so gar nichts hängengeblieben. Dabei habe ich doch was Geisteswissenschaftliches studiert. Was geht da?

Aigner: Mich macht am meisten fertig, wie viele Erstsemster dazu von schmierfinkigen Barkeepern weggecockt werden.
Cornils: Gutes Stichwort. Finden junge Menschen zu Radiohead? Ich verstehe weder emotional noch rational, wie Menschen das feiern können. Wenn du irgendjemandem das vorsetzen würdest, einem musikalisch gebildeten Menschen, und die Person kennt das nicht – würde das auf dermaßen viel Gegenliebe stoßen wie es das aktuell tut?
Aigner: Ich kenne KEINEN Radiohead-Fan unter 32, true story. Also ist Radiohead nur der Cheatcode für alle, ihre Hängengebliebenheit aus dem 2. Semester aufrechterhalten zu dürfen? Sind die musikalisch wirklich nur die habilitierten Interpol?
Cornils: Ich kenne nur Endzwanziger, denen ihre ehemalige Mitgliedschaft im Radiohead-Message-Board eher unangenehm ist.

Aigner: Bei mir ist da noch so viel Selbstekel mit drin, glaub ich. Weil ich mir ja mal wirkllich 1-2 Jahre lang versucht habe einzureden, dass ich das fühle. Und jetzt nur Ekel: weil ich hätte es wissen müssen, auch vor 10 Jahren.

Kunze: Heißt das, die sind qualitativ gleich geblieben?
Aigner: Was weiß ich, ich bin qualitativ einfach geiler geworden.

Cornils:Es pluckert einfach alles so vor sich hin und deutet eine Erlösung an. Dass die nicht kommt – geschenkt. Aber der Weg, der hier zum Ziel erklärt wird, ist so eine abschüssige Pflastersteinstraße, die mir auf das Fahrrad in die Samenleiter schlägt. Witzig fand ich sowas zuletzt, als ich noch kein Bier trinken durfte. Rein musikalisch meine ich. Das ist so: Pass auf, gleich geht’s ab. Und dann stehen sie da, der Song ist vorbei und erzählen dir, dass das alles nur ein Prank-Video für ihren YouTube-Kanal mit Sozialexperimenten war. »Wir spielen mit euren Erwartungshaltungen lachkickemoji!!!!«

Aigner: Loooool samenleiter heartemoji. Der absolute Favorit scheint ja »True Love Waits« zu sein. Seid ihr bereit? UNGLAUBLICH. Piano. Und Thom. OMFG.
Kunze: Fuck, ihr müsst mir jetzt echt mal erklären, wie es zu all dem kommen konnte!
Cornils: Wie was zu was kam? Dass Radiohead zu Radiohead wurden? Tja.
Kunze: Ne, dass Radiohead in der Rezeption zu Radiohead wurden.
Cornils: Ich glaube, sie bedienen eine Sehnsucht. Nach irgendwie »authentischer« Musik, die trotzdem den »Zeitgeist« einfängt. Negativ gewendet – und so wende ich das – bedienen sie aber auch eine unheimliche Faulheit. Welterklärung von fünf weißen Mittelschichtsdudes. So muss Punk Mitte der 1980er Jahre gewirkt haben: Voll nicht revolutionär, aber solange Sicherheitsnadeln noch durch Ohrlöcher passten, war’s die griffige Alternative zum Selberdenken.
Kunze: Das finde ich jetzt arg zynisch. Vielleicht erklären die ja die Welt pfiffig und poetisch. Ich kann das nur nicht sagen, weil ich den Mann nicht verstehe. Genauso wenig wie den benutzten Lappen, der über meinem Eimer seit Wochen nicht richtig trocknet.

Cornils: Das braucht sich, um den Bogen zum Anfang zu schlagen, wirklich niemand anzuhören – zumindest niemand, der auch gerne mal von Musik herausgefordert wird. Oder Aigner, was meinst du als der Fachkundigste hier: Haben sich Radiohead nennenswert weiterentwickelt, seit du es mit ihnen versucht hast?
Aigner:: ey fickt euch doch, ich hasse diese band. jetzt bin ich hier der token thom-versteher.
ich bin völlig leer, das <lbum hat mich mit 300 gramm birkenpollen eingelullt. ich kann nicht mal mehr schreiben. radiohead sind die besten.

Kunze:Eine Sache, interessiert mich noch. Kollege Cornils, du interpretierst in deren Musik ja auch so ein krasses Sendungsbewusstsein rein. Klär mich mal auf, bitte, ich verstehe ja nichts.
Cornils: Ist das nicht ein großer Teil des Radiohead-Mojos? Die feinfühlige Band mit politischem Anspruch? »Burn The Witch« macht ja per Video auch ganz esoterisch Aussagen zur zeitgenössischen Xenophobie.
Aigner: voll dem thom sein mojo so. aber immer so auf der unverbindlichen ebene. kunscht. »Voll nicht revolutionär, aber solange Sicherheitsnadeln noch durch Ohrlöcher passten, war’s die griffige Alternative zum Selberdenken.«
Cornils: Und hey, Songtitel wie, ich mag das kaum abtippen: »Tinker Tailor Sailor Soldier Sailor Rich Man Poor Man Beggar Man Thief«. Das ruft schon UK-flavoured Klassenbewusstsein und kapitalistische Ausbeutungsmechanismen auf. Die sind aber auch aus dem letzten Jahrhundert. Die Lyrics: »The ones you light your fires to keep away / Crawling out upon, expanding / And all you have to do is say yeah« Das ist poetische für »Die da oben machen ja sowieso was sie wollen – und der kleine Bürger lässt sich’s gefallen!« Agitstadionpop ist aber ein Widerspruch in sich.

Kunze:Die wollen also was bewegen? Und machen Musik, wegen der man niemals wieder aufstehen will, geschweige denn (siehe Kollege Aigner) die Kraft hat, den Caps-Knopf zu drücken? FUCK OUTTA HERE.

Aigner: wir haben ja echt schon viel schlimmes besprochen, aber das… selbst fucking pharrell hat uns wenigstens muschifürze angeboten. hier muss ich einem 40-something mit einer der loyalsten fanbasen der welt beim rumheulen zuhören. ey gönn dir doch mal was, vielleicht nutella oder so.
Kunze: Rumheulen finde ich ja okay, aber nicht kunstvolles verschnörkeltes Rumheulen.
Aigner: eben! ich bin ja ein sucker für balladen, aber dann auch bitte mit melodie und so, du fickfrosch.
Kunze: Entweder richtig weinen, oder irgendwas geiles machen.
Cornils: Naja, vielleicht wollen sie damit eben die Ohnmacht der weißen, gut situierten Mittelschicht auf den Punkt bringen. Was mich denken lässt, dass Slavoj Žižek in dieser Runde absolut fehlt.
Kunze: Denke unser Niveau ist hoch genug, um den mal einzuladen.

Cornils: »True Love Waits«, den finde ich vom Instrumental und der Gesangsmelodie doch ganz schön. Macht mich Smashing Pumpkins-nostalgisch. Billy Corgan hätte den singen sollen, circa 1998.
Kunze: Lol, dachte immer Smashing Pumpkins wären so etwas wie The Offspring. Einfach nur bandnamenmäßig her, mehr weiß ich da auch nicht, sorry.
Aigner: hahaha, ich will dich so hart heiraten manchmal.
Kunze: Jetzt muss ich auch nicht mehr betonen, wie ungeeignet ich für diesen Job bin, oder?

Aigner: geil, ich fühle mich als hätte ich 3/26 aus dem feld geworfen und am ende dem trainer die schuld gegeben.
Kunze: Ich fühle mich als hätte ich nicht einen Wurfversuch gehabt, weil der Basketball zu schwer für mich war.
Cornils: Was ist das für 1 Album?
Aigner: pollenpop.
Cornils: Echt, ich find’s riesigen Dummfug.

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Music Kolumne
Records Revisited
The Pharcyde – Labcabincalifornia (1995)
Pioniere im Andersdenken. Vor 25 Jahren wurden die überdrehten Klassenclowns von The Pharcyde auf ihrem zweiten Album »Labcabincalifornia« zu zynischen Antihelden. Daran trug auch ein damals unbekannter producer namens J Dilla Schuld.
Music Porträt
Tidal Waves
Die Welle reiten
Eine kräftige Welle hat schon so manchen Schatz an Land gespült. So gesehen passt der Name, denn das belgische Reissue-Label Tidal Waves sucht, findet und veröffentlicht verlorengeglaubte Perlen der Musikgeschichte.
Music Kolumne
Records Revisited
Four Tet – There Is Love in You (2010)
Als Four Tet Anfang 2010 das Album »There Is Love in You« veröffentlicht, muss er der Welt nichts mehr beweisen und setzt sich einem retromanischen und verbissenen Zeitgeist mit einem gerüttelt Maß Glückseligkeit entgegen.
Music Kolumne
Records Revisited
GZA – Liquid Swords (1995)
Vor 25 Jahren säbelte GZA sein erstes Solo-Album innerhalb des Wu-Tang-Universums raus, boxte im Schatten von Shaolin-Kriegern und machte seine Gegner mit Lines einen Kopf kürzer. Das Ergebnis nannte sich »Liquid Swords«.
Music Porträt
Mort Garson
Musik für Pflanzen und Menschen
Er war an über 900 Liedern beteiligt, erreichte Platz 1 der Billboard Charts, doch Mort Garsons heutiger Ruhm beruht auf einer Begegnung mit Bob Moog, den er überredete, ihm einen seiner Synthesizer zu überlassen. Eine Wiederentdeckung.
Music Kolumne
Records Revisited
Pet Shop Boys – Behaviour (1990)
»Behaviour« ist das Pet Shop Boys-Album schlechthin. Reflektierte Texte, die schon damals bewährten Hymnen-Melodien und Harold Faltermeyers analoge Produktion verschmolzen zu einem Klassiker, der keinen Staub ansetzen will.
Music Porträt
Dark Entries
Zwischen Disco, Goth und Porno-Soundtracks
Seit 2009 betreibt Josh Cheon sein Label für Undergroundiges aus den 1980er Jahren und solches, das es werden will. Nächstes Jahr wird er über 300 Schallplatten dort veröffentlicht haben. Wir stellen euch das Label aus San Francisco vor.