Aigners Inventur – September/Oktober 2011

19.10.2011
Foto:HHV Handels GmbH
Wie üblich macht unser Kolumnist vom Dienst auch in dieser Ausgabe vor großen Namen nicht Halt. So dürfen sich Phonte, Emika, James Blake, Radiohead und Apparat Watschen abholen. Warum es trotzdem ein guter Monat war, lest ihr hier.
Evidence of Dilated Peoples
Cats & Dogs
Rhymesayers • 2011 • ab 14.99€
Was sich in zahlreichen Teaser-Videos bereits angedeutet hatte, ist nun Gewissheit: Der einst viel gescholtene Evidence ist für eines der besten wertkonservativen Hip Hop Alben des Jahres verantwortlich. Cats & Dogs profitiert hierbei eindeutig von seinen durchweg zu Schandtaten aufgelegten Produzenten (Alchemist, Sid Roams, DJ Premier, Jake One und Evidence selbst), aber auch Evidence lässt sich von den zahlreichen Gäste-16ern nur selten einschüchtern und liefert eine grundsolide Performance hinter dem Mikrofon ab. Nicht nur stimmungsmäßig so etwas wie die Westküsten-Version von Marcberg.

Apathy
Honkey Kong
Dirty Version • 2011 • ab 17.99€
Etwa der selben Generation zuzuordnen ist Apathy, der jedoch schon immer gepflegte Herrenwitze und kalauerige Punchlines genuiner Introspektion vorzog. Honkey Kong fährt ein vergleichbares Produzenten-Line-Up auf wie Cats & Dogs, krankt aber etwas an mangelnder Kohärenz und einem Feature-Überschuss der Generation Napster und/oder Altersheim. Unterm Strich okayish, aber irgendwie zu 1999, um wirklich zwingend zu sein. Ich geh mir derweil mal eine Rise-Playlist erstellen.

Doppelgangaz, The
Lone Sharks
Groggy Pack • 2011 • ab 15.99€
Noch 2-3 Jahre älter klingt Lone Sharks, das zweite Album der Doppelgangaz. Das mag auch heute noch als Gütesiegel fungieren, mir ist Lone Sharks über weite Strecken zu harmlos und raptechnisch zu elementar. Klar, wenn über diese jazzigen, dreckigen Instrumentals bei Stretch und Bobbito Mr. Voodoo oder F.T. einen routinierten 16er fallengelassen hätten, sähe die Sache anders aus, aber um wirklich unverzichtbar zu sein, fehlt hier vor allem raptechnisch das – Vorsicht, ganz fiese Phrase – gewisse Etwas.

Phonte Of Little Brother
Charity Starts at Home
Hard Boiled • 2011 • ab 13.99€
Und gleich noch ein schwieriger Kunde. Erwartungsgemäß ist Phonte neben 9th Wonder der umtriebigste Little Brother geblieben, ein Umstand, der sich jetzt in einem neuen Album konkretisiert. Nun ist hinlänglich bekannt, dass Phonte nicht nur ein passabler Rapper, sondern auch ein recht begabter Troubadour ist – ein Umstand, der Charity Starts At Home nicht unbedingt zu Gute kommt. Mediokre Slum Village-Rip-Offs treffen auf flügellahme Baduifizierungen und Bilalismen – ein Album wie alkoholfreies Bier.

Roots Manuva
4Everevolution
Big Dada • 2011 • ab 7.19€
Weiter mit dem vielleicht kostantesten Insel-Rapper der letzten 10 Jahre, dem man aber mittlerweile auch anmerkt, dass seine Sturm-und-Drang-Phase schon einige Jahre zurückliegt. Roots Manuva hat alles, was er auf 4everevolution macht, schon mehr als einmal radikaler, interessanter und schlicht besser gemacht. Die Dub-Passagen bleiben verglichen mit Dub Come Save Me oberflächlich, die elektronische Finten waren auf Awfully Deep hinterlistiger und die opulenten Popmomente auf Run Come Save Me epischer und cleverer komponiert als hier. Dass man sich 4everevolution dennoch bedenkenlos in den Schrank stellen kann, spricht für das generelle Niveau des Mannes von der Insel.

Die Hookmaschine aus Sizzurp-City ist zurück mit einer weiteren Ergänzung zum extensiven Drogen-Cocktail. Dieses Mal widmet sich Z-Ro Meth und besticht mit den üblichen Qualitäten: entspannte Südstaaten-Tracks, gemacht für die Subwoofer-Posse, butterweiche, gesungene Hooks und diese typisch-texanische Delivery, für die man(n) ja auch UGK so bedingungslos feierte. Gerade in den ersten kalten Tagen seit einer halben Ewigkeit eine willkommene Eskapismus-Platte.

Wem das zu bodenständig ist: es gibt da diesen Sympathikus mit mehr Allmachtsfantasien als Stalin und einem neuen Album namens Bossaura. Oh ja, mein Fantum für Felix Antoine Blume lässt sich auch von Autotune-Overkills und Sun Diegos dummdreisten Hooks nur schwerlich ausbremsen. Bossaura merkt man deutlich an, dass es lockerer zugeht, wie nach einer Diät. Die obligatorischen achtfach Reime, Punchlineketten und Wortspiele muss man hier, den Titeltrack ausgenommen, erstmal hinter der hyperartifiziellen Plastikoberfläche finden. Mit etwas Geduld stellt man dann aber erleichtert fest: es wird immer noch Doktor gespielt wie bei Guttenberg, auch wenn der Aufwand ein minimaler zu sein scheint, wie Disneyzeichner. Irgendwo ist dies das am konsequentesten amerikanisierte Deutschrap-Album aller Zeiten, die Gucci Mane-isierung des Spiels. Über den starken Gegenwind der Kollegah dafür aktuell entgegenweht, muss man sich also nicht wundern. Dass hier aber beiläufig ‘Kinshasa’ auf ‘Trinkwasser’ gereimt wird, gerät fast in Vergessenheit, weil auf einmal alle überrascht zu sein scheinen, dass der bekennendste Materialist Deutschlands Kohle im Kopf hat wie ein Schneemann.

Rustie
Glass Swords
Warp • 2011 • ab 2.79€
Scheinbar gar keinen Gegenwind gibt es für Glass Swords, das längst überfällige Albumdebüt des ewigen schottischen Wunderkinds Rustie. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, was darauf passiert. Rustie klatscht scheinbar übermotiviert eine neonglitzernde Synthschicht nach der andere auf das fast schon proggy anmutende Rhythmuskorsett, schreckt nicht vor fiesesten Gitarrensoli, kitschigen Trance-Breakdowns und billigsten SNes-Sounds zurück und scheint sich generell nie ohne 50kg MDMA und 12 Liter Kaffee an den Rechner zu setzen. Dass er es dann tatsächlich schafft aus verdorbenen Zutaten ein derart schmackhaftes Gericht zu zaubern, geht dann schon in Richtung Alchemie. Wobei ich meist im letzten Drittel kurz unterbrechen muss, um mir die Zähne zu putzen, Audio-Caries und so.

Modeselektor
Monkeytown Deluxe Edition
Monkeytown • 2011 • ab 59.99€
Nicht ganz so gut funktioniert dieser Genre-Headfuck dann auf dem neuen Album von Modeselektor. Während sich der Großteil meiner schreibenden Kollegen einig zu sein scheint, dass Monkeytown der große Wurf ist, bin ich seltsam unterwältigt. Leftfield-Raps von Busdriver, Thom Yorkes Genöle über hektische 2Step-Beats, UK-Funky-Balztänze, Glitch-Pop mit Ms Platnum, Post-Wonky-Hip-Hop, ein Rave-Brett – so wild das auf dem Papier auch klingen mag, von den beiden Herren aus Berlin kennen und erwarten wir das. Und alles was sie hier tun, haben sie, ähnlich wie Roots Manuva, zuvor schon in ähnlicher Form, nur packender, gemacht.

Blue Daisy
The Sunday Gift
Black Acre • 2011 • ab 11.16€
Ich weiß nicht, ob es am Wetterumschwung liegt, aber irgendwie bin ich in Nörgellaune. Auch Blue Daisys Debüt The Sunday Gift erfüllt meine durchaus vorhandenen Erwartungen nur bedingt. Die Portishead-Referenzen, morbiden Violinen, verhuschten Stimmen und Skull Disco-Horrotrips sind willkommen, aber was man sich bei den Nu-Metal-Zitaten auf Only For You, Shadow Assassins und Psyche Inquiry gedacht hat, will ich gar nicht wissen. Aus Protest aus dem Vinyl kratzen, echt mal.

Emika
Emika
Ninja Tune • 2011 • ab 12.76€
Und noch eine Enttäuschung. Die Ostgut-affine Sounddesignerin Emika debütiert mit gleichnamigem Album auf Ninja Tune und nervt mit abgedroschenem Trip Hop Pathos, sterilem Goth Techno und einem prätentiösen Klassik-Outro. Immerhin kann der Kyle Hall Remix was.

Andy Stott
We Stay Together
Modern Love • 2011 • ab 20.99€
Dann lieber die in Slow Motion abgespielten Horrorvisionen, die Andy Stott seit geraumer Zeit plagen. Nur wenige Monate nach dem brillanten Passed Me By legt der Brite mit We Stayed Together nach. Sechs Tracks, straight outta Kuckucksnest, die am ehesten noch als Dub Techno auf 90bpm zu klassifizieren wären, aber auf jegliche Kifferklischees verzichten und sich so radikal entköperlicht durch die Synapsen winden, dass man hier wirklich nicht mehr von Tanzmusik sprechen kann. Sehr, sehr eigen, sehr, sehr gut.

Sully
Carrier
Keysound • 2011 • ab 7.99€
Während sich Andy Stott mittlerweile der bedingungslosen Weltflucht verschrieben zu haben scheint, ist Sully geographisch schon leichter zuzuordnen: London, größtenteils at night. Oder sagen wir besser: in den Morgenstunden im Nachtbus Richtung Lewisham mit geschwollenen Augen dem unvermeidlichen Kater entgegen. Carrier passt auch deswegen so gut auf Keysound, weil kaum ein anderes Label so dezidiert LDN ist, wie das Label der Radiogrößen Dusk und Blackdown. Sully transportiert diese immer leicht melancholisch-verklärte Unruhe so eindrucksvoll auf Albumlänge wie zuvor nur Burial und macht Carrier damit zu einem Pflichtkauf. Keine Sorge, die Kirche bleibt im Dorf und Untrue unangetastet, aber dass ein Veteran wie Sully all seine Stärken so konzentriert auf den Punkt produziert hat, kann einen bisweilen schon in die Hyperbel-Kiste greifen lassen.

Es klang traumhaft und angesichts der letzten Aktivitäten Thom Yorkes nur konsequent: Radiohead lassen The King Of Limbs von der Creme de la Creme der Post-Step-Neo-Vintage-House-High-Brow-Society remixen. Actress, Pearson Sound, Caribou, Jacques Greene, Nathan Fake, Shed, Blawan, Modeselektor, Jamie XX, Sbtrkt, Four Tet, Lone, Mark Pritchard undundund. Gut war das vor allem für den eigenen, mühevoll aufgebauten Rufm die Antithese zu all diesen verstockten Gitarrenbands zu sein. Das sind Radiohead aber schon seit Jahren und dieser Remix-Monolith wirkt oft wie eine Fingerübung. Gefreut über die Anfrage hat sich sicher jeder einzelne der Beteiligten, aber mit wenigen Ausnahmen (Actress, Nathan Fake, Blawan, Shed) gelingt es kaum jemandem. an seine bisherigen Karrierehighlights anzuknüpfen.

Apparat
The Devil's Walk
Mute • 2011 • ab 7.14€
Während Radiohead momentan so deutlich mit Autoren-Techno und Brit-Bass flirten wie nie zuvor, entwickelt sich Sascha Ring in die andere Richtung. Apparat war ja nun schon von jeher mehr als Boom-Tschak, aber wie sehr Ring sich dieses Mal auch strukturell an klassisches Songwriting angenähert hat, ist dann doch neu. Erwartbar, aber neu. Mein Hauptproblem ist dabei nicht Rings Stimme, sondern wie er diese inszeniert. The Devil’s Walk klingt dank Rings Thomifizierung oft mehr nach Radiohead als Radiohead selbst. Das ist schade, weil Apparats größte Stärke nach wie vor das sorgfältige Herausschälen zarter Melodien aus dunklen Granitblöcken ist, etwas was hier zugunsten schmachtender Indietronica zu stark vernachlässigt wurde. Warum glauben eigentlich nach wie vor alle, man könne nur mit erhöhtem Vokaleinsatz und echten Instrumenten erwachsen werden?

Death In Vegas
Trans-Love Energies
Portobello • 2011 • ab 20.99€
Und wer macht derweil das bessere Apparat-Album? Die Weirdos von Death In Vegas. Deren Trans-Love Energies flirtet im Titel mit Kraftwerk und 60er-Jahre-Utopien, stellt fragile Vocals an die Seite scheppernder Cold Wave Beats, zitiert den Streber-Rock von My Bloody Valentine, Battles und Tortoise, lässt M83 alt aussehen und packt einen unverschämten Acid-Chugger ins Zentrum des Albums. Ungehobelt und vor allem unvorhersehbar. Ich kaufe.

Neon Indian
Era Extrana
Mom & Pop Music • 2011 • ab 19.54€
Wesentlich vorhersehbarer ist Neon Indians Fango-Packung Era Extrana. Die Buzzwords aus dem letzten Jahr sind mittlerweile glücklicherweise Geschichte, so dass man Era Extrana nun mit konventionelleren Vokabeln beschreiben kann: Lo-Fi-Pop, mal mit hippiesken Zügen, mal Shoegaze-Upfucks, mal Air. Durchaus kurzweilig, aber harmlos.

James Blake
Enough Thunder
Atlas • 2011 • ab 4.79€
Nachdem James Blake vor kurzem auf Hemlock bewies, dass er doch noch ohne Vocoder und Tränen kann, geriert er sich nun auf dem Minialbum Enough Thunder wieder als jene Oddball-Heulsuse, die ihn direkt auf die großen Bühnen und Cover Europas katapultierte. Enough Thunder (inkl. Bon Iver-Kollabo und Joni Mitchell-Cover) ist in dem, was es ist, nicht schlecht, klingt aber oft wie Resteverwertung. Und so überraschend Blakes erste Gehversuche als Piano-Man und Subbassler-Gone-Crooner auch waren: jetzt reichts, wir wollen wieder wild torkelnde Lil Wayne Remixes und um die Ecke programmierte Synthlines.

Field, The
Looping State Of Mind
Kompakt • 2011 • ab 15.99€
Looping State Of Mind. Ein großartiger und programmatischer Titel, besonders für die Musik von Axel Willner. Als The Field nämlich schichtet Willner seit Jahren Loop über Loop, lässt diese in Crescendos kulminieren und wieder sanft abklingen, kreiert routiniert Walls-Of-Sound aus kleinsten rhythmischen Fragmenten, den Loops. Sein drittes Album fühlt sich nun weniger artifiziell an, die Tracks klingen seelenvoller, weniger artschooly. Auch hier ist Techno und besonders dessen Produktionstechniken eher übergeordnete Klammer als wirklich hörbar, während sich Kraut- und Postrock, Warp und MoWax über die oft sehr schüchterne Bassdrum legen.

Portable
Into Infinity
Perlon • 2011 • ab 20.99€
Vor kurzem beklagte Kollege Okraj an anderer Stelle den Mangel an überzeugenden Stimmen in der aktuellen House-Landschaft. Portable ist nun beileibe keine Diva Barbara Tucker’schen Ausmaßes, aber immerhin traut sich der Südafrikaner seit Jahren sein, eher bei Depeche Mode und Joy Division als im afroamerikanischen Soul-Kanon geschultes Organ, prominent auf seinen häufig sehr understated wirkenden House-Tracks zu platzieren. Vielen ist das dann zu campy, ich würde aber behaupten, dass Into Infinity ohne Portables Gesang weit weniger überzeugend wäre. Das nächste Release habe ich zwar noch nicht gefunden, aber das Album als ganzes ist durchaus zu empfehlen.

Roman Flügel
Fatty Folders
Dial • 2011 • ab 17.99€
Ein weiteres wunderbar eigenständiges House-Album hat Roman Flügel, Frankfurts großer Routinier, auf Dial vorgelegt. Fatty Folders reanimiert ab und an elegante Microhouse-Figuren, klingt manchmal nach Pulsinger in der iO-Phase und zitiert zwar auch die amerikanischen Mutterstädte, aber immer nur um umzuschreiben und zurekontextualisieren. Auch was auf Bahia Blue Bootcamp zu Beginn Floating Points-y anmutet, mutiert schnell in einen manischen Tropical-Banger, wie ihn diese ganzen Post-Blog-Houser Marke Round Table Knights seit Jahren schreiben wollen, aber nicht können. Der Roman aber, der kann alles. Wer vom letzten Isolee Album enttäuscht war, könnte hiermit wieder glücklich werden.

Andy Vaz
Straight Vacationing
Yore • 2011 • ab 17.99€
Wer Andy Vaz’ vor kurzem bei uns hinterlassene “DJ-Charts”:ww.hhv-mag.com/de/feature/243/AndyVaz-DJCharts gelesen hat, musste sich keine Sorgen machen, dass sein zweites Album Straight Vacationing irgendwelche Geschmacklosigkeiten enthalten würden. Im Gegenteil, Straight Vacationing schafft es mühelos die für einen House-Enthusiasten so typischen Referenzpunkte unter einen Hut zu bringen. Sample-lastiger Disco-House ( Just Another Road, A Dope Jam, Staubnitz ), Acid ( Colliding Worlds ) und natürlich immer wieder Detroit, egal, ob im feisten Robert Hood-Stil oder eher mit Derrick May-Gedächtnissynths. Ja, so ganz eigenständig ist das nicht, aber das ist auch gar nicht notwendig, gerade in einem Genre, das es so oft vermasselt sein Potential auch auf Albumlänge zu entfalten.

Martyn
Ghost People
Brainfeeder • 2011 • ab 11.96€
Was lässt man auf eines der wichtigsten Alben der ersten Dubstep-Welle folgen? In Martyns Fall ein deutliches Statement. Ghost People ziert sich nur noch ganz selten mit diesen betörenden Flächen, die Great Lenghts zu einem Semi-Klassiker gemacht haben. Streng genommen hätten sich sogar nur Distractions und Twice As auf Martyns Debüt problemlos eingefügt, zu widerspenstig weigert sich das Gros der hier versammelten Tracks dem früheren Trademark-Sound des Niederländers gerecht zu werden. Ein Album, das seine Liebe für klassischen House und Techno ausdrückt, wolle er machen. Aber selbst wenn Martyn die Technokeule schwingt, bricht er die Bassdrum-Euphorie mit verspultem Bit-Gezwitscher ( Masks ), Angst einflößenden Störgeräuschen und Staccato-Elementen ( Horror Vacui ) oder tribalesken Breaks ( Ghost People ). Popgun ist dann sogar noch ein Seitenhieb auf die grassierende Bass-Pornographie und Bauplan ein gelungener Verweis auf Carpenter, Moroder und damit indirekt auch auf Drexciya, Model 500 und Co. Tolles Album.

20 Jahre hat sich die Detroiter Techno-Legende Martin Bonds bitten lassen um neue Musik als Reel By Real zu produzieren. Dass auch die neuen Tracks klingen. als hätten sie bereits 15 Jahre in Bonds Keller überwintert, ist durchaus als Ritterschlag für Surkit Chamber – The Melding zu verstehen. Der Arpeggio-lastige Electro von Buckshot klingt wie die Blaupause für mindestens 15 Mr. Oizo Tracks, auf WRX und Glass macht uns endlich mal jemand anderes als Shed bewusst, warum Breakbeat Techno annodazumal eine gute Sache war, für Stow Away würde Boddika vermutlich seine 808 verkaufen und I Won’t Follow klingt wie Bugz In The Bassbin auf Crack. Ääääääh, wow!

Future Times presents
Vibe Volume 2
Future Times • 2011 • ab 19.99€
Das Beste zum Schluss. Ich traue mich ja mittlerweile schon fast nicht mehr erneut eine Ode an die Jungs von Future Times anzustimmen, aber was die Typen nun in Form ihres zweiten Labelsamplers Vibe 2 vorlegen, bringt mich an den Rand einer Spontanejakulation. Was Max D gleich zu Beginn mit Comeback Dust anstellt, habe ich bereits an anderer Stelle vergeblich versucht zu umschreiben, Alexis Le-Tan hechelt und editiert, Juju & Jordash lassen ihrem vintage Groove ganz viel Platz, Hunee gibt Oni Ayhun Nachhilfe, Sandkastenfreund Jason Letkiewicz zeigt – egal ob als Steve Summers oder Confused House – wer momentan der große Roland-Zampano ist und abschließend fühlt sich die ganze Bande dann auch noch ganz doll sexy. Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn.