Music Porträt | verfasst 01.06.2017
New Record Labels #29
Arjunamusic, Flash Forward, Unknown Precept, Yerevan Tapes
Jeden Monat stellen wir euch Labels vor, die neu bei uns im Shop vertreten sind und/oder deren Entdeckung sich lohnt. Die Auserwählten diesmal: Arjunamusic, Flash Forward, Unknown Precept und Yerevan Tapes.
Text Kristoffer Cornils, Niklas Fucks

ArjunamusicFind it at hhv.de: Arjunamusic Arjunamusic ist ein 2012 vom Musiker Samuel Rohrer gegründetes, deutsches Plattenlabel aus Berlin. Er habe sein eigenes Label gründen wollen, weil er sich dadurch mehr Freiheit versprach, erklärt der Schweizer Drummer. Dann kam es ein bisschen anders und eigentlich nur rundum besser. »Alt eingespielte Rollen verteilen sich neu und man wird anders wahrgenommen«, erklärt Rohrer. _»Meine Vorstellung dreht sich nicht mehr nur um eine Aufnahme, ein Album, es geht um ein größeres zusammenhängendes Konzept, das ständig neue Ideen generiert.« Dreh- und Angelpunkt dieses Konzepts scheint auf den ersten Blick er selbst zu sein: Neben seinen Soloalbum wie zuletzt »Range Of Regularity« ist Samuel Rohrer auch auf jedem anderen Arjunamusic-Release zu hören. »Es ging mir erst mal darum, eigene Ideen in kurzer Frist umsetzen und diese umgehend veröffentlichen zu können«, erklärt Rohrer. Auch das aber soll sich ändern. Immer mit der Ruhe lautet vielleicht das implizite Motto von Arjunamusic, das offizielle hat sich Rohrer vom hinduistischen Mönchen Paramahamsa Hariharananda geliehen: »Be calmly active and actively calm. Remain compassionately detached.« Eine Philosophie, die sich auch durch die Musik zu ziehen scheint.

Arjunamusic steht an der Grenze von elektronischer und akustischer Musik, rumpelndem Dub-Minimalismus und jazzigen, frei flottierenden Zwischentönen. Am bekanntesten aus dem bunten Roster ist wohl Ambiq, das gemeinsame Projekt Rohrers mit dem Klarinettisten Claudio Puntin und Max Loderbauer. »Das eine nährte das andere«, sagt Rohrer über das anfängliche Verhältnis von Label und Band, die gemeinsam mit dem Imprint wächst. »Erst mit dem zweiten Album haben auch wir unsere Idee besser konkretisieren können und das Umfeld hat angefangen zu verstehen, was wir damit meinen.« Kategorisierungsprobleme umgeht Rohrer selbst, indem er den Output des Labels auf drei grobe Serien aufteilt: Electronic, Acoustic und Extended. »Das unterteilt die Releases in Sparten, die eher auf den inhaltlichen und klanglichen Charakter der Musik hinweisen«, erklärt er. Letztlich aber ginge es ihm genau darum, die Schnittmengen zwischen kammermusikalisch akustischer und improvisierter, experimenteller und elektronischer Musik hin zu Dance Music und Pop auszuloten. Dazu gehören unter anderem Remix-EPs, für die befreundete KünstlerInnen wie etwa Ricardo Villalobos oder Margaret Dygas das Ausgangsmaterial in Richtung Club bugsieren. Es wächst bei Arjunamusic alles so organisch und ruhig, wie die Musik von Projekten wie Ambiq in entspannten Verschiebungen vor sich hin pluckerrt. Selbst das Design gab Rohrer im Jahr 2016 an Ian Anderson von The Designers Republic ab. Er bleibt leidenschaftlich losgelöst von seinem Label. Ist das nicht die größte Freiheit überhaupt? KC

Arjunamusic bei Facebook | Arjunamusic bei Soundcloud | Website von Arjunamusic


Flash ForwardFind it at hhv.de: Flash Forward Flash Forward ist ein 2016 von Peppe Manda und Carlo Notarangelo gegründetes, italienisches Plattenlabel aus Neapel. Die beiden Betreiber gehören zu denjenigen, die von Anfang an in der heimischen Techno- und House-Szene mitmischten, erzählt Notarangelo. Manda etwa stieg Ende der 1980er Jahre beim stilprägenden Label Flying Records ein, das neben Hip Hop und Indie Rock vor allem mit dem Sublabel auf Dance Music ausgerichtet war. Seit der Jahrtausendwende kümmern sich die beiden Freunde mit dem Vertrieb Electronix Network/La discoteca distribuzioni um die internationale Verbreitung regionaler Spezialitäten. Derweil im Tagesgeschäft vor allem neue Releases auf dem Plan stehen, widmet sich Flash Forward eindeutig der Vergangenheit. Notarangelo holt weit aus, wenn er von der italienischen Szene erzählt, zieht von Electro über EBM und Italo Disco sowie New Wave eine Traditionslinie in die frühen 1990er Jahre, in welcher sich ein ganz eigener Sound entwickelte. »Tausende Releases verstreuten sich über den ganzen Planeten«, berichtet er. »Die meisten davon waren Underground-Hits, andere blieben kultige Kleinode, die sich in Warehouses und den Festplatten ihrer Produzenten versteckten.« Die werden wieder erfahrbar gemacht, sorgsam geremastert, idealer Weise mit Original-Artwork und ebenso auf schwarzem wie farbigen Vinyl erhältlich.

Ihre archäologische Aufarbeitung vergangener Zeiten begannen Flash Forward Anfang 2016 mit einer EP von Emanuele Luzzi und dessen erster und einziger EP unter dem Namen Onirico, welche 1991 erschien. Auf »Stolen Moments« stehen Deep House-Grooves neben kratzigem Acid, dem Detroiter Techno-Sound der zweiten Welle und jackenden Chicago-Vibes. Selbst für heutige Verhältnisse eine ambitionierte Mischung – und damit ein Statement. »Wir wollen einen Ausschnitt aus der Vergangenheit abbilden, welcher die Zukunft voraussah, in der wir heute leben«, sagt Notarangelo über den rapide wachsenden Katalog von Flash Forward. Wenn möglich, fügt er hinzu, soll die visionäre Musik von damals auf die von heute zurückwirken und so neue Zukunftsperspektiven ermöglichen. Da verwundert es kaum, dass die beiden neben dem Reissue-Geschäft auch Releases mit bisher unveröffentlichtem oder gar brandneuem Material fest eingeplant haben. Auch der strikte Fokus auf lokale Acts wich alsbald auf: Mit einem Reissue des frühen Kerri Chandler-Klassikers »My Old Friend« legten die beiden Mitte 2017 ein Deep House-Meisterstück des US-Amerikaners neu auf, welches ebenso um die Welt ging, wie es Manda und Notarangelo von ihren Reissues erhoffen. Die Vergangenheit hat der Gegenwart schließlich noch einiges zu erzählen. Es geht also weiter – Flash Forward! KC

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Unknown Precept LogoFind it at hhv.de: Unknown Precept Unknown Precept ist ein 2013 von Jules Peter gegründetes, französisches Label, das mittlerweile in Berlin sitzt. Peter war für ein »langes (und langweiliges)« Grafikdesignstudium nach Paris gekommen und beschloss währenddessen, dass er Lust auf »etwas Konkreteres« hatte. Nun veröffentlicht Unknown Precept nicht direkt Musique Concréte, hat sich aber definitiv der experimentellen Seite elektronischer Tanzmusik verschrieben. Alles begann 2013 mit der ominösen und heute gesuchten Compilation »The Black Ideal«, für die zum Beispiel Ancient Methods produzierten. Mittlerweile erschienen knapp 10 Platten und sechs Tapes, auf denen verschiedene Untergrund-Künstler ihre Vorstellungen von Sound darlegen konnten.

Sommer-House und festivaltauglicher Techno sind so ziemlich das Gegenteil des verzerrten, brachialen Stils, für den Peters Label steht. Mit ihren Anleihen an Genres wie Gothic, Darkwave, Noise, Industrial oder EBM, kann man sich die Platten Unknown Precepts eher in dunklen Katakomben vorstellen, kurz bevor die Peitsche beiseite gelegt und der Elektroschocker ausgepackt wird. »Ich habe das Gefühl, wir sind eines der wenigen Labels, die sich auf diese Art Musik konzentrieren.«, sagt Peter.

Für die dunklen elektronischen Rhythmen, die Unknown Precept verkörpert, scheint Berlin der ideale Ort zu sein. Wie hat Peters Umzug von Paris das Konzept des Labels beeinflusst? »Berlin bietet viel mehr Raum für Experimente als Frankreich. Die Stadt vereint eine neugierige Crowd, die gewillt sind dir zu folgen, wenn sie glauben, dass du es Wert bist.« Wirklich beeinflusst habe Berlin den Sound von Unknown Precept aber nicht. »Trotzdem gibt es eine spannende Dynamik, die es einem erlaubt, Events zu organisieren und ähnliche Leute zu treffen, und das ist nicht in jeder Stadt gegeben. Lustigerweise habe ich noch nie jemanden gesignt, der aus Berlin stammt oder hier wohnt.«

Jules Peters Vision für Unknown Precept ist auch eine ästhetische – wie könnte es bei einem ehemaligen Design-Studenten auch anders sein. »Die Label-Identität hatte bei mir immer Priorität, der Kontinuität wegen. Paradoxerweise impliziert der bürokratische Look, dass das Label hinter der Musik verschwindet«. Damit meint Peter wohl vor allem die minimalistischen schwarz/weiß bedruckten Label-Sleeves, in denen man die Platten der meist unbekannten Künstler findet. Dieses Design »erlaubt mir, die meist unbekannten Künstler auf eine Ebene zu stellen. Die Ästhetik soll sich weiterentwickeln, während sich die Musik entfaltet. Manche Kollaborationen hören auf, andere wachsen. Ich mag die Idee, dass man das visuell unterscheiden kann. Das Ganze ist eine Reihe von Statements«. Peter mag es eben kryptisch, genau wie sein Klientel. NF

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Yerevan TapesFind it at hhv.de: Yerevan Tapes Yerevan Tapes ist ein 2011 von Silvia Guescini und Andrea Napoli gegründetes, italienisches Plattenlabel aus Bologna. Moment, Bologna? Wieso benennt sich ein italienisches Label nach der armenischen Hauptstadt? »Das liegt an Silvias Vernarrtheit in die armenische Geschichte und Kultur während ihres Studiums«, erklärt Napoli. »Der Name ist per se nur ein Name. Wichtig ist aber das Gefühl, welches er ausdrückt, wie er dich in eine bestimmte Dimension bugsiert: die des Anderen und Heiligen.« Das klingt zuerst hochgestochen, wie Napoli bereitwillig zugibt. Was er damit allerdings meint, wird mit Blick auf den Backkatalog des Labels schnell klar. Der frostige Synthie-Sound des ominösen Projekts German Army trifft auf muffigen Techno-Not-Techno von Produzenten wie RM und letztlich bildet auch Yerevan Tapes einen Eckpfeiler des engmaschigen Netzes um die psychedelische okkulte Musik, wie sie Heroin In Tahiti oder Father Murphy in den letzten Jahren in Italien etabliert haben. »In einer Art ist Yerevan Tapes wohl Teil dieser Szene«, pflichtet Napoli bei. »Wenn wir allerdings auf etwas stoßen, das wir wirklich lieben, sagen wir aus dem kalten Norden – siehe Isorinne, Haraam, Råd Kjetil Senza Testa und andere – zögern wird nicht.«

Und was indes lieben die beiden an der Musik, von der sie seit 2011 zunehmend mehr veröffentlichen? »Das Verschiedene und doch Bekannte, das an etwas in deiner Natur erinnert, das du aber nicht so einfach aufrufen kannst, wie man es erwarten würde«, versucht Napoli einen weiteren Erklärungsversuch. Sagen wir so: Die Musik drückt es tatsächlich am besten aus, und das obwohl sie sich am liebsten in Andeutungen ergeht. Zu den Sounds gesellen sich fantasievolle, zum Teil esoterische Artworks, die seine Lebensgefährtin Guescini seit der ersten Katalognummer an alleine gestaltet. Zwischen eindringlichen Porträtfotos, okkulten Objekten und abstrakten Farbverläufen zieht sich der rote ästhetische Faden der Musik weiter. Die visuelle und klangliche Einheitlichkeit überträgt sich aber nicht unbedingt aufs Format. Oder wieso eigentlich trägt das Label die Kassetten im Namen, wenn es doch seit geraumer Zeit auch Platten presst? »Tapes erlauben es dir schlichtweg, alles zu veröffentlichen, was du willst«, erklärt Napoli, der seit 2007 bereits einige Erfahrung als Betreiber des Labels Avant! gesammelt hat. »Ohne, dass du dir den Kopf über die Business-Aspekte zerbrechen musst – was sich zur Abwechslung mal sehr gut anfühlt.« Und obwohl das vielleicht nur ein Nebeneffekt der Labelarbeit ist, so wird vielleicht auch darin das spürbar, worum es Guescini und Napoli mit Yerevan Tapes geht: Die Erfahrung eines Anderen, eines Heiligen. KC

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