Music Kolumne | verfasst 03.11.2017
Records Revisited
Metro Area - Metro Area, 2002
2002, eigentlich war gerade alles egal. Alles Wissen verfügbar und damit alles irgendwie uncool. Wer was auf sich hielt, reagierte mit Ironie oder Retromanie. Nicht Metro Area.
Text Kristoffer Cornils
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Das 21. Jahrhundert fing mit zwei Jahren Verspätung an. Ein vorsorglich vergreister Hipster rief den Anfang vom Ende des zweiten Jahrtausends aus, mit den gellenden Worten: »I’m losing my edge to the internet seekers who can tell me every member of every good group from 1962 to 1978!«. Was aus dem Mund von LCD Soundsystems James Murphy wie ein Lament klang, wurde zum Schlachtruf der grellen Kids, die mit Electroclash, Retro-Post-Punk, Freak Folk, Mash-Ups und Blog-House das Feld von hinten aufrollen sollten. Plötzlich kannten sich alle besser als alle Anderen aus und eigentlich war es egal.

2002 wurde ein Schlussstrich unter die Geschichte des coolen Wissens gezogen. Hatten die Daft Punks dieser Welt ihr »Homework« noch in mühseliger Kleinstarbeit machen müssen, schrieb die neue Generation einfach bei Wikipedia ab. Das Wissen über selbst die obskursten musikalische Phänomene war dank der anlaufenden Digitalisierung im Begriff, allgemein verfügbar zu werden. Und was allgemein verfügbar ist, das kann unmöglich cool sein. Die Musikwelt spaltete sich auf. Die einen reagierten mit ironischer Distanz, die anderen wendeten sich der formalistischen Retromanie zu: »I’m losing my edge to the art-school Brooklynites in little jackets and borrowed nostalgia for the unremembered eighties«.

»Losing My Edge« lieferte den Redeschwall zum Death of Cool, versöhnlichere Töne aber kamen von Darshan Jesrani und Morgan Geist. Mit »Metro Area« bündelten die beiden Produzenten noch einmal komplett unironisch ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte in den vielleicht besten Basslines der Welt. Ohne geliehene Nostalgie, aber mit jeder Menge hart erarbeiteter Fach- und Sachkenntnis. So wie Disco seine Wurzeln im Funk und Soul kannte, und House wiederum sich selbst stolz als »Disco’s Revenge« apostrophierte, so ist Dance Music immer irgendwie traditionsbewusst gewesen. Der Clou an Metro Area allerdings war, dass in ihrer Musik immer noch mehr zu hören war, weil sie sich nicht in Genre-Stilübungen verloren.

Obwohl Geist und Jesrani in den Epizentren der Disco-Kultur, New Jersey und New York, aufwuchsen, kamen sie Mitte der neunziger Jahre als zu spät geborene Quasi-Quereinsteiger zur Dance Music. Mit »Metro Area« bündelten die beiden Produzenten noch einmal komplett unironisch ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte in den vielleicht besten Basslines der Welt. Beide nannten Progressive Rock als ausschlaggebend, Jesrani vor allem den Rush-Song »Tom Sawyer« mit seinen röhrenden Synthie-Sounds als Offenbarung, die ihn in Richtung New Wave und Art Pop katapultierte. Typisch für Metro Area: die Details werden ausschlaggebend. So hangelten sich die beiden an minutiösen Klanglichkeiten entlang, bevor sie nach Abstechern in Richtung Hip Hop und R’n’B erst im Prä-Wikipedia-Internet auf Mailing-Listen und schlussendlich in New York auf dem Dancefloor zueinander fanden. Nachdem sie zuerst unter diversen Namen zusammen aufgetreten waren, gründeten sie 1998 Metro Area. Mit ihrem ersten Release perfektionierte das Duo, was Geist als Solo-Produzent mit Singles wie »Remnants« angefangen hatte.

»Atmosphrique« von der ersten Metro Area-EP setzte drei verschiedene Motive und schillernde Texturen über einen fordernden Disco-Beat, der plötzlich in eine astreine Hommage ausbricht. Die Blaupause für das markante Synthie-Motiv, das unvermittelt kurz vor der Vier-Minuten-Grenze den Mix betritt, ist bekannt: »Blue Monday«. Zu bekannt eigentlich, denn New Orders Single aus dem Jahr 1983 ist schließlich die meistverkaufte aller Zeiten. Nein, cooles Wissen sieht eigentlich anders aus. Im bloßen Zitat aber erschöpft sich die Anspielung nicht, Metro Area legen ihre Bezüge vielseitiger und noch wesentlich subtiler aus. So wie der Trackname gleichzeitig einen Song der New Order-Vorgänger Joy Division mit »Le Freak« im Klang zu vereinen scheint, bringt die Musik immer mehr als nur das Offensichtliche zusammen.

Metro Area übten sich nie in bloßer Fußnotenmusik. So viele Zitate sich in den zwölf auf »Metro Area« versammelten, zum Teil vorab auf Singles erschienenen Tracks auch ausmachen lassen: Samples sind rar gesät. Vom Ansatz waren Metro Area weniger ein DJ Shadow oder die Avalanches als vielmehr das Salsoul-Roland-Orchester. »Miura« basiert auf einem Stars On 45-Beat, »Piña« lieh sich von Empire die Drums und »Caught Up« zollt nicht allein per Titel einem Inner Life-Stück Tribut. Kurze und eigentlich recht egale Rhythmus-Patterns, die leicht zu reproduzieren waren und denen sich Metro Area wohl nur deswegen bedienten, weil sie den Sound der Originale nicht hätten nachahmen können. Metro Area - s/t Webshop ► Buy Triple Vinyl LP Der Rest sind selbst eingespielte Phrasen, die von Arthur Russells Loose Joints über Nile Rodgers-Gitarren und Kraftwerk bis hin auf eben New Order anspielen. Nerdige, liebevolle Huldigungen und Stilübungen des coolen Wissens zugleich.

»Es ist merkwürdig, wenn die Leute mit etwas ankommen, das echt wichtig sein könnte, und es dann in eine ironische, coole Mode verdrehen«, sagte Geist in einem Interview. Das klingt aus dem Mund eines der letzten Gralshüter des coolen Wissens zuerst, naja, ironisch. Aber Metro Area funktionieren eben nicht auf Distanz, sie knieten sich tief in die Geschichte rein und lebten davon, alle Mikro- und Makroebenen ineinander zu verschieben. Das heißt auch, mit wenigen Elementen viel Raum aufzumachen. Was wäre »Caught Up« ohne das feine Vinylknistern, das später Chefhantologen wie Burial in der Clubmusik etablierten? »Wir sehen es eher so, als würden wir die Dub-Versionen zu Songs produzieren, die es nie gegeben hat«, brachte Geist den musikalischen Ansatz des Duos auf den Punkt. »Metro Area«, dieses Quasi-Best-Of-Album ohne Best-Of-Allüren, ist die B-Seite der Musikgeschichte.

2017 sind sowohl LCD Soundsystem und Metro Area wieder da. Während Murphy aber mit Comeback-Single, Reunion-Tour sowie einem selbst- und meta-referentiellen Album-Album gleich drei Kreuze beim Klischeebingo machen kann und genau das vermutlich auch will, bleibt bei Metro Area der Ofen aus und die doppelte Zeitkapsel für sich stehen. »Metro Area« kommt als grafisch entschlacktes, klanglich aufgeboostetes Remaster zurück, das seinen Platz in der Geschichte kennt. Als letzte Bastion des coolen Wissens hatten Jesrani und Geist verstanden, dass ihre Zeit vorbei war. Ihre Musik ist zugleich Lob- und Abgesang eines ganzen Zeitalters.

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