Der Überfluss hat das Reissue-Game erreicht. Man kann alles haben, wenn man nur ein bisschen wartet. Geschmackssichere Labels haben auch die hintersten Ecken sämtlicher Wantlists entstaubt, egal wie selten, obskur oder beides eine Platte war: Plötzlich konnte man sie kaufen, einfach so. Jagen war fürs Sammeln so oft mal gar nicht mehr nötig (außer für OG-Fetisch-Peepz), man brauchte sich nicht mehr in minimalbeleuchtete Hinterkammern begeben, um eventuell die Platte des Begehrens zu finden. Einfach auf der Couch warten, bis es klingelt und der Postbote sie bringt – zusammen mit dem Pulled Pork-Sandwich. Womit aber begründet sich die Fülle an äußerst interessanten Platten, die 2017 neu aufgelegt wurden? Eine Rolle dürfte sein, dass die DJ- bzw. inzwischen Selector-Kultur weiter an Einfluss gewonnen hat. In den hippsten Clubs und Bars der Großstädte, die sich an der Schwelle zwischen Underground und Mainstream befinden, sind die Plattentaschen längst nicht mehr mit zuortenbaren Genres gefüllt. Ihre Besitzer sind Nerds mit absolut diversem Musikgeschmack. Via dem Gesabber nach Track IDs und lüsternem Shazamen erfährt schließlich auch der Konsument (der ja inzwischen immer auch selbst DJ ist), von wem dieser Song mit den Gamelan-Percussions, Medizinmann-Vocals und Industriehafen-Synths war. Und möchte sich dann auch mit dem Besitz der Scheibe schmücken. So hat sich ein regelrechter Wettkampf entwickelt, wer den absurdesten Shit spielen kann. Ist doch klar: Beim jährlichen Treffen der Pokemon-Trainer zeige ich ja auch nicht meine Rattfratz-Karte, sondern meine Mew-Glitzersonderedition. Die Nachfrage ist da. Und, Junge, Junge, was wurde ihr dieses Jahr das entsprechende Angebot entgegen gestellt.



























Bereits 1990 klärte ein Ukrainer in Barcelona, was passiert, wenn man die Berliner Schule mit der gniedeligen Lässigkeit der spanischen Ambient-Speerspitze um Suso Saiz und seine Grabaciones Accidentales-Spezis vertraut gemacht hätte, sich aber immer diese slawische Ungreifbarkeit behält. Das interessierte vor der Reissue ganze 36 Personen, Iury Lechs »Musica Para El Fin De Los Cantos« wird nun aber mit 27 Jahren Verspätung nachträglich völlig zurecht zu einem Genre-Klassiker. Florian Aigner
»Music Works For Industry« erschien ursprünglich 1983 und kokettiert mit kapitalistischen Mindsets, die Marc Barreca in einer tristen, industriellen Soundlandschaft spiegelt. Das Album ist dazu auch noch derart repetitiv und rhythmisch, dass man es wie Kommentar auf Fließbandarbeit lesen kann. Man kann das auch sein lassen und sich in jedem zweiten DJ-Mix fragen, was das jetzt nochmal für ein geiler Song ist, sich erinnern, und sauhappy sein, die Platte mit dem Song zu Hause zu haben. Philipp Kunze








The Birth of Ethio Jazz. Mulatu Astatke stellt sich der Welt auf seinem Debütalbum Mulatu of Ethiopia vor, zugleich präsentiert er die Blaupause des von ihm höchstselbst entwickelten Ethio Jazz. Funky geht es los, doch die Harmonien und Melodien, die er auf seinem Vibraphon hervorklöppelt, sind von Anfang an seine. Leicht schief für die angelsächsisch sozialisierten Jazz-Hörer, dafür bei geneigter Haltung umso entwaffnender. Man kann es nicht oft genug sagen: Die Sache ist gut fürs Herz.
Tim Caspar Boehme












Du findest die Top 50 Reissues 2017 bei uns im Webshop Eh klar.