Die 50 besten Reissues des Jahres 2022

01.12.2022
Gute Musik überdauert die Zeit. Auch in diesem Jahr wurde wieder Musik gefunden, erneut oder erstmals auf Vinyl gepresst. und so hatten wir die Möglichkeit aus alter Musik, Rückschlüsse auf die Gegenwart zu schließen.

Im Dauerfeuer der Hiobsbotschaften können Reissues Halt und manchmal sogar Trost bieten. Unter den folgenden 50 Schallplatten findet sich mit »No Condition Is Permanent« von Celestine Ukwu eine Platte, deren Titel allein zu einem Motto werden kann und die auch musikalisch vorlebt, dass Kultur bisweilen den Weg für mehr ebnen kann: Ukwus Neuentwurf des Highlife-Sounds war nicht nur in musikalischer, sondern auch sozialpolitischer Hinsicht wegweisend, kommentierten und begleiteten doch die darauf enthaltenen Stücke den Kampf um Demokratie und Freiheit in Nigeria.

Es ist nicht die einzige Schallplatte in dieser Liste, die von Aufbruchsstimmung und großen Veränderungen egal welcher Couleur geprägt wurde oder solche selbst vorantrieb. Zwischen Klassikern des Italo Disco, Rap, der elektroakustischen Musik und abseitigen Stilen aus so ziemlich allen Ecken und Enden der Welt ist eine jede dieser Platte als Statement zu verstehen: Musik überdauert den furchtbarsten Status quo wie auch die friedlichsten Zeiten. Das können wir uns zu Herzen oder als einfachen, aber vieldeutigen Slogan hinter die Ohren schreiben: No condition is permanent, im Guten wie im Schlechten. Kristoffer Cornils

Der Vinyl-Jahresrückblick 2022

Was waren die besten Schallplatten des Jahres?

Zum Webshop


Albert Ayler Quartet
The Hilversum Session
Our Swimmer • 1980 • ab 24.99€

November 1964: Albert Ayler, Don Cherry, Gary Peacock und Sunny Murray sind bereits seit Monaten auf Tour in Europa und einander noch nicht an die Kehle gegangen. Gute Voraussetzungen für eine Live-Session im niederländischen Radio. Was recht banal klingt, resultierte in einem der vielleicht besten Alben dieser Ära: Das Albert Ayler Quartet ist so dermaßen blind aufeinander eingespielt, dass es sich auf »The Hilversum Session« den totalen Freakout erlauben kann, ohne dabei das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Der Schweiß ist zu riechen, die Freude greifbar: Capital-J-Jazz mit fünf Ausrufezeichen dahinter.

Kristoffer Cornils
Alhaji K. Frimpong
Abrabo
Hot Casa • 1984 • ab 29.99€

Wenn gar nichts mehr geht: Highlife. Hier in seiner besten Form, ein riesen Album, das Hot Casa hier neuaufgelegt haben. Zu dieser Musik würde man auch an einem Wintertag in braunster sächsischer Provinz Wärme spüren. Alhaji K. Frimpongs »Abrabo« von 1984 ist eine von vielen beschworenen Afro-Holy-Grails, aber diesen hier braucht man alleine für das Titelstück halt wirklich.

Pippo Kuhzart
Celestine Ukwu
No Condition Is Permanent
Mississippi • 2022 • ab 23.99€

Nigeria, 1970er, da hängen die Früchte ohnehin tief an jeder Ecke. Diese Zusammenstellung von Celestine Ukwus Werk allerdings schmeckt besonders süß. In seiner relativ kurzen Schaffenszeit schaffte Celestine seine eigene Interpretation von Highlife. Die afro-kubanischen Einflüsse bilden das Herzstück dieses Sounds auf »No Condition Is Permanent«, die Ostinatos führen tendenziell eher weg von der Westküste und direkt ins Herz des afrikanischen Kontinents. Sehr viel melancholischer als die Musik vieler Kollegen aus dieser Zeit. Musik von großer, großer Schönheit. Die Pressung könnte besser sein.

Pippo Kuhzart
Charles Mingus
Oh Yeah
Speakers Corner • 1974 • ab 35.99€

Charles Mingus ist nicht Duke Ellington. Trotzdem haut der Zweimeterhüne auf »Oh Yeah« von 1962 in die Tasten. Am Bass zupft er auch rum, klar. Und seine Kernöl-Stimme zappelt durch die Aufnahmen, man könnte glauben, Nina Simone hätt sich im Studio vertan. Wer auf der Suche nach Mood Music für miserable Montagmorgen ist, greift zur Reissue auf Speakers Corners Records. Irgendwann kann man dann in Jazz-Zirkeln angeben, dass »der frühe Mingus« der beste gewesen sei!

Christoph Benkeser
Cleveland Francis
Beyond The Willow Tree
Forager • 2022 • ab 35.99€

Cleveland Francis war Kardiologe, bevor er sich ab Anfang der 1980er-Jahre in Vollzeit anderen Herzensangelegenheiten widmete: der Musik. »Beyond the Willow Tree« dokumentiert die Anfangsphase des Musikers, das heißt sein selbstverlegtes Debütalbum »Follow Me« und verstreute Releases und Demos aus den Jahren 1968 bis 1970. Was sich zuerst nach der normalsten oder generischsten Waschzettelprosa überhaupt liest, war in der Praxis aufrührerisch: Als schwarzer Künstler mischte Cleve Francis Folk mit Soul-Einschlag, nannte das Soulfolk und konnte mit diesem musikalischen Ansatz sogar totgenudelten Gassenhauer wie »Hey Jude« neues Leben einhauchen. Auch brachte er eine sozialpolitische Perspektive in den Post-Woodstock-Folk-Diskurs ein, an der es sonst im Kanon mangelt. Kurzum: Tolle Musik, wichtiger musikhistorischer Beitrag.

Kristoffer Cornils
DJ Zirk
Underworld
Northcyde Vinyl • 2002 • ab 42.99€

DJ Zirk sei der OG der Memphis-Rap-Szene, schreiben Leute in den YouTube-Kommis – und ich glaube ihnen, weil ich’s nicht besser weiß. Megan Thee Stallion sampelt seine Mukke jedenfalls, die $uicideboy$ und A$AP Rocky auch. Weil von denen sogar TikTok-Kids schon mal gehört haben, deshalb namedroppen wir fürs Realkeeping, obwohl mir Zirk dafür neun Millimeter unter die Monobraue wünschen würde. Anyway: DJ Zirk hat mit »Underworld« Anfang der 2002er ein Best-of veröffentlicht, das 20 Jahre später nicht ohne Grund aus den Druckerpressen rollte.

Christoph Benkeser
Duet Emmo
Or So It Seems
Mute • 1983 • ab 39.99€

Pop war 1983 vom Einsatz verstimmter Synthesizer mitunter ziemlich derangiert, oder er klang gleich wie eine Selbsthilfegruppe reparaturbedürftiger Industrieanlagen. Duet Emmo, ein Zusammenschluss des Wire-Nebenprojekts Dome und des Mute-Chefs Daniel Miller, kombinierte auf seinem leider einzigen Album »Or So It Seems« seltsam schöne Klagegesänge und das stoische Rumpeln undefinierbarer Geräuschquellen aufs unvollkommen Allerschönste. Beim Titelsong empfiehlt es sich, dazu des nachts langsam an verlassenen Fabrikanlagen vorbeizufahren. Im Auto, klar.

Tim Caspar Boehme
Ekkehard Ehlers
Plays
Keplar • 2002 • ab 33.99€

Ambient, Streicher, Samples und Drones für Robert Johnson, Albert Ayler, Cornelius Cardew, John Cassavetes und Hubert Fichte. Vor gut 20 Jahren würdigte Ekkehard Ehlers diese fünf sehr unterschiedlichen Künstler mit je zwei Kompositionen, die sich unter dem Titel »Plays« 2022 erstmals zusammen auf Vinyl wiederfinden. Instinktiv sucht man zwar nach möglichen Bezügen der Tracks zu ihren Namensgebern, aber man kann auch wunderbar, komplett ohne das Konzept zu berücksichtigen, die Schönheit dieser sanften elektronischen Klänge genießen – nun endlich auch am Stück.

Martin Silbermann
Farben (Jan Jelinek)
Textstar+
Faitiche • 2002 • ab 29.99€

Zwischen 1998 und 2000 hat Jan Jelinek unter dem Pseudonym Farben drei, vier bunte EPs auf Klang Elektronik veröffentlicht, die dann 2002 auf der CD-Compilation »Textstar« zusammengeführt wurden. In diesem Jahr ist diese Copmpilation um drei Stücke erweitert als »Textstar+« erstmals auf Vinyl wiederveröffentlicht worden. Was für eine Freude! Jan Jelinek legt als Farben seine Hand an Disco, nimmt winzigsten Partikelchen davon und macht daraus was ganz anderes. Macht Microhouse, so wurde das anno dazumal genannt. Der Track »Farben says: Love to Love You Baby« hat also nur noch dem Namen was mit Donna Summer zu tun, und ebenso »Live at the Sahara Toe 1973« mit Isaac Hayes. Was bleibt ist »Soul«.

Sebastian Hinz
Ferry DJimmy
Rhythm Revolution
Acid Jazz • 1971 • ab 32.99€

Als in Afrika die Kolonialherren abzogen, herrschte Aufbruchstimmung. Auf dem Kontinent regierten aufregende Fusionen afrikanischer und westlicher Stile die Radiowellen und Clubs. In Benin verschmolz der Multiinstrumentalist Ferry Djimmy Psychedelik, Funk und Soul unter dem Einfluss von Fela Kuti zu einer originären Version von Afrobeat, die heute noch kämpferisch klingt. Trotz staatlicher Förderung blieb Ferry Djimmy der große Erfolg verwehrt. Sein einziges Album »Rhythm Revolution« ist seit diesem Jahr wieder erhältlich.

Andreas Schnell
Full Moon Ensemble
Crowded With Loneliness
Comet • 1974 • ab 25.99€

Dem Vollmond werden besondere Eigenschaften zugesprochen. Er würde das Haupthaar sprießen und die Ernte reicher werden lassen und aus Menschen Wölfe machen. Dem Full Moon Ensemble gab er lediglich den Namen. Ausgeleuchtet von ihm bannte es die Vollmondeigenschaften in das 1970 erschienene Album »Crowded with Loneliness«. Viel los also in punkto Einsamkeit. Da sprießt es und wuchert reich zu komplexen Free Jazz Tracks, die sich dehnen und aufbäumen, lärmen und tosen, aber generell Bock auf Harmonie haben. Weswegen den Einsamen auch der französische Spoken Word von Sarah Touati willkommen ist, die hier energisch den Wolf macht.

Christian Neubert
Gnawa Music Of Marrakesh
Night Spirit Masters
Zehra • 1990 • ab 22.99€

Auch jenseits des Rifgebirges wurde tranceinduzierende Musik gemacht – und wird es bis heute noch. »Night Spirit Masters« versammelt Aufnahmen Bill Laswells aus dem Jahr 1990 in Marrakesch, die den Sound der Gnawa Music of Marrakesh erstmals einem größeren Publikum außerhalb Marokkos zugänglich machten. 32 Jahre später fällt einerseits auf, welchen exzellenten Job Laswell gemacht hat: Die vielen rhythmischen und melodischen Nuancen und Dynamiken dieser ebenso treibenden wie komplexen Musik hätten sich kaum besser inszenieren lassen. Und überhaupt die Musik: absolut zeitlose kollektive Ekstase. Die Master Musicians of Marrakesh am Werk.

Kristoffer Cornils
Harry Pussy
Superstar
Palilalia • 1993 • ab 36.99€

Du beherrschst kein Instrument, klopfst, kratzt und hämmerst aber gleichzeitig auf allen rum, nach acht Minuten hast du keinen Bock mehr, lässt die Sache wegen Einsicht über mangelndes Talent ruhen und studierst was mit Wirtschaft. Ne, scheiß drauf, machen wir fix nicht, werden sich die Rambo-Rüpel von Harry Pussy gedacht haben, als sie in den Neunzigern ein Studio auf die Grundmauern niederbrannten. Das Reissue »Superstar« auf Bill Orcutts Palilalia Records ist der Grund, warum deine Mama nicht wollte, dass du Schlagzeug lernst!

Christoph Benkeser
Hikaru Utada
First Love
Universal Japan • 1999 • ab 65.99€

Endlos geil wie so ein Kitsch-Bonbon das Bewusstsein zurück in die sehnsuchtsvolle Zeit der Teenie-Träumerein katapultieren kann. Weitestgehend im deutschsprachigen Raum unvermarktet geblieben, war Hikaru Utadas offizielles Solodebüt »First Love« die Blaupause schlechthin für süßen Dance-Pop zur Jahrtausendwende. In Japan ging die bi-linguale R&B-Ekstase so oft Platin wie bis heute kein anderes Album. Doch erst mit diesem Jahr gab es die Wiederauflage für den Plattenteller. Seitdem wird völlig überemotional durch die Wohnung gevibet.

Tim Tschentscher
Hydroplane
Hydroplane
Efficient Space • 1997 • ab 22.99€

Hydroplane war eine Band aus Australien. In den 1990er-Jahren lötete sie den Broadcast zwischen Dream Pop und Experimental-Geshizzle aus, den der Radiophonic Workshop der BBC in der Babyboomer-Generation aus den Transistoren spulte. »Hydroplane«, das Debüt von 1997, landete bei John Peel, der hievte das Ding kurzzeitig in die Charts. Danach verstaubte die Platte in den Läden – bis es, der Neuauflage bei Efficient Space sei Dank, erstmals in die NTS-Rotation kurvte. Ein All-time-Classic!

Christoph Benkeser
Ian Carr With Nucleus
Labyrinth
Be With • 1973 • ab 26.39€

Die Legende des altgriechischen Minotaurus, umgesetzt als Jazz-Rock-Album: Da hat man natürlich erst mal Schiss, wegen Peter und der Wolf und so. Oder man hört sich »Labyrinth« von Ian Carr und seiner Band Nucleus einfach mal an, ohne sich groß um sein verkopftes Thema zu scheren. Man braucht nämlich keinen stierköpfigen Halbnackten, um sich im titelgebenden »Labyrinth« zu verirren. Das 1973 erschienene Album becirct und umgarnt, lockt und lullt ein. Und spielt seine Trümpfe auch dann noch aus, wenn es einen eh schon gepackt hat.

Christian Neubert
Iannis Xenakis
Electroacoustic Works
Karlrecords • 2022 • ab 129.99€

Iannis Xenakis wäre dieses Jahr 100 alt geworden und natürlich muss das irgendwie gefeiert werden, auch wenn viele Veranstaltungen um das Werk des Komponisten der Mief von Musealisierung umweht. Mit dem umfassenden Box-Set »Electroacoustic Works« beweist das Berliner Label Karlrecords allerdings, wie wunderbar sperrig dessen Schaffen weiterhin bleibt. Klar, insbesondere das Frühwerk inklusive der Granularsynthesen-Origin-Story von Concrète PH mögen mittlerweile zum Kanon gehören. Das Spätwerk aber tut in Hörgang und Hirn noch ordentlich weh und Stücke wie »S.709« lassen den Merzbow-Katalog im Vergleich wie Wiegenlieder klingen. Muss auch erstmal jemand schaffen, konnte aber vermutlich nur Xenakis.

Kristoffer Cornils
Influenza Prods.
Memoire
Left Ear • 2022 • ab 27.99€

Immer, wenn du glaubst, dass du jetzt wirklich das allerletzte Synthi-Reissue aus den Achtzigern gehört hast, spult sich die nächste Kassette ab. Influenza Prods. klingt zwar nach einer Firma für Corona-Impfstoffe, war aber nur Freundschaft mit Benefits. Einer bestand darin, in mehreren Sprachen über Liebe zu trällern. Weil für »Mémoire« das Casio-Keyboard übers Band rauschte, klingt das heute so, als hätte ein wohlstandsverwahrloster Fischhutträger das Erbe seiner Oma für einen 4-Track-Recorder auf den Kopf gehauen.

Christoph Benkeser
Jacques Charlier
Art In Another Way
Seance Centre / Morning Trip • 2022 • ab 29.99€

Der Belgier Jacques Charlier hatte sich in den späten Siebzigern und Achtzigern als Underground-Künstler seinen Abdruck als Poet, Comiczeichner, Schauspieler, Filmemacher und auch Musiker hinterlassen. »Art In Another Way« ist eine Zusammenstellung dieser via 4-Track-Recorder und bislang nur auf Tape veröffentlichten Musik. Synthesizer, Gitarre, Drum-Machine und Gesang. 14 charmante, auf Loops basierende Stücke, die nicht über einen Stil, sondern vielmehr über die Produktion zusammengehalten werden und in ihrer Einfachheit einen gewissen Sog entwickeln.

Sebastian Hinz
Japanese Telecom
Virtual Geisha
Clone Aqualung Series • 2001 • ab 28.99€

Gerald Donald, der lebende Drexciyaner, hat viele Namen. Heinrich Mueller, Arpanet, Japanese Telecom! Ums neue Jahrtausend stieg Donald aus Atlantis auf, um mit Electro aus dem Gameboy ins gelobte Land zu brettern. Dort kappte er ein paar Telefonleitungen, presste das Signal durch einen Sequencer und verübte den Dopplereffekt: »Virtual Geisha«, das Clone neu auflegt, geht deshalb als inoffizieller Soundtrack zu Chris Markers »Sans Soleil« durch. Beklemmend wie eine Tee-Zeremonie auf DMT!

Christoph Benkeser
Jon Iverson
Many Worlds Interpretation
Séance Centre • 2022 • ab 28.99€

Cosmic Americana. Geil! Wenn ich mir ein Genre ausdenken dürfte, dann wäre es das. »Many Worlds Interpretation« versammelt sieben Stücke des kalifornischen Musikers Jon Iverson aus seinem »extensive home-studio archive«, die diese Bezeichnung zuerkannt wird. Musik, die also einerseits losgelöst von der Welt ist, und andererseits eben fest an die amerikanische Kultur gebunden. Mit spitzem Ohr gehört klingt die Musik wie eine Mischung aus südamerikanischer Gitarrenfolklore und elektronischer Pionierarbeit aus Deutschland. Also total interessant. Seit diesem Jahr erstmals auf Vinyl zu hören.

Sebastian Hinz
Jörg Thomasius
Acht Gesänge Der Schwarzen Hunde
Bureau B • 2022 • ab 23.99€

Die Aufarbeitung der sogenannten Kassettentäter-Szene aus dem letzten DDR-Jahrzehnt ist wohl noch lange nicht abgeschlossen und hat doch schon eine Fülle wunderbarer, wundersamer Musik wieder ans Tageslicht befördert. Jörg Thomasius trat ab Mitte der 1980er-Jahre mit einer Reihe von Tapes in Erscheinung, die meist in Kollaboration mit anderen Artists entstanden. »Acht Gesänge Der Schwarzen Hunde« allerdings versammelt Solo-Produktionen, die zwischen den Jahre 1980 und 1990 entstanden sind und gleichermaßen Bekanntes anzitieren zu scheinen, wie sie sich idiosynkratisch davon abgrenzen: Dub, Wave, Noise, Industrial, Musique concrète, New Age und noch andere Strömungen erfand Jörg Thomasius unter seinen eigenen Bedingungen kurzerhand selbst.

Kristoffer Cornils
Julius Eastman
Stay On It
Week-End Records • 1973 • ab 23.99€

Die posthume Ausschlachtung von Biografie und Oeuvre Julius Eastmans nimmt bisweilen bedenkliche Züge an: Wenn sich lilienbleiche Orchester vor einem bourgeoisen Publikum mit Opern-Abo damit brüsten, ein Stück des in Armut verstorbenen schwarzen Schwulen in ihr ansonsten stinklangweiliges Repertoire aufzunehmen, hat das ein Geschmäckle. Schöner ist dieses Archivprojekt, das zwei Aufnahmen aus den Lebzeiten des Komponisten zusammenbringt. »Stay On It« ist ein fast konventionelles Minimal-Music-Stück, das vor Freude überquillt, »The Holy Presence of Joan d’Arc« hingegen für zehn Celli geschrieben, die ordentlich auf den Putz hauen: ominös und mächtig. Julius Eastman darf hier seine Geschichte unter eigenen Bedingungen erzählen.

Kristoffer Cornils
Junko Ohashi
Magical Junko Ohashi's World III
HMV Record Shop • 1984 • ab 43.99€

Ah-ooooh! Der heilige Gral des City Pop hat es zurück in die Plattenläden geschafft. Mit der Erstveröffentlichung 1984 warf Philips eine Handvoll der besten Songs Junko Ohashis aus dem eigenen Katalog mit dem von Nippon Phonogram zusammen. Für lange als relativ obskur abgetan, erlangte erst mit der Entdecker-Lust des Internets ein gewisses Telefonnummer-Lied den völligen Kultstatus. Nicht weniger interessant aber ist der Rest von »Magical Junko Ohashi's World III«, der den Großstadt-Chic aus einer Zeit der Schulterpolster-Jacketts in mondäne Disco-Pop-Balladen überführt.

Tim Tschentscher
Kano
Another Life
Full Time • 1983 • ab 18.99€

Kano ist keine Musik. Kano ist eine Lebensentscheidung: Wer das Discoding aus dem Italien der Achtziger einmal gehört hat, ist hooked. Mit »Another Life« hat die Band eine Platte produziert, die man auf Bad-Taste-Partys, zum Closing nach 15 Stunden Pillepalle oder im Wohnzimmer volle Kanne mit den Nachbarn teilt. Wer den Lametta-Lifestyle mit Sounds aus einem Jahrzehnt Glitzer, Glanz und Gloria nicht erlebt hat, taut mit dem Reissue auf Full Time eine Zeitkapsel auf.

Christoph Benkeser
Konrad Kraft
Accident In Heaven
TAL • 1987 • ab 17.59€

Das zweite Reissue bei TAL von Detlef Funder alias Konrad Kraft. »Accident In Heaven« war 1987 die dritte Veröffentlichung auf dessen DIY-Label SDV, natürlich nur streng limitiert auf Kassette. Psych-Synth-Flächen treffen auf Industrial-Beats, Lärm und Indefinites auf Drones. Vor post-rockiger Schwere glucksen tanzbare Melodien, das Finale unternimmt Kausprechexperimente. Neu gemastert und auf Platte offenbaren die acht Tracks heute sehr viel Techno-Pioniergeist, der damals in Düsseldorf seiner Zeit voraus war.

Jana-Maria Mayer
Konstrukt & Peter Brötzmann
Dolunay
Karlrecords • 2011 • ab 26.99€

Peter Brötzmann wird oft als Titan des Free Jazz apostrophiert und das stimmt aber nicht: Titanen sind schwerfällig und ungesellig, er aber agil und ein guter Teamplayer. Das beweisen auch seine Kollaborationen mit Konstrukt, seit langem ein Fixstern der Improv-Szene. Diese sechs Stücke entstanden während eines ersten Zusammentreffens im Jahr 2008, als die türkische Gruppe nur vier Mitglieder zählte. Die kleine Besetzung ließ sich ausreichend Zeit und gab einander jede Menge Raum. Kein Wunder, dass auf »Dolunay« noch mehr folgen sollte.

Kristoffer Cornils
Laila Sakini & Lucy Van
Figures
Boomkat Editions • 2022 • ab 24.99€

2017 nur auf Kassette erschienen, wurde die von Laila Sakini zusammen mit Lucy Van aufgenommenne »Figures EP« in diesem Jahr neu gemastert und erstmals auf Vinyl veröffentlicht. Großartig gealtert, nämlich gar nicht, ist diese EP eine Art moderne Version der musikalischen Ideen von Leslie Winer, mit noch ein bisschen mehr Kanalisation, Schweröl, Baumharz, Erkenntnisphilosophie. Auf verwirrende Weise beglückend und nachdenklich zugleich.

Sebastian Hinz
Liars
They Threw Us All In A Trench And Stuck A Monument
Mute • 2001 • ab 27.99€

Als das Debüt der Liars im Oktober 2001 erschien, war die Ratlosigkeit groß. Sollte man die wegen dem Beinahe-Hit »Mr. You're On Fire Mr.« dem damaligen Dance-Punk-Hype zwischen The Rapture und Radio 4 zuordnen? Aber wie passt der ganze Noise und das 30-minütige »This Dirt Makes Mud« da rein? Nach gut 20 Jahren ist man (vermeintlich) schlauer, haben sich die Hörgewohnheiten verändert und Liars mächtig viele Häutungen und abrupte U-Turns in ihrem Schaffen hingelegt: »They Threw Us All In A Trench And Stuck A Monument« bleibt aber so rätselhaft und herausfordernd wie damals.

Martin Silbermann
Lining Time
Strike
Shadow World Archive • 1982 • ab 25.99€

Punk stellte die Behauptung auf, dass eigentlich alle alles können und Post-Punk forderte, dass dazu alle möglichen Mittel verwendet werden sollten. Lining Time fügten dem wiederum hinzu, dass auch radikale Reduktion ein adäquates Mittel sei. Auf »Strike« ist der Kampfgeist der frühen 1980er-Jahre zu hören, »Here I am« lauten nicht ohne Grund die ersten Worte dieses Albums, das von ebenso einfalls- wie abwechslungsreichen Vocal-Performances getragen wird. Auch wenn zwischendurch immer wieder getrommelt und/oder geschrammelt wird: Im Zentrum stehen die Sängerinnen, die als Kanon oder Chor auftreten – soll heißen als Kollektiv.

Kristoffer Cornils
Luc Ferrari
Solitude Transit Bande Magnétiques Inédites 1989-1990
Transversales Disques • 2022 • ab 24.99€

»Solitude Transit – Bande Magnétiques Inédites 1989-1990« reiht sich auf den ersten Blick in eine schier unüberschaubare Serie von Neuauflagen der Arbeiten von Luc Ferrari ein, doch handelt es sich dabei um bisher unveröffentlichte Aufnahmen aus seinem Spätwerk. Angefertigt wurden sie für eine Tanzperformance Anne-Marie Reynauds und sind dementsprechend formstrenger und, ja, kinetischer als einige von Ferraris elektroakustischen Kompositionen oder Werken aus der Musique concrète. Auf knapp 54 Minuten offenbart sich die Bandbreite von Luc Ferraris kompositorischen Fähigkeiten, die er mit den Mitteln seiner Zeit voll ausspielen konnte.

Kristoffer Cornils
Maha
Orkos
Habibi Funk • 2022 • ab 23.99€

Es gibt eine einfache Regel, der viel zu wenig Leute Beachtung schenken: Hast du schlechte Laune, hörst du Platten von Habibi Funk. Hast du gute Laune, hörst du bereits Platten von Habibi Funk. Was man in Berlin auf Discogs-Reisen zwischen Ägypten, Sudan und dem Libanon ausgräbt, wirkt wie eine Tageslichtlampe nach Sonnenuntergang. Sie erhellt – den Raum, die Stimmung, dein Leben! »Orkos«, die Platte von Maha aus Kairo, hält die Discokugel nicht an. Wer dazu nicht zumindest mit dem kleinen Zehen wippt, findet nie zur Erleuchtung!

Christoph Benkeser
Movietone
Peel Sessions
Textile • 2022 • ab 33.99€

Es ist im Rückblick kaum vorstellbar, aber selbst im Bristol der 1990er-Jahre wollten ein paar Leute noch nicht auf die Gitarre verzichten. Movietone war eine Art Supergroup, die sich aus Bands zusammensetzte, die sich noch tiefer im popkulturellen Gedächtnis verankern konnten: Flying Saucer Attack, Third Eye Foundation, Crescent und so weiter. Die Neuauflage ihrer »Peel Sessions« zwischen den Jahren 1994 und 1997 trägt ihrem Innovationsgeist Rechnung: Britischer Post-Punk hallt darin ebenso nach wie die Songs eine Brücke zu US-amerikanischen Slowcore- und Post-Rock-Bands wie Low und Tortoise schlagen, wobei das Ganze natürlich unüberhörbare Bristolisch eingefärbt ist. Was eine (Wieder-)Entdeckung!

Kristoffer Cornils
Mr. Fingers
Amnesia
Alleviated • 1989 • ab 32.99€

Sag über Deep House, was du willst: Besser als bei Larry Heard aka Mr. Fingers wird’s nicht. »Amnesia«, die erste LP der lebenden Discokugel aus Chicago, kam 1989 raus. Trotzdem glitzert der Dancefloor noch immer, als hätte man gerade erst drübergebohnert. Wer sich nicht mit knallbuntem Hosenscheißer-House zufriedengibt, findet mit dem Repress von Alleviated (übrigens: Das Label gehört Larry Heard, darauf hat er schon seine allerersten Tracks veröffentlicht) drei Scheiben, die wie eine Wärmeflasche unter der Pornodecke glühen.

Christoph Benkeser
Pape Nziengui Et Son Groupe
Kadi Yombo
Awesome Tapes From Africa • 1989 • ab 28.99€

Derweil sie oberhalb des Äquators noch damit beschäftigt waren, sich auf paternalistische (Fourth-)World-Music-Ansätze einen runterzuholen, waren Leute wie Papé Nziengui aus Gabon schon weiter. Auf »Kadi Yombo« brachte er traditionelle Tsogho-Musik mit Synthies und kreischenden E-Gitarrensoli zusammen. Was im Jahr 1989 auf alle erdenklichen Ebenen far out war und im direkten Umfeld stellenweise als ikonoklastisch gewertet wurde, lässt im Rückblick Vergleiche zum Madchester-Sound genauso zu, wie es die Patenschaft für die viel später in Mali produzierte Musik eines Luka Productions zu übernehmen scheint. Visionäre Musik, die das New Age auf dem Dancefloor anbrechen lässt.

Kristoffer Cornils
Pauline Oliveros & Reynols
Half A Dove…
Smalltown Supersound • 1999 • ab 26.99€

Pauline Oliveros hätte in diesem Jahr ihren 90. Geburtstag gefeiert, was bedeutet, dass sie zum Zeitpunkt dieser Aufnahmen über sechzig Jahre alt war. Nachdem in den vergangenen zweieinhalb Jahren reihenweise Boomers und einige Millennials am Mute-Button von Zoom scheiterten, zeigt diese Internet-Echtzeit-Kollaboration mit den argentinischen Psychedelic-Prankstern von Reynols aus dem Jahr 1999, wie weit beide damals schon waren. Vielleicht also kein Wunder, dass es nochmal über zwei Jahrzehnte dauern sollte, bis diese wilden Drone-James – Anla Courtis spielt ein Instrument namens »rubber foot«!? – das Licht der Welt erblicken sollten.

Kristoffer Cornils
Pharoah Sanders
Tauid
Impulse! • 1967 • ab 27.99€

Pharoah Sanders ist nicht mehr, oder zumindest ist er nicht mehr hier. Ende September verstarb die Ikone des Spiritual Jazz und hinterließ ein Erbe, aus dem noch ganze Generationen quer durch die Genres hinweg Inspiration beziehen werden können. Die Neuauflage von »Tauhid« allein ermöglicht es, einen Blick auf das Frühwerk des Solo-Künstlers zu werfen. Sein Impulse!-Debüt erschien im Jahr 1967 nach einer Japan-Tournee mit Coltrane und ist das Brainchild eines jungen Wilden, der vor der Hochphase des Rock schon den Post-Rock erfand, Spiritual Jazz den Funk einimpfte, Free Jazz von seiner freundlichsten Seite inszenierte – und noch viel mehr. Safe travels, Sanders.

Kristoffer Cornils
Piotr Kurek
Edena
Black Sweat Records • 2012 • ab 17.99€

Piotr Kurek hat 2022 mit dem fantastischen »World Speaks« begeistert und da scheint es nur mehr als angemessen, dass auch sein Album »Edena« zum zehnjährigen Jubiläum neu aufgelegt wird. Einerseits deutete sich darauf schon der recht wilde Umgang mit Vocals und Synthies an, der »World Speaks« zu einer so ungewöhnlichen Platte machte, andererseits schien »Edena« diverse Tropen der Hauntology-Ära unter anderen Vorzeichen neu zu interpretieren. Ein unvermuteter Shortcut zwischen Mort Garson, den bekiffteren Highlights des frühen Tangerine-Dream-Oeuvres, Mike Ratledges »Riddles Of The Sphinx«-Soundtrack und Dungeon Synth, wenn jeder Korg-Ton wie ein Kazoo klänge. Mindfuckmusik.

Kristoffer Cornils
Prodigy of Mobb Deep
Return Of The Mac
Get On Down • 2007 • ab 26.59€

Mit Mobb Deep kritzelte er seine Handschrift in die Gelben Seiten von Hip-Hop. Solo riss er sie wieder raus. Prodigy produzierte mit The Alchemist gegen den Mainstream und kassierte trotzdem ab – Credits, Cash, Collabos! Dabei sollte »Return Of The Mac« 2007 nur ein Mixtape werden, um Fans auf den »H.N.I.C.«-Nachfolger vorzubereiten. Es kam anders: Das Tape crashte in die Billboard-Charts. 15 Jahre später gibt’s das Gold bei Get On Down wieder auf Vinyl. Heads nicken, »Mac is Back«!

Christoph Benkeser
Project Pat
Murderers & Robbers
Project Records • 2000 • ab 30.99€

Das Jahr 2000: Project Pat kommt aus dem Knast, fährt nach Hause, staubt alte Erinnerungen ab und findet ein paar Tapes voller Tracks. Klingt geil, könnte man rausbringen, denkt er sich. Ein Name fürs Projekt ist schnell gefunden: »Murderers & Robbers« ist keine Worthülse. Project Pat, straight outta Memphis, weiß, worüber er seine 16er geschrieben hat. Menschen verschwinden, Goldketterln bouncen, Bitches werden … Na ja, Thug Life und so. Weil der Typ eine Menge Shit erlebt hat, geht die Platte locker als Polizeiprotokoll durch.

Christoph Benkeser
Rapoon
Fallen Gods
Abstrakce • 1994 •

Atmen ist durch Umweltmüll und Pandemie immer heikler geworden. Auch beim Nordengländer Robin Storey alias Rapoon, seinerzeit einer der Gründer der loopkundigen Postindustrialisten Zoviet France, sind seine indisch inspirierten Rhythmen, die er zu einer Art tribalistischem Ambient verwebt, so dicht, dass einem die Luft knapp werden kann. Einfach weil es einen so bannt. Und dann, mittendrin, das freie, zugleich schwere Fließen von »Breathing Gold«. Allein dafür lohnt »Fallen Gods« schon. Für den Rest aber ebenso. Repetition in Perfektion.

Tim Caspar Boehme
Reiko Kudo And Tori Kudo
Tangerine
A Colourful Storm • 2022 • ab 22.99€

Neben dem halben Dutzend Tenniscoats-Reissues und einer Neuauflage von Maher Shalal Hash Baz’ Kollaborationsalbum mit Bill Wells hätte »Tangerine« leicht untergehen können. Das wäre gleichermaßen poetisch wie passend, aber auch falsch gewesen. Die Jam-Sessions von Reiko Kudo und Tori Kudo im Londoner Café Oto und dem japanischen Village Hototoguiss Studio unterstreichen die radikale Durchlässigkeit, der sich das Minimal-Folk-Duo verschrieben hat: Hier dürfen von den Nachbar:innen angefangen bis hin zu verirrten Kids alle mitmachen, ihren Teil dazu beitragen, dass das dilettantische Genie der beiden zum kollektiven wird. Wie so oft bei den Kudos passt hier vieles nicht zusammen – und deshalb alles.

Kristoffer Cornils
Set Fire To Flames
Sings Reign Rebuilder
Fat Cat • 2002 • ab 45.99€

»Sings Reign Rebuilder« ist so eine Art heiliger Gral der Post-Rock-Geschichte, was eine sehr nette und borderline mystische Bezeichnung dafür ist, dass sich nach einem kurzen Hype erstmal niemand mehr für Set Fire to Flames interessierte und es aber ab Ende der Nullerjahre zunehmend mehr ausgehungerte Godspeed-You!-Black-Emperor-Fans als Methadonäquivalent benutzten. Der sehr klassische GY!BE-Sound wurde während der fünftägigen Aufnahmen dereinst im Kurzformat (und in Perfektion) durchgespielt, interessanter noch sind all die anderen Elemente: Dubbiger Trip-Hop, Leerstellen- und Dark-Jazz, Musique concrète, Schlechte-Laune-Ambient – kein Stück klingt wie das nächste und alle zusammen doch komplett überwältigend.

Kristoffer Cornils
Taras Bulba
Venier Le Temps
STROOM~ • 2022 • ab 25.99€

Fast dreißig Jahre nach ihrem bis heute weitgehend unbekannten Debüt, veröffentlichen Volkers Kahrs und Tom Redecker dieses Jahr via STROOM~ unter dem Titel »Venier Le Temps« eine Sammlung archivierter Perlen aus ihrem Schaffen. Als Taras Bulba hat das Duo schon in den frühen 1990er-Jahren Tribal Ambient und Trance mit New Age und Minimal Wave vermählt. Die Hochzeit fand im Untergrund statt, weitgehend ohne Gäste, hallt aber auch heute noch mit bestechend schönen Arrangements und traumartigen melodischen Motiven nach. Nostalgie in gedimmter Atmosphäre, die zum Hineinträumen aufruft.

Nils Schlechtriemen
The Cat's Miaow - Songs '94-'98
World Of Echo • 2022 • ab 33.99€

Australien ist nicht unbedingt für seine Musikszene bekannt, was aber vielleicht so überhaupt nicht auf die Musiker:innen, sondern vielmehr die ungerechte Verteilung globaler Aufmerksamkeit zurückzuführen ist. The Cat’s Miaow waren eine Indie-Band mit einem klassischen 1990er-Sound, irgendwie twee und doch treibend: beim Durchhören von »Songs 94-98« ließe sich denken, sie kämen aus irgendeiner mittelgroßen britischen Stadt und wären dereinst mit den Stone Roses und My Bloody Valentine auf Tour gewesen, bevor ein Konzert von ihnen zur Gründung von Broadcast geführt hätte. Fragile, verhallte und nicht immer professionell eingespielte Musik, die schätzungsweise bei Cherry Red und auf den ganz großen Bühnen gelandet wäre, hätte sich die Gruppe nicht im toten Winkel der internationalen Musikindustrie gegründet.

Kristoffer Cornils
Tia Blake & Her Folk Group
Folksongs & Ballads
Ici Bientôt • 1971 • ab 24.99€

Das die Art von Reissue, die nur alle handvolle Jahre mal erscheint. Ein verloren-geglaubtes Album, gejagt by many, für viele Jahre, das jetzt tatsächlich neu aufgelegt wurde. Tia Blake nahm »Folksongs & Ballads« Ende der Sechziger an nur einem Tag auf und es besteht nur aus Covern. Sie trägt sie mit gezupfter Gitarre und einer Stimme vor, die hell und präsent und gleichzeitig schüchtern und entrückt ist. Bis heute versuchen Bands, diesen Vibe zu finden, den wenigsten gelingt es. »Folksongs & Ballads« ist genau so groß wie die größten Folk-Reissues der letzten 20 Jahre, das Jackson C. Frank-Debüt, oder »Painting A Lady«; Sibylle Baier, Anne Briggs.

Pippo Kuhzart
To Rococo Rot
The John Peel Sessions
Bureau B • 2022 • ab 21.99€

Es gab eine Zeit, da hätten sich die John Peel-Fans Robert Lippok, Ronald Lippok und Stefan Schneider nie erträumt, mal Gäste in seiner Sendung zu sein. Dass sich die Begeisterung für ihre »The John Peel Sessions« aus den Jahren 1997 und 1999 mehr als 20 Jahre später nochmal in einer sorgsam kuratierten Platte niederschlägt, gewiss noch weniger. Ein so schönes wie wichtiges Zeugnis des kontemplativen Sounds, der ein neuer Electronica- und Post-Rock-Wegbereiter To Rococo Rot werden und das Rattern in einen komplett neuen Kontext stellen sollte.

Jana-Maria Mayer
Touraj
Me Without You, The Spring Without You
Fun In The Church • 2022 • ab 16.19€

PPP ist die handliche Abkürzung für die unhandliche Bezeichnung Pre-Revolutionary Persian Pop: Die Musik, die in Anlehnung an westliche Stile die letzten Tage des iranischen Schahs begleiteten und nach der Machtergreifung des islamischen Regimes im Jahr 1979 von der Bildfläche verschwand. Es hätte also keinen besseren Zeitpunkt für die Zusammenstellung dieser zwischen den Jahren 1973 und 1978 aufgenommenen Stücke Touraj Shabankhanis geben können: Durch diese von Pop, Soul und Funk inspirierten Songs weht zwischen viel Herzschmerz die große Sehnsucht nach Umschwung, das heißt Hoffnung auf ein besseres Leben – der Sound der Freiheitgelüste. Ein wichtiges, tatsächliches historisches Reissue-Projekt.

Kristoffer Cornils
V/A
Artificial Intelligence
Warp • 1992 • ab 25.99€

A classic as classic can be und vermutlich eine der einflussreichsten Compilations ever. 1992 Jahren startete Warp Records mit »Artificial Intelligence« eine Serie an wegweisenden Veröffentlichungen von Größen wie Aphex Twin, Speedy J, Autechre und Richie Hawtin. Mit der namensgebenden Compilation änderte Warp nicht nur seine eigene Zukunft. Techno bewegte sich ab diesem Zeitpunkt auch zielstrebig vom Club in die Wohnzimmer, ob als Ambient Techno oder unter dem vermaledeiten Titel Intelligent Dance Music (IDM). Anyway. Hiermit begann alles. Die Wiederveröffentlichung war nach 30 Jahren out-of-print echt überfällig.

Jens Pacholsky
Yutaka Hirose
Trace: Sound Design Works 1986-1989
WRWTFWW • 2022 • ab 30.99€

We Release Whatever The Fuck We Want (As Long As It’s From Japan and/or the 1970s or 1980s) mit dem nächsten Coup: Der Kankyō-Ongaku-Titan Yutaka Hirose hat dem Schweizer Label elf bisher unveröffentlichte Arbeiten zugesteckt. »Trace: Sound Design Works 1986-1989« ist in Klang und Stimmung noch einmal wesentlicher schroffer und fordernder als Hiroses Soundscape-Klassiker »Nova«, was auf seine Entstehung beziehungsweise den mit den Stücken verfolgten Zwecken zurückzuführen ist: ortsspezifische Kompositionen für Cafés, Bars und andere Nicht-Orte dominieren den ersten Teil, der zweite ist Soundtracks für Museen und Wissenschaftsorten gewidmet und adaptiert Methoden der Musique concrète ebenso, wie er einen Brückenschlag zu Noizu hinbekommt. Faustdicke Überraschung statt Wandtapetenmusik.

Kristoffer Cornils

Der Vinyl-Jahresrückblick 2022

Was waren die besten Schallplatten des Jahres?

Zum Webshop