Music Porträt | verfasst 17.01.2018
New Record Labels #35
Death Is Not The End, Lullabies For Insomniacs, Mainrecords & Meakusma
Jeden Monat stellen wir euch Plattenlabels vor, die neu bei uns im Webshop vertreten sind und/oder deren Entdeckung sich lohnt. Die Auserwählten diesmal: Death Is Not The End, Lullabies For Insomniacs, Mainrecords und Meakusma
Text Kristoffer Cornils, Niklas Fucks

Death Is Not The EndFind it at hhv.de: Death Is Not The End Death Is Not The End ist ein 2014 von Luke Owen gegründetes, britisches Plattenlabel aus London. Angolanische Gefängnisspirituals, spirituelle Harfengesänge, indigene Pilzrituale aus Mexiko und immer wieder Blues, Blues, Blues in allen seinen Formen – es ist eine denkwürdig obskure Mischung, die der Brite von London aus über sein Label und die gleichnamige, 2015 gestartete NTS-Radioshow in die Welt hinaus funkt. Seinen Anfang nahm das musikalische Spezialinteresse des Labelbetreibers schon früh. »Als Kind habe ich viel Folk und Blues aus der Plattensammlung meines Vaters gehört«, erinnert sich Owen. »Das ist mir erhalten geblieben. Ich habe auch immer schon viel experimentelle und internationale Musik gehört, was sich im Output des Labels niederschlägt.« Neben historischen beziehungsweise ethnografischen Aufnahmen zeigt sich dies auch in der Kollaboration mit dem russischen Label Ored Recordings, dessen Bemühungen sich auf traditionelle Musik aus der Kaukasusregion erstrecken und dem Death Is Not The End zwei Compilations gewidmet hat. Ähnlich sieht auch Owen die Aufgabe seines Imprints. »Es existiert als Versuch, interessante und unterschätzte Musik auszugraben, die mir zusagt. Ein Aspekt ist außerdem kulturwissenschaftlicher Natur.«

Neben den Ored-Aufnahmen finden sich zwischen all den Perlen aus vergangenen Tagen und abgelegenen Winkeln der Welt auch einige zeitgenössische Aufnahmen. Das kanadische Duo East Of The Valley Blues veröffentlichte Ende 2017 mit »Fayet« sein erstes Album auf Death Is Not The End. Darauf zu hören war minimalistischer, Blues-inspirierter Folk im Langformat – zwei Stücke auf rund 35 Minuten. Owen war zufällig auf die Musik der beiden Gitarristen gestoßen und sah einen Zusammenhang zu seinem eigenen Unternehmen. »Der Kram von John Fahey [US-amerikanischer Fingerstyle-Gitarrist, Anm d. Red.] hat mich von früh auf interessiert und ich denke mal, dass sie sich darauf beziehen. Hoffentlich wird es davon noch mehr geben, denn diese Art von Musik ergänzt das archivarische und ethnografische Zeug bestens.«

Komplementär zum Sound legt Owen auch Wert auf die Medien, über die er seine Musik vertreibt. Die meisten der Death Is Not The End-Releases sind auf Tape zu haben. »Kassetten waren das Format meiner frühen Kindheit und ich schätze mal, dass sie deshalb einen nostalgischen Wert für mich haben«, gibt er zu. »Ich denke aber ebenso, dass es zur Idee des Labels passt. Der Sound ist ein Faktor, denn das Rauschen ergänzt die sowieso schon knisternden Aufnahmen.« Das trägt ebenso zum quasi-hantologischen Charakter des Labels bei wie dessen Name oder der deutliche thematische Schwerpunkt. »Ich bin nicht religiös, habe mich aber immer dafür interessiert, wie Musik und Rituale miteinander korrelieren. Das schlägt sich aim Label nieder.« Auch das ist, wie eigentlich alles an Death Is Not The End, erfreulich unüblich. KC

Death Is Not The End bei Facebook | Death Is Not The End bei Twitter | Radiosendung von Death Is Not The End

Lullabies For Insomniacs 2Find it at hhv.de: Lullabies For Insomniacs Lullabies For Insomniac ist ein 2016 von Izabel Caligiore gegründetes Plattenlabel aus Amsterdam. Ein Blog, eine Radio-Sendung, DJing und schließlich ein Label: Was im Jahr 2017 wie eine völlig organische Entwicklung klingt, das gestaltete sich im Fall von Lullabies For Insomniacs noch weitschweifiger, als es auf den ersten Blick scheint. Die Australierin Caligiore begann 2012 auf ihrer eigenen Online-Plattform mit produktiver Musikforschung, derweil sie beim Lokalsender 106.7 PBS FM im australischen Melbourne auf freiwilliger Basis aushalf. Nebenbei arbeitete sie zugleich noch im Plattenladen, widmete sich ihrem Sound- und Musikstudium und legte in der Freizeit auf. Als sie 2015 jedoch nach Amsterdam umsiedelte, schien all das vorerst vorbei zu sein. Stattdessen hob sie ihr Lullabies For Insomniacs-Projekt, auf deren Homepage sie Mixe von unter anderem Sugai Ken, Donato Dozy, Zoviet France oder Georgia hostete, auf ein neues Level. Die erste Platte erschien 2016, »鯰上 – On The Quakefish« von Sugai Ken. Das Album markierte mit seinen hochauflösenden Ambient-Sounds den Beginn einer produktiven Anfangsphase für Caligiores Label, das mit jedem Release eine neue Überraschung bereit hält.

Auffällig ist mit Blick über den Backkatalog von Lullabies For Insomniacs zuerst das Miteinander von Archivmaterial und neuer Musik. Neben formalen Reissues von den Alben »Transreplica Meccano« des Ungarn László Hortobágyi sowie Yasuo Sugibayashis »The Mask Of The Imperial Family« und zwei Compilations alter Stücke des Gitarristen Graham Peter Halls und des Projekts Life Garden finden sich dort mit Unearth Noise und Tarotplane bisher fast gänzlich unbekannte Namen wieder. Vor allem aber besticht Lullabies For Insomniacs mit einer stilistischen Breite, die von sanften Ambient-Klängen über Proto-Industrial bis hin zu halluzinogener Psychedelik reicht. Was der gemeinsame Nenner dieser Platten ist? »Ich würde nicht sagen, dass es einen gibt«, antwortet Caligiore kurz und bündig. Das muss es sicherlich auch nicht und wenn überhaupt ist es gerade die Heterogenität, die ihr Label auszeichnet.

Caligiore gibt zu, von Südostasien fasziniert zu sein, sie hat Japanisch gelernt und ist in ihrer Jugend viel im pazifischen Raum herum gekommen. »Das mag vielleicht erklären, warum das Label ausgesprochen nicht-eurozentrisch ist«, heißt es dazu. Denn so viel ist ebenso klar: Die zumeist wortlosen Schlaflieder für Schlaflose werden nicht in den gängigen Mundarten gesungen, sie arbeiten sich selten an standardisierten Formeln ab. Caligiore möchte sich aber in keiner Hinsicht festlegen. »Ich bin auf der Hut davor, mich in eine Schublade stecken zu lassen.« Tatsächlich ist es vor allem eine schier unbändige Entdeckungslust, welche die DJ anzutreiben scheint. Das in Berlin ansässige Duo Air Cushion Finish etwa schrieb sie persönlich wegen ihrer freiförmigen, auf Vokalexperimenten und subtiler Elektronik basierenden Musik an und konnte 2016 deren »Flink«-LP veröffentlichen. Andere Platten kamen über die Gastmixe auf der Online-Plattform und den daraus entstehenden Austausch mit verschiedenen Produzenten zustande. Vielleicht ist zumindest das so eine Art gemeinsamer Nenner: Dass beim Label wie auf der darauf erscheinenden Musik alles beständig im Fluss bleibt. KC

Lullabies For Insomniacs bei Facebook | Lullabies For Insomniacs bei Soundcloud | Website von Lullabies For Insomniacs

Mainrecords Label LogoFind it at hhv.de: Mainrecords Mainrecords ist ein 2007 von Matthias und Christian Schildger gegründetes Label aus Offenbach am Main. Dort, in direkter Nähe zum Technobabylon Frankfurt, betreibt das Brüderpaar seit 2001 den Plattenladen Mainrecords, aus dem auch das Label operiert. Allerdings sollte man eher von Labels sprechen, denn Mainrecords ist nur ein Bruchteil eines von außen kaum durchschaubaren Netzwerks aus Pseudonymen, Labels und Unknown Artists , das sich die beiden über die Jahre aufgebaut haben: Christian aka Locke, produziert auch als Dermaptera, ausschließlich auf dem gleichnamigen Sublabel. Matthias veröffentlicht auf verschiedenen Labels als Matt Star, doch auch er bedient mehrere genrespezifische Pseudonyme mit Mainrecords-Sublabels: Als und auf Yam Yam gibt es seinen Houseoutput, als Starbug experimentiert er mit minimalem Techno und Star_dub ist Dub Techno gewidmet. Außerdem entstammen Labels wie Repeat Musik, WirrWarr und C-Lektro dem Offenbacher Dunstkreis.

Diese Situation ist wohl auch der Grund, warum auf Mainrecords selbst unregelmäßig der Brüder oder ihrer Wegbegleiter erscheint, obwohl allein die beiden Betreiber einen beachtlichen Output in tanzbaren 12inches haben. Konzepte werden auf den Sublabels durchgezogen, bei Mainrecords erscheint, was nirgendwo direkt passt, aber raus muss. »Bei Mainrecords ging und geht es hauptsächlich darum, unsere Musik zu veröffentlichen. Der Fokus liegt dort eher weniger auf Ästhetik, die haben wir uns für andere Labels, die wir betreiben, vorbehalten«, gesteht Matthias. Deshalb ist Mainrecords als quasi-Auffangbecken mit seinen knapp 20 Releases weniger ein statisches Label mit klassisch rotem Faden, als ein Querschnitt in die sich wandelnden Vorlieben der Labelbetreiber. Die haben als Plattenladenbetreiber und DJs natürlich ihr Ohr am Gleis und entwickeln sich weiter: Erschienen auf Mainrecords vor knapp zehn Jahren noch vorwiegend Tech House und minimaler Techno, so stehen die neusten Releases oft in der Electrosektion. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Brüder sich dem Beatportmainstream auf dem Rücken von Genrehypes anbiedern, im Gegenteil: von den undurchsichtigen Aliassen bis hin zur sporadischen Vermarktung scheinen die beiden Labelbetreiber das Leben im Untergrund zu genießen. Die Geschichte des ersten Releases, »Sternfeenwald« von Matt Star, ist dabei sinnbildlich für die Rolle von Mainrecords im Labelgefüge der Gebrüder Schildger: »Diesen Track spielte ich schon einige Zeit von CD, an meinem Geburtstag hatten wir eine Veranstaltung und auf einmal mixte Christian den Track von Platte rein. Es war meine Geburtstagsüberraschung und gleichzeitig der Beginn vom Mainrecords Labels.« Techno vom Familienesstisch, herzerwärmender werden brachiale Dancefloorbretter selten. NF

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MeakusmaFind it at hhv.de: Meakusma Meakusma ist ein 2008 von Christophe Houyon und Michael Kreitz gegründetes, belgisches Plattenlabel aus Eupen. Der Osten Belgiens mag zwar vergleichsweise beschaulich wirken, kann aber auf eine Rave-Geschichte bis tief in die neunziger Jahre zurückblicken. Houyon und Kreitz waren vor allem in deren experimentelleren Ausläufern unterwegs, insbesondere Kreitz in seiner Tätigkeit als DJ und Mitglied des Vereins Klangforschung Ost, mit dem er Artists wie Electric Indigo, I-F oder Christian Morgenstern nach Belgien buchte. Nachdem er einige Zeit für ein lokales Festival Acts wie Richard Devine neben die Toten Hosen auf die Bühne stellte, lernten sich die Beiden schließlich nach ihrem Umzug in die Landeshauptstadt Brüssel kennen, wo Meakusma im Jahr 2004 seinen Anfang als Veranstaltungsreihe nahm. Aus dieser ist nicht nur das Label, sondern im Jahr 2016 sogar ein eigenes Festival entstanden. »Den Veranstaltungen, dem Label sowie auch dem Festival liegt eigentlich der gleiche Geist zugrunde: die Lust, die Musik, die man entdeckt hat, auf die ein oder andere Art zu teilen«, erklärt Kreitz den Zusammenhang zwischen Konzerten, Festival und Label. Zu eng wollen die beiden, die seit 2016 von David Langela bei der Labelarbeit unterstützt werden, diesen Konnex aber auch nicht halten: »Ein Kollektiv, welches sehr häufig die Labelkünstler auf ihren Veranstaltungen bucht und/oder versucht, mit ihnen auf Tour zu gehen, wollten wir von Anfang an nicht werden«, so Kreitz entschieden.

Mit Blick auf den Katalog des Labels zeigt sich dementsprechend auch eine musikalische Vielfalt, deren Wurzeln in der House- und Techno-Szene ebenso wie ein ausgeprägtes Interesse für experimentelle Spielarten offensichtlich ist. Roger23, Move D & Benjamin Brunn, Vakula oder Terrence Dixon waren beispielsweise auf dem ersten Release – einer Kollaboration mit dem schottischen Label Ampoule – zu hören, in jüngeren Releases der Kölner House-Produzentin Viola Klein zieht sich dieses Interesse fort. Die spielerische Experimentalität von Meakusma als Label schlug sich allerdings schon ebenso früh nieder. 2010 veröffentlichte der Detroiter Techno-Head Dixon die EP »Room 310« über Meakusma. Darauf zu hören: ein überlanger Jazz-Remix des Titelstücks. So gesellen sich neben klassische Dance-Releases und grenzgängerische Produktionen von etwa Madteo, Mix.Mup oder den Different Fountains auch Drone-Platten von Giraffe und die eigenwilligen Dub-Interpretationen eines Lord Tang. »Wir machen da keinen Unterschied«, sagt Kreitz angesichts der bunten Mischung. _»Die Entscheidungen, die wir beide treffen, kommen größtenteils aus dem Bauch heraus. Das verhält sich beim Festival sehr ähnlich und spiegelt eigentlich auch überhaupt unsere Haltung zur Musik wider.« Und so gestaltet das mittlerweile auf drei Personen angewachsene Team mit Konzerten, einem Festival und nicht zuletzt dem Label die Szene Ostbelgiens aktiv mit. Von wegen beschaulich. KC

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Vinyl-Sprechstunde
Scotch Rolex – Tewari
Ist es Hip-Hop? Ist es Metal? Ist es Dancehall? Ist es Musik, die du nicht raffen wirst? Ist es unfair, dass die Clubs geschlossen sind? Unsere Vinyl-Sprechstundler gehen gleichermaßen clubhorny wie verstört aus DJ Scott Rolex’ »Tewari«.