Music Review | verfasst 20.08.2018
Autechre
NTS Sessions
Warp, 2018
Text Jens Pacholsky
Deine Bewertung:
9.2
Nutzer (5)
9.0
Redaktion
Cover Autechre - NTS Sessions

Mal ganz ehrlich, wer braucht schon Autechre-Reviews? Da wird bei den neuen »NTS Sessions 1-4« akademisierend Karlheinz Stockhausen vors Loch geschoben (Pitchfork) oder im Rolling Stone die abgenagte IDM-Keule geschwungen und verwundert von »inhuman sounds, melodies and rhythms built through programming code« gefaselt (No shit, Sherlock!). Selbst Resident Advisor kommt nicht an der Krücke vorbei, dass Autechre anno 1993 so unglaublich melodisch waren. Die Vergangenheitsbewältigung altgedienter Autechre-Fans hält in vielen Foren noch immer an. Zumindest in einem hat Resident Advisor recht: Es grenzt an Realitätsverweigerung, dass Autechre sich selbst schon so unglaublich durchdekliniert haben und trotzdem mit jedem Release neue Fälle aus dem Ärmel schütteln. Die Finno-ugrischen Sprachen sind ein Scheiß dagegen.

Aber Autechre bleiben eben auch die einzigen legitimen Vertoner der Quantenfeldtheorie. Work in progress and full of dynamics. Sie evozieren den Schmetterlingseffekt und kitzeln die Wellen, bis Jupiter twerkt. Während wir mittendrin um die eigene Achse wirbeln und uns die Köpfe an der Zimmerdecke stoßen. Kein Wunder, dass sich elektronische Enthusiasten seit 23 Jahren an Autechres drittem Album »Tri Repetae« die Copycat-Zähne ausbeißen – und bei den seitdem veröffentlichten 11 Alben vermutlich ihre Lemmingsandalen überstreifen. Autechres Studien zur nichtlinearen Dynamik hängen halt wie Pollock-Schüttelbilder vorm Trommelfell. Und bescheren im selben Atemzug mit Sounddesign-Clusterbomben wie »violvoic« mehr Orgasmen, als alle Cumshot-Compilations aus der Cloud. Und wenn das nicht reicht: Autechre haben mal eben acht Stunden neue Musik veröffentlicht. Die fickt dir dein Hirn bis Alpha Centauri und spuckt es dort ohne Anzug ins Gleißen der Sterne.

Und du so: BONUSTRAAAACKS!

Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 01.07.2010
Autechre
Move Of Ten
Autechre kennen sich nicht nur in der akustischen Verstörung bestens aus, in diesem Jahr haben sie auch zu alter Form zurückgefunden.
Music Review | verfasst 28.02.2008
Autechre
Quaristice
Autechre schnitzen auf »Quaristice« zwanzig äußerst unterschiedliche Emotionsskizzen rund um Unterwelt-Acid, Oldschool Electro und Ambient.
Music Review | verfasst 05.03.2013
Autechre
Exai
Gardine runter, Fenster auf, Hallo Welt: »Exai« ist die Konsequenz aus 20 Jahren Autechre.
Music Review | verfasst 25.10.2013
Autechre
L-Event EP
Wer nach der »L-Event EP« ernsthaft noch gerade denken kann, ist ein echt abgebrühter Bastard.
Music Review | verfasst 15.10.2020
Autechre
SIGN
»SIGN« ist das erste Album seit von Autechre seit 2013 und die Musik darauf ist so unmittelbar faszinierend, wie seit 20 Jahren nicht mehr.
Music Review | verfasst 26.11.2020
Autechre
PLUS
Nur wenige Wochen nach »SIGN« lassen Autechre »PLUS« folgen. Qualitativ bleiben auch hier keine Wünsche offen.
Music Kolumne | verfasst 16.11.2016
Records Revisited
Autechre – Tri Repetae, 1995
Das dritte Album von Autechre ist ein Werk in mehreren Dimensionen. Es ist Befreiungsschlag, Meilenstein und Neudefinition eines ganzen Genres. Nicht zuletzt hat es eine ganze Generation nachfolgender elektronischer Musiker geprägt.
Music Review | verfasst 02.08.2012
Lego Feet
SKA001LP (Re-Release)
Erstmals seit 1991erscheint »SKA001LP« wieder auf Vinyl, inklusive 37 Minuten bislang unveröffentlichter Tracks.
Music Review
Park Hye Jin
Before I Die
»Before I Die«, das Debüt der aus Südkorea stammenden Musikerin Park Hye Jin, folgt einer ausgeklügelten Architektur.
Music Review
Xique-Xique
Na Lagoa
»Na Lagoa«, in die Lagune, begeben sich das brasilianische Duo Xique-Xique auf ihrem jetzt veröffentlichtem Debütalbum.
Music Review
Tülay German & François Rabbath
Tülay German & François Rabbath
Auf ihrem Debüt setzten sich Tülay German & Francois Rabbath 1980 mit türkischer Folklore auseinander. Das klingt weiterhin zeitlos.
Music Review
Sarah Davachi
Antiphonals
Milchig schimmernde Perlen: Die kanadische Musikerin Sarah Davachi hat mit »Antiphonals« ein großartiges neues Album veröffentlicht.
Music Review
Cass.
Ambient Music For A Young Girl
Von wegen Schnullerersatz: Cass.’ neues Album »Ambient Music For A Young Girl« bietet Ambient auch für Erwachsene an.
Music Review
Ian Carr
Belladonna
»Belladonna«, Ian Carrs Kleinod aus dem Jahr 1972, wurde jetzt wiederveröffentlicht. Jazzliebhaber sollten zugreifen.
Music Review
Arpanet
Inertial Frame
Die Vergangenheit holt die Zukunft ein: Mit »Inertial Frame« wird nun das letzte Album von Gerald Donalds Projekt Arpanet neu aufgelegt.
Music Review
Duval Timothy
Sen Am
»Sen Am«, das 2017 veröffentlichte Album von Duval Timothy ist nun auf Schallplatte erhältlich. Es hat von seiner Kraft nichts eingebüßt.
Music Review
Al-Dos Band
Doing Our Thing With Pride
1976 aufgenommen, nie veröffentlicht, bis jetzt: Kalita bringt »Doing Our Thing With Pride« der elegant funkelnden Al-Dos Band zum Leuchten.
Music Review
The Pro-Teens
I Flip My Life Every Time I Fly
Ist Melbourne die Hauptstadt des Retro-Funk? Mit »I Flip My Life Every Time I Fly« schickt sich eine weitere Band an, das zu bestätigen.
Music Review
F.S.Blumm & Nils Frahm
2x1=4
»Brahms is nice, but King Tubby is nice as well.« Auf »2x1=4« fröhnen F.S.Blumm und Bils Frahm dem musikalischen Erbe der Dub-Musik.
Music Review
DJ Seinfeld
Mirrors
»Mirrors« heißt das zweite Album des schwedischen Produzenten DJ Seinfeld. Und verglichen mit früherer Musik, sind die Spiegel gut geputzt.
Music Review
Badge Epoch
Scroll
Mit wechselnden Musikern scrollt sich Max Turnbull aka Badge Epoch auf »Scroll« von Stück zu Stück durch Stile und Genres. Aber etwas fehlt.
Music Review
CHVRCHES
Screen Violence
Die schottische Band CHVRCHES positioniert sich auf »Screen Violence« politischer als jemals zuvor.
Music Review
Sorcerer
Kids World
»Kids World«, das neue Album des kalifornischen Musikers Daniel Saxon Judd aka Sorcerer ist bei Growing Bin erschienen.
Music Review
Sofie Birch & Johan Carøe
Repair Techniques
»Repair Techniques« ist ein klassisches Sofie-Birch-Album, aber nicht allein dank der Mitwirkung von Johan Carøe auch weit mehr als das.
Music Review
Leo Acosta
Acosta
Eine weitere musikärchäologische Ausgrabung ist dem Label Mad About mit »Acosta«, dem 1970 veröffentlichtem Album von Leo Acosta gelungen.
Music Review
Space Afrika
Honest Labour
Beim neuen Album von Space Afrika, »Honest Labour«, das soeben bei Dais Records veröffentlicht wurde, ist man auf diffuse Weise ergriffen.
Music Review
Villagers
Fever Dreams
Auf »Fever Dreams« schaffen die Villagers farbenprächtige Landschaften oder wie sie es nennen: Goldminen süßer Erinnerungen.
Music Review
Li Yilei
之/OF
Mehr als nur die übliche Pandemieplatte: Auf »之/OF« bringt Li Yilei eine prekäre Stimmungslage meisterhaft zum Ausdruck.
Music Review
Ebi (Susumu Yokota)
Space Teddy Collection II
Weitere tolle Tracks des 2015 verstorbenen japanischen Produzenten Susumu Yokota sind jetzt als »Space Teddy Collection II« erschienen.
Music Review
Joy Orbison
Still Slipping Vol.1
Mit »Still Slipping Vol.1« traut sich Joy Orbison erstmals mit einem Release jenseits der 25 Minuten.
Music Review
Devendra Banhart & Noah Georgeson
Refuge
Runterkommen und nach innen Horchen: Devendra Banhart und Noah Georgeson haben mit »Refuge« ein konsequent spirituelles Album aufgenommen.
Music Review
Lingua Ignota
Sinner Get Ready
Runde drei von Lingua Ignotas Abrechnung mit jenem Peiniger, der sie jahrelang unterjochte und für alle machtgeilen Arschlöcher steht.
Music Review
Various Artists
Habibi Funk: An Eclectic Selection Part 2
Das Berliner Label Habibi Funk legt mit »An Eclectic Selection Part 2« eine neue Compilation mit Musik aus der arabischen Welt vor.
Music Review
VC-118A
Spiritual Machines
Mit »Spiritual Machines« legt der Niederländer Samuel van Dijk als VC-118A abermals ein erstklassiges Album vor.
Music Review
Moin
Moot!
Gemeinsam mit Valentina Magaletti hat das Duo Raime sein Projekt für die LP »Moot!« nicht nur reaniminiert, sondern auch gleich erweitert.
Music Review
El Michels Affair Meets Liam Bailey
Ekundayo Inversions
Die Ideen gehen Leon Michels nicht aus: Auf »Ekundayo Inversions« remixt El Michels Affair das letzte Album des Reggaemusikers Liam Bailey.
Music Review
Various Artists
Modern Love (A Tribute To David Bowie)
Die Compilation »Modern Love (A Tribute To David Bowie)« such nach Bowies Verbindungen zu Soul, R&B, Jazz, Funk, Gospel.
Music Review
Don Rendell Quintet
Space Walk
Auf Decca werden jetzt Highlights des britischen Jazz wiederveröffentlicht. Darunter »Space Walk« des Don Rendell Quintets von 1972.
Music Review
Takeshi's Cashew
Humans In A Pool
Die Wiener Gruppe Takeshi’s Cashew feiern mit »Humans In A Pool« das Chaos unserer Zeit und den Übermut des Lebens.
Music Review
Prince
Welcome 2 America
»Welcome 2 America« deutlich mehr als ein weiteres Spätwerk von Prince und erweist sich als erstaunlich runde Sache.
Music Review
Various Artists
Journeys In Modern Jazz: Britain 1961-1973
Die Compilation »Journeys In Modern Jazz: Britain 1961-1973« erkundet eine hochinspirierte Szene, die sich zu dieser Zeit freigespielt hat.
Music Review
Billie Eilish
Happier Than Ever
Billie Eilish hat ihr zweites Album veröffentlicht und ist »Happier Than Ever«. Darauf erfindet sie sich neu.
Music Review
The Wooden Glass & Billy Wooten
Live
Gelinde gesagt, der Hammer: Das 1972 aufgenommene »Live« von The Wooden Glass und Billy Wooten ist jetzt wiederveröffentlicht worden.
Music Review
Art Blakey And The Jazz Messengers
Chippin In
“»Chippin In«, die letzte Aufnahme von Art Blakey and his The Jazz Messengers von 1990 ist bei Tidal Waves wiederveröffentlicht worden.
Music Review
Robag Wruhme
Speicher 117
So langsam bitten die DJs wieder zum Tanz: Robag Wruhme stapft mit »Speicher 117« in Siebenmeilenstiefeln Richtung Floor.
Music Review
Leslie Winer
When I Hit You You'll Feel It
Mit »When I Hit You You’ll Feel It« wird das aufregende musikalische Werk der Künstlerin Leslie Winer endlich ausgiebig gewürdigt.
Music Review
TORRES
Thirstier
Mit ihrem fünften Album »Thirstier« sucht die große Geschichtenerzählerin TORRES die großen Emotionen.
Music Review
Hiroshi Suzuki
Cat
»Cat« des japanischen Posaunisten Hiroshi Suzuki genießt einen fast kultischen Status unter Sammlern. Jetzt wurde es wiederveröffentlicht.
Music Review
MKS
Musical Keyboard System
MKS, »Musical Keyboard System«, hieß das kurzlebige Projekt des Franzosen Nicolas Aubard. Vier Tracks wurden jetzt wiederveröffentlicht.