Autechre

Exai

Warp Records • 2013

Wer hätte gedacht, dass Künstler der experimentellen, elektronischen Musk für einen solchen Aufruhr sorgen können? In diesem Zusammenhang hat Warp Records in den 1990er Jahren alles richtig gemacht. Aphex Twin, Squarepusher und Autechre sind seit jeher die Grundpfeiler dieses Labels und selbst der beste neue Act kann sich nur in deren Schatten stellen. Das spiegelt sich am besten auf dem wohl am längsten existierenden Online-Forum für Elektronische Musik, We Are The Music Makers wider. Als im September letztes Jahr The Designers Republic ankündigten, am Cover des nächsten Autechre-Albums zu arbeiteten, ging das kollektive Durchdrehen los. Der zugehörige Thread des Forums begann mit völlig durchgeknallten Entwürfen möglicher Cover Artworks. Über die Monate schlossen sich bis in den Januar hinein die Spekulationen und Masturbationsträume der möglichen Stilrichtung des Albums an. Zurück zu den Beats? Veröffentlichung der viel radikaleren Live-Interpretationen von »Oversteps«? Ein neues Genre? Als Januar die ersten Promo-CDs verschickt wurden, lagen die Nerven im Forum blank. Keine Leaks weit und breit. Tränen flossen, Mütter wurden für Hörproben angeboten, Zwangsjacken wurden verteilt. Der Moderator war kurz davor, wegen zu viel Geflenne den Thread zu schließen. Dieser verzeichnete Mitte Februar über 250.000 Aufrufe. In über 5.500 Einträgen auf 270 Seiten wurde Leid geklagt, debattiert, gewütet und fantasiert. Als Ende Februar endlich die digitale Veröffentlichung vorverlegt wurde (bis dahin gab es keinen verzeichenbaren Leak des Albums!), war kurz Stille. Die Forummitglieder hatten sich als Flashmob in die wenigen Online-Shops verabschiedet und legten diese umgehend lahm.

Seitdem herrscht wieder volle Euphorie im Forum. Auf Vierfach-LP und Doppel-CD randalieren Autechre in über zwei Stunden Musikforschung. Und ermöglichen endlich die logische Schlussfolgerung, weshalb es ohne das durchwachsene zehnte Album »Oversteps« nicht ging. Nachdem Autechre sich seit »Chiastic Slide« immer weiter von Melodiestrukturen entfernt und sich auf die Abstrahierung des Beats konzentriert hatten, war »Oversteps« der Abschluss, eine Pause. Es war der letzte Baustein im Klanggarten. »Exai« ist deshalb die Konsequenz aus 20 Jahren Autechre. Hier versammeln sich Rhythmusabstraktion und eine Menge Krach neben riesengroße Synth-Leinwänden und kehren zu Autechres Wurzeln zurück, welche sie 1991 erstmalig als Lego Feet in die Welt pflanzten: Hip Hop. Natürlich machen Sean Booth und Rob Brown nun nicht auf Kanye West oder J Dilla. Die Mikrowelt des perfekten Sound-Designs, der nicht nachvollziehbaren Modulationen und der extremen Strukturverschiebungen expandiert auch auf »Exai«. Dennoch bilden die 17 Titel im Kern das HipHop- und Funkalbum Autechres. Und machen ihr elftes Album damit zugleich zum zugänglichsten Album seit dem 1994er »Amber«. Nicht immer halten sie dasselbe unbezwingbare Level. Neben absoluter Brillanz weist das Doppelalbum auch ein paar Längen auf, die sich durch Überlänge einzelner Titel, Selbstreferenzierung oder unerwartete Simplizität der Tracks manifestieren. Als hätten sich Autechre von all dem Kabelsalat ein Stück weit befreit. Gardine runter, Fenster auf, Hallo Welt. Und selbst in diesen Momenten sind Autechre dem Rest der Elektronikwelt noch Meilen voraus.

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