Music Review | verfasst 29.11.2019
Function
Existenz
Tresor, 2019
Text Nils Schlechtriemen
Deine Bewertung:
8.0
Nutzer (2)
9.1
Redaktion
Cover Function - Existenz

Gut ein Vierteljahrhundert ist David Sumner nun Teil der Technokultur zwischen New York und Berlin – eine Zeit in der sie sich genauso verändert hat wie er. Waren die ersten EPs als Function bei Damon Wilds Label Synewave und Infrastructure New York während der 90er noch von stringentem Minimalismus dominiert, funktionierte das faktische Debüt-Album »Incubation« von 2013 bereits auf ganz anderen Ebenen. Trotz offenkundiger FL-Synthese schoben sich da in Acid getauchte Rhythmen und sparsam, aber weit aufgespannte Orbital-Pads ebenso wie Ambient organisch ins Klangbild. Kaum ein Jahr später erschien die beruhigte Kollaboration mit Vatican Shadow, »Games Have Rules«, und nun also ein auf 17 Tracks verteilter Querschnitt all dessen, was diesen Mann als Produzenten bisher ausgemacht hat. Eklektizistisch ist »Existenz« daher zweifellos, essenziell aber auch, weil dieses Album über 111 Minuten hinweg von robotischen Vocoder-Gesten über die DJ-Sets eines Jeff Mills bis zum quasi-spirituellen Anspruch zeitgenössischer Clubkultur sämtliche Technotropen von damals bis heute ausformuliert, ohne sich der Beliebigkeit preiszugeben. Eier braucht es für ein Unterfangen dieses Kalibers, dem Function offenkundig mehr als gewachsen ist. Denn Imitationen sind keine in Sicht. Eher gleichen Tracks wie das träumerisch pulsierende »Sagittarius A (Right Ascension)« oder die Robert-Owens-Kollaboration »Growth Cycle« einer Symbiose alter Lektionen und neuer Effektmittel. Die Produktion bleibt dabei konzis und gerade so stark mit Details angereichert, dass zu keinem Zeitpunkt eine Entscheidung zwischen Nostalgie und Innovation ausgemacht werden kann – »Existenz« ist ganz von der Gegenwart als Produkt des Gestern und Vision von morgen fasziniert. Der mit dreieinhalb Minuten kürzeste Track »The Approach« bildet das in Vollendung ab: Febrile Stakkatosynths zittern über einem dicken Dreiviertel-Pochen, beschworen aus urbanen Nebeln und kontemplativer Annäherungen an die eigene Vergangenheit. Zunächst ohne Worte, fusioniert Function in »Alphabet City« oder »Golden Dawn« dann auch mit vokaler Unterstützung seiner besseren Hälfte Stefanie Parnow Stimmungen zwischen Dämmerung und Morgengrauen. »Interdimensional Interference« lässt genau wie »Distant Paradise« sachte Ambient Trance-Vibes zu, bevor der Industrial Techno von »Vampir« den Weg für das beinahe 12-minütige Finale »Downtown 161« freimacht, in dem die eskapistische Note dieses Albums vielleicht am charmantesten präsentiert wird. Kurzum: Extensiver Genusstechno ohne Aussetzer.

»Existenz« von Function fidnest du bei HHV Records: Vinyl 4LP
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 22.09.2014
Function + Vatican Shadow
Games Have Rules
Auf »Games Have Rules« treffen sich der perfektionistische Function und der chaotische Vatican Shadow in der Mitte.
Music Review | verfasst 27.08.2014
Drexciya
Neptune’s Lair
»Neptune’s Lair«, das Debütalbum der beiden Ausnahmeproduzenten James Stinson und Gerald Donald, gibt es nun als Re-release.
Music Review | verfasst 02.10.2014
Transllusion
The Opening of the Cerebral Gate
Transllusions »The Opening of the Cerebral Gate« ist eine abstrakte Studie in Electro-Atmosphären, die oft ganz ohne Melodien auskommen.
Music Review | verfasst 01.12.2014
Drexciya
Harnessed the Storm
»Harnessed the Storm« ist das einzige Album in der »Seven Storms«-Reihe, das unter dem Namen Drexciya erschien.
Music Review | verfasst 13.06.2017
Porter Ricks
Anguilla Electrica
Porter Ricks veröffentlichen mit »Anguilla Electrica« ihr erstes Album seit 18 Jahren. Das sitzt. Aber richtig.
Music Review | verfasst 28.03.2018
Second Woman
Instant / Apart – 12"
Mit ihrer 12" »Instant / Apart« versuchen Second Woman ihre entkörperlichte Musik in den Klub zu bringen. Das konnte nicht gut gehen.
Music Review | verfasst 28.06.2021
LNS & DJ Sotofett
Sputters
LNS und DJ Sotofett verneigen sich auf »Sputters« vor ihren Vorbildern und überführen deren Sounds gleichermaßen in die Gegenwart.
Music Review
Oliver Doerell & Jawad Salkhordeh
سایه (Sāje)
Für sein neues Projekt hat sich Oliver Doerell mit dem Iraner Jawad Salkhordeh zusammengetan. »»سایه (Sāje)« ist das Beste beider Welten.
Music Review
Trees Speak
Vertigo Of Flaws
Auf »Vertigo Of Flaws« erproben Trees Speak eine neue Vielseitigkeit. Die Grundelemente ihrer Musik bleiben aber erhalten.
Music Review
TRii Group
Interest In Music
Max Stocklosa wechselt seinen Künstlernamen oft. Auch auf »Interest In Music«, jetzt als TRii Group. Das Rätselhafte der Musik aber bleibt.
Music Review
You'll Never Get To Heaven
Wave Your Moonlight Hat For The Snowfall Train
Mit »Wave Your Moonlight Hat For The Snowfall Train« spinnt das kanadische Duo You’ll Never Get To Heaven weiter an kleinen Po-Träumereien.
Music Review
Leo Nocentelli
Another Side
Anfang der 1970er Jahre nimmt The Meter’s Leo Nocentelli ein Soloalbum auf. Keine fünfzig Jahre später ist »Another Side« erschienen.
Music Review
Ryuichi Sakamoto
Esperanto
1986 nur in Japan erschienen, ist Ryuichi Sakamoto’s »Esperanto« nun erstmals weltweit auf Schallplatte veröffentlicht worden.
Music Review
Beach Fossils
The Other Side Of Life: Piano Ballads
Die Beach Fossils um Chef-Slacker Dustin Payseur veröffentlichen mit »The Other Side Of Life: Piano Ballads« ein Pianoalbum.
Music Review
Fat Freddy's Drop
Wairunga
Fat Freddy’s Drop, eine der besten Live-Acts, veröffentlichen das live eingespielte Album »Wairunga«.
Music Review
Ben LaMar Gay
Open Arms To Open Us
Für sein Album »Open Arms To Open Us« holt der Jazzmusiker Ben LaMar Gay einige der Protagonisten der Chicagoer Szene zusammen.
Music Review
Pamela Z
Echolocation
Auf Freedom To Spend wurde unter den Titel »Echolocation« Musik der Künstlerin und Musikerin Pamela Z wiederveröffentlicht.
Music Review
Idee Du Femelle
Sequences
Mit Musica Maquina hat John Talabot ein Label aus der Taufe gehoben, um »Sequences« von Idee Du Femelle wiederzuveröffentlichen.
Music Review
Lee Ranaldo
In Virus Times
Rückzug, Einkehr und Besinnlichkeit: Mit »In Virus Times« hat auch Sonic Youth’s Lee Ranaldo ein »Corona-Album« veröffentlicht.
Music Review
David Behrman
ViewFinder / Hide & Seek
David Behrmans Werke gelten als Pionierstücke der elektronischen Avantgarde. Auf »ViewFinder / Hide & Seek« sind jetzt einige nachzuhören.
Music Review
Twit One
AUDDA Control
Überrascht trotz konventionellem Soundbild: Twit One hat mit »AUDDA Control« ein neues Album veröffentlicht.
Music Review
Mira Calix
Absent Origin
Wie oft musste Duchamp diesen Satz hören: Ist das Kunst oder kann das weg? Mira Calix nennt Duchamp als Inspiration für »Absent Origin«…
Music Review
Snail Mail
Valentine
Auf »Valentine« fallen die Gesten von Snail Mail noch größer als zuvor aus, am Effekt aber ändert das zum Glück nichts.
Music Review
Radiohead
Kid A Mnesia
Die beiden Radiohead-Klassiker »Kid A« und »Amnesiac« verbinden sich mit »Kid Amnesiae« zu »Kid A Mnesia«. Fans werden nicht vorbeikommen.
Music Review
Anz
All Hours
Sechs Stücke für einen 24-Stunden-Rave: Ambitioniert war Anz schon immer, mit »All Hours« aber wird sie zur Geschichtenerzählerin.
Music Review
L'Orange
World Is Still Chaos, But I Feel Better
»World Is Still Chaos, But I Feel Better«, das neue Album des Beatschmieds aus North Carolina ist fröhliche Weltuntergangsmusik.
Music Review
Lone
Always Inside Your Head
Die Melodien sind das Faustpfand, dass der Brite Lone immer wieder einbringt. So auch auf seinem neuen Album »Always Inside Your Head«.
Music Review
Lana del Ray
Blue Banisters
Nach »Chemtrails Over The Country Club« legt Lana Del Rey nach. »Blue Banisters« ist ein zur Musik gewordener Self-Care-Ratgeber.
Music Review
Bremer/McCoy
Natten
Jazz ist hip wie lange nicht mehr. Der Output ist groß. Mit »Natten« liefern die Dänen Bremer/McCoy einen großartigen Beittrag.
Music Review
Jamire Williams
But Only After You Have Suffered
Jamire Williams traut sich aus der Deckung und packt auf »But Only After You Have Suffered« die viele seiner musikalischen Facetten.
Music Review
Kuunatic
Gate Of Klüna
Das japanische Trio Kuunatic debütiert auf Glitterbeat mit »Gate of Klüna«, einem buchstäblich außerirdischem Psych-Rock-Meisterwerk.
Music Review
DJ Abilities
Phonograph
DJ Abilities meldet sich naxch über 20 Jahren mit einem Solo-Release, »Phonograph«, zurück. Alles fett und geil. Und nur 22 Minuten lang.
Music Review
Quantic & Nidia Góngora
Almas Conctadas
Acht Jahre nach einer gemeinsamen EP intensivieren Nidia Góngora und Quantic ihre Zusammenarbeit mit dem Album »Almas Conctadas«.
Music Review
Various Artists
Shouts 2021 Vol.1&2
Mit »Shouts 2021« setzt das britische Label Rhythm Section International seinem Sound ein zweites Denkmal in Form einer Compilation.
Music Review
El Michels Affair
The Abominable EP
Mit »The Abominable EP« veröffentlichen El Michels Affair weitere Stücke aus den Sessions zu »Yeti Season«.
Music Review
Trip Shrubb
Trewwer, Leud Un Danz
Auf »Trewwer, Leud Un Danz« remixt sich Trip Shrubb durch eine Folkways-Platte von 1952. Mit beklemmendem Ergebnis.
Music Review
Jarvis Cocker
Chansons D'Ennui Tip-Top
Mit »Chansons D’Ennui Tip-Top« liefert Jarvis Cocker zwölf Cover von französischen Popsongs. Super langweilig und total schön.
Music Review
Dean Blunt
Black Metal 2
ist das Nonsens? Vertonung des Post-Everything? Der Tag der Apokylapse? Nein, es ist »Black Metal 2«, das neue Album von Dean Blunt.
Music Review
Parquet Courts
Sympathy For Life
Auf »Sympathy For Life«, dem neuen Album von Parquet Courts, wird der gute alte Rock zum Grooven gebracht.
Music Review
Grouper
Shade
»Shade« ist das zwöfte Album oder so von Grouper und die Frage lautet: Kann Liz Harris das Niveau der Vorgänger halten? Antwort: Sie kann.
Music Review
Ka Baird & Pekka Airaksinen
FRKWYS Volume 17: Hungry Shells
Auf »FRKWYS Volume 17: Hungry Shells« trifft die Stimmperformerin Ka Baird auf einen Toten: den finnischen Komponisten Pekka Airaksinen.
Music Review
Efdemin x Vril
Endless / Purge
Das Label Sun Sad bringt für seinen Release »Endless / Purge« die beiden Techno-Größen Efdemin und Vril zusammen.
Music Review
Circuit Des Yeux
-io
Apokalpytische Metapher, schwarze Löcher: das neue Album »-io« von Circuit de Yeux ist erwartungsgemäß schwere Kost.
Music Review
Winter 2
Winter 2
Diffuses Gefühl des Verlorenseins: Winter 2 liefern mit ihrem Album »Winter 2« den Diskurs-Pop für das Jahr 2021.
Music Review
Viejas Raices
De Las Colonias Del Rio De La Plata
Wie für diese Gegenwart gemacht: »De Las Colonias Del Rio De La Plata« der argentinischen Band Viejas Raices von 1976 wurde neu aufgelegt.
Music Review
Henryk Debich
Zblizenie
»Zblizenie« deckt Kompositionen des polnischen Jazzers Henryk Debich zwischen 1974 und 1977 ab und ist ein guter Einstieg in sein Schaffen.
Music Review
Warda
Khalik Hena
Das zuerst 1973 veröffentlicht »Khalik Hena« von Warda wurde nun via WeWantSounds zum ersten Mal seit damals wiederveröffentlicht,
Music Review
Maugli
Alba
Ein ganzer Fuhrpark an Instrumenten ist auf dem bei YNFND veröffentlichtem Debüt »Alba« von Maugli zu hören.