Music Review | verfasst 27.11.2020
Nick Cave
Idiot Prayer Nick Cave Alone At Alexandra Palace
Bad Seeds Ltd, 2020
Text Harry Schmidt
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Redaktion
Cover Nick Cave - Idiot Prayer Nick Cave Alone At Alexandra Palace

Mit »Idiot Prayer: Nick Cave Alone At Alexandra Palace« hat der australische Songpoet die perfekte Lockdown-Performance kreiert. Am 19.6.2020, kurz nach dem ersten Shutdown in England, hat sich *Nick Cave** in der menschenleeren West Hall des Londoner Alexandra Palace an den Flügel gesetzt und diese 22 Lieder aus seinem profunden Songbook gespielt – nur der Mann und sein Klavier. Ursprünglich lediglich als Streaming-Event konzipiert, fiel im Lauf der Planungen die Entscheidung zur audiovisuellen Aufzeichnung. Sobald Kinos wieder öffnen dürfen, wird man das Ergebnis in Augenschein nehmen können. Dem neuerlichen Kultur-Lockdown geschuldet, erscheint nun der Soundtrack vor dem Film und verkürzt die Wartezeit auf das Leinwandereignis. Die Tracklist schlägt einen großen Bogen von verhältnismäßig frühen Bad-Seeds-Titeln wie »Sad Waters«, dem epischen »The Mercy Seat« und »The Ship Song« bis zum aktuellen Album »Ghosteen«, wobei fast ein Drittel des Repertoires Caves Longplayer »The Boatman’s Call« von 1997 entstammt. »Euthanasia« heißt der einzige neue Song. Dass er seine rabenschwarzen Balladen bis auf die Knochen entblößt, macht die Songs umso erschütternder: Die Intensität des intimen Solo-Recitals fährt tief unter die Haut. Nicht erst seit dem Unfalltod seines Sohns Arthur ist Verlust Caves zentrales Thema: Trauerarbeit jenseits der Melancholie, gibt er Verzweiflung und Verlorenheit hier oft einen kontemplativen Resonanzraum, Cave spricht von einem »Gebet in die Leere«. Hin und wieder steigert sich die Schwermut aber auch in zornige Raserei und wütende Anklage. Mehr als einmal gefriert einem als Hörer das Blut in den Adern: Nie wirkte »Girl In Amber« so leichenblass, war das Drama in „Jubilee Street” spürbarer, klang »Papa Won’t Leave You, Henry« bestürzender als hier. Wie in Trance schließlich der kolossale »Higgs Boson Blues«. Eindringlicher wird’s nicht.

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