Music Review | verfasst 05.05.2015
Death Grips
The Powers That B
Caroline, 2015
Text Sonja Matuszczyk
Deine Bewertung:
/
Nutzer
6.9
Redaktion
Cover Death Grips - The Powers That B

Machen wir uns doch nichts vor, eigentlich ahnten wir es alle schon von Anfang an. »We are now at our best and Death Grips are over«, hieß es im Juli 2014 via Facebook-Servietten-Nachricht. Ach so? Einen Monat zuvor noch veröffentlichte die Band »niggas on the moon« via Harvest Records – ihrem neuen Zuhause nach dem nicht gerade lautlosen Drop von Epic 2011 – als ersten Teil einer geplanten Doppel-LP namens »The Powers That B«. Acht Monate, eine gecancelte Tour mit Nine Inch Nails, und die lauwarme Instrumental-EP »Fashion Week« später, erscheint der komplettierende zweite Teil »Jenny Death«. Und der Veröffentlichung vorausgehend, quelle surprise: Videos, die Stefan »MC Ride« Burnett, Zach Hill und Andy Morin (angeblich) bei den Aufnahmen neuen Materials zeigten. Und um auch dem letzten ins Feuer zu pissen, die Ankündigung einer Welttournee. So viel zum Thema »over«. Bei jeder anderen Band würde sich schnell der PR-Stunt-Vorwurf nahe legen. Doch mittlerweile wissen wir, Death Grips geben einen Dreck auf PR – und betreiben dennoch geniale Selbstvermarktung.

2012 rief das Björk auf den Plan, die im Rahmen ihrer Biophilia-Remix-Serie zwei Stücke in Auftrag gab. Die stimmige Liaison von damals ist auf »niggas on the moon« leidiges Gimmick. Schuld ist das bis zur Unkenntlichkeit gechoppte und gescrewte, immer wieder kehrende Sample eines Björk-Gesangsfragments, das schnell nur noch nervig im Ohr kratzt. Zu Anfang subtil: »Up My Sleeve« schlägt zwischen sedierten Industrial-Beats Haken wie ein angeschossener Hase, um im überraschend tanzbaren »Billy Not Really« zu münden, das wie der Negativentwurf zu Björks »Hyper-Ballad« klingt. Nach spätestens einem Drittel nutzt sich der Sirenenruf ab, auch Burnetts Gebell wirkt uninspiriert und zahnlos.

Als Death Grips also vor einem Jahr behaupteten »we are now at our best«, konnte »niggas on the moon« unmöglich gemeint sein. Wahrscheinlich müssen sie damals schon geahnt oder gewusst haben, wie mächtig der Nachfolger »Jenny Death« werden würde. Gleich der Opener »I Break Mirrors With Face In The United States« erinnert wohlig an die unverstellte Rohheit des Debüts »Exmilitary«. Das Double-Bass-Beatmonster feuert epileptisch, während MC Ride unbarmherzige Punk-Säure spuckt. »Spit on you, spit on me / All we know spit must be us«. Nach all dem Wirrwarr ihrer Anarcho-Aktionen der letzten Jahre, haben wir nämlich fast vergessen, weshalb wir Death Grips einst so leidenschaftlich geliebt (und gehasst) haben: Hip Hop erreichte durch sie ungeahnte, extreme, kompromisslose Dimensionen. »The Money Store« wurde zu einem der wichtigsten Werke der jüngeren Musikgeschichte.

Doch irgendwann danach ist Death Grips ihr Noise-Panoptikum um die Ohren geflogen, und Release für Release suchten sie sich neu zu positionieren. Vielleicht war ein gefakter Tod notwendig, damit sie wieder zu Höchstform aufzulaufen. »The Powers That B« brauchte »niggas on the moon« nicht als Cliffhanger, die Idee der Doppel-LP war völlig überflüssig. Mit »Jenny Death« allerdings feiern Death Grips gleich eine doppelte Wiederauferstehung. Falls hiernach überhaupt noch einer stehen kann.

Die Bewertung setzt sich wiefolgt zusammen: »The Powers That B« (6,9) = »niggas on the moon« (5,8) + »Jenny Death« (8,1)

Entdecke das Album »The Powers That B« von Death Grips findest du bei hhv.de: CD und 2LP.
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 22.03.2012
Death Grips
Exmilitary
Death Grips veröffentlichen ein Album das polarisiert und die Unterschiede zwischen anzubrüllen, anzushouten und anzuschreien verdeutlicht.
Music Bericht | verfasst 05.11.2012
Death Grips
Live am 1.11. im Festsaal Kreuzberg
Death Grips liefern im Festsaal Kreuzberg eine Performance, bei der jeder einzelne auf sich selbst zurückgeworfen scheint. Es ist ein Drahtseilakt zwischen Sich-Entziehen und Hinweggerissen-Werden.
Music Review | verfasst 01.06.2007
Zeph & Azeem
Rise Up
Auf Zephs abwechslungsreichen Instrumentals macht Azeems Zunge Yoga: das Debüt des Duos aus San Francisco macht Spaß.
Music Review | verfasst 03.04.2007
DJ Vadim
The Soundcatcher
Das fünfte Album des nimmermüden DJ Vadim ist einmal mehr ganz großes Kino.
Music Review | verfasst 15.04.2007
Various
OM HipHop Volume 1
Das in San Francisco ansässige Label OM Records setzt mit ihrer neuen Compilation die Ansprüche hoch
Music Review | verfasst 25.05.2007
Sa-Ra Creative Partners
The Hollywood Recordings
Das ist die erste Sa-Ra-Review, die ohne die Attribute »unique«, »innovativ« und »next-level« auskommt.
Music Review | verfasst 08.05.2007
Lifesavas
Gutterfly
Ein weiterer Beitrag zum Thema »Blaxploitation als Samplequelle«: Livesavas veröffentlichen ein richtig gutes Album.
Music Review | verfasst 02.01.2007
Various
The Best Of Lewis Recordings
Die Briten von Lewis Recordings, Heimat von Edan, beehren uns mit einer interessanten Labelschau
Music Review | verfasst 02.12.2010
2Mex
My Fanbase Will Destroy You
Zwei Jahre hat er sich für »My Fanbase Will Destroy You« Zeit genommen. Ungewöhnlich lange für 2Mex.
Music Review | verfasst 05.11.2010
7L & Esoteric
1212
Erstmals seit 2006 gibt’s das Gespann 7L & Esoteric wieder auf Albumlänge. Die Ansage: 12 Tracks, die alle als 12inch taugen sollen.
Music Review
Kangding Ray
61 Mirrors / Music for SKALAR
Kangding Rays Musik für SKALAR, seine gemeinsame A/V-Installation mit Christopher Bauder, funktioniert prächtig als alleinstehendes Album.
Music Review
Felbm
Tape 3 & 4
Der Niederländer Felbm veröffentlicht mit »Tape 3 & 4« vierzehn unaufgeregte Jazzminiaturen auf Soundway.
Music Review
Loscil
coast/range/arc//
Das 2011 erschienene Album »coast/range/arc//« von Loscil führte durch frostige Bergwelten. Kranky hat es in erweiterter Form neu aufgelegt.
Music Review
Public Enemy
What You Gonna Do When The Grid Goes Down?
Kein bisschen leise: Public Enemy sind zurück auf Def Jam legen mit »What You Gonna Do When The Grid Goes Down?« ihr 15. Studioalbum vor.
Music Review
Machinedrum
A View Of U
Machinedrum ist weiterhin auf der Suche nach der Erleuchtung durch Trips. »A View Of U« ist wiederum keine Offenbarung.
Music Review
Minoru Fushimi
Hakodate Lady
»Hakodate Lady«, 1983 veröffentlichter, vielleicht wichtigster Release von Minoru Fushimi, wurde jetzt bei Left Ear wiederveröffentlicht.
Music Review
Ryo Fukui
A Letter From Slowboat
Dass es nun ein Reissue von »A Letter From Slowboat« gibt, dürfte zumindest Jazzkenner freuen und Ryo Fukui mehr Aufmerksamkeit einbringen.
Music Review
Ryo Fukui
Ryo Fukui In New York
Ursprünglich 1999 veröffentlicht, hat We Release Jazz jetzt eine Neuauflage von »Ryo Fukui In New York« von Ryo Fukui veröffentlicht.
Music Review
Oliver Coates
Skins N Slime
Der Cellist Oliver Coates ist so eine Art Wi9edergänger von Arthur Russell. Jetzt hat er mit »Skins N Slime« ein neues Album veröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Deutsche Elektronische Musik Vol.4
»Deutsche Elektronische Musik Vol.4« gibt einen Überblick über die Vorzüge vernachlässigter, deutscher Musik der Siebziger und Achtziger.
Music Review
The Budos Band
Long In The Tooth
Mit »Long In The Tooth« von The Budos Band könnte man wohl vorzüglich auf den ledrigen Schwingen eines Dämons durch die Unterwelt gleiten.
Music Review
Kevin Morby
Sundowner
Americana im besten Sinne des Wortes: Zum neuen Album »Sundowner« des großartigen amerikanischen Songwriters Kevin Morby.
Music Review
Various Artists
All Things Considered Vol.1
Die Compilation »All Things Considered Vol. 1« entführt für 38 Minuten in eine Welt, in der nur grüner Tee und die Kopfhörer zählen.
Music Review
Autechre
SIGN
»SIGN« ist das erste Album seit von Autechre seit 2013 und die Musik darauf ist so unmittelbar faszinierend, wie seit 20 Jahren nicht mehr.
Music Review
Nas
King's Disease
»King’s Disease« ist keine von #BLM inspirierte Gospelchor-Klischee-Sause auf die Black Culture, sondern das beste Nas-Album seit Jahren.
Music Review
Mrs. Piss (Chelsea Wolfe & Jess Gowrie)
Self-Surgery
»Self-SurgeryÍ von Mrs. Piss ist ein Album, dass die kollektive Gesamtscheiße des Jahres einfängt, absticht, vierteilt und verheizt.
Music Review
Culk
Zerstreuen über euch
Die Wiener Band CULK macht mit ihrer zweiten LP »Zerstreuen über euch« den Namen zum Programm und klingen obendrein noch mitreißend.
Music Review
El Mago
Kanénas
»Kanénas«, das Debüt von El Mago, verkabelt deutsche Elektronik mit griechischer Volksmusik. Ein bisschen Mystizismus gibt’s oben drauf.
Music Review
Eartheater
Phoenix: Flames Are Dew Upon My Skin
Mit »Phoenix: Flames Are Dew Upon My Skin« liefert Eartheater ihr wohl konventionellstes und damit merkwürdigstes Album ab.
Music Review
Future Islands
As Long As You Are
Es nicht verfehlt zu sagen, dass »As Long As Your Are«, das neue Album von Future Islands, auch ein politisches Album geworden ist.
Music Review
Sufjan Stevens
The Ascention
»The Ascension«, das neue Album von Sufjan Stevens, ist ein achtzigminütiger Aufstieg. Oben angekommen, ist die Welt wieder gut. Fast.
Music Review
Alessandro Alessandroni
Alessandro Alessandroni
Das selbstbetitelte Album von Alessandro Alessandroni aus dem Jahr 1971 wurde jetzt bei Sonor Music Editions wiederveröffentlicht.
Music Review
The Gaslamp Killer
Heart Math
The Gaslamp Killer ist einer der wichtigsten musikalischen Akteure im Großraum Los Angeles. Jetzt hat er mit ein neues Album veröffentlicht.
Music Review
Piry Reis
Piry Reis
Die zuerst 1980 veröffentlichte, zweite Langspielplatte des brasilianischen Songwriters Piry Reis wurde jetzt wiederveröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Too Much Future: Punkrock GDR 1980-1989
Im Übungsraum und bei Konzerten mitgeschnitten zeugt »Too Much Future: Punkrock GDR 1980-1989« von der Vitalität der ostdeutschen Punkszene.
Music Review
Zombies In Miami
2712
Das mexikanische Duo Zombies In Miami legt auf Permanent Vacation ihr gleichermaßen hohärentes wie facettenreiches Debütalbum »2712« vor.
Music Review
Mammal Hands
Captured Spirits
Die Musik von Mammal Hands schwillt gerne an. Darin liegt dann auch die Schnittmenge von Pop und Rave. Nachzuhören auf »Captured Spirits«.
Music Review
Carlos Nino & Miguel Atwood-Ferguson
Chicago Waves
»Chicago Waves« ist die Dokumentation eines improvisierten Auftritts der kalifornischen Musiker Carlos Nino und Miguel Atwood-Ferguson.
Music Review
Róisín Murphy
Róisín Machine
Róisín Murphy weiß mit ihrer Musik Indie-Kids und Dance-Fraktion wie keine Zweite zu einen. So auch auf »Róisín Machine«.
Music Review
Khotin
Finds You Well
Elektronische Musik für die grauen Tage: Khotin hat seiun neues Album »Finds You Well« auf Ghostly International veröffentlicht.
Music Review
Hareton Salvanini
Xavana, Uma Ilha Do Amor
Mad About legt den Soundtrack zu »Xavana, Uma Ilha Do Amor« des brasilianischen Komponisten Hareton Salvanini neu auf.
Music Review
Osees
Protean Threat
»Protean Threat« von Osees (auch bekannt als Thee Oh Sees) ist eine Platte für Leute, die sich noch Nietengürtel um die Hose schnallen.
Music Review
Anna von Hausswolff
All Thoughts Fly
Wolkengebirge bis in den Kosmos, Höllenkreise ohne Auswege: Anna von Hauswolffs fünftes Album »All Thoughts Fly« ist erschienen.
Music Review
Satoshi & Makoto
CZ-5000 Sounds & Sequences Vol. 2
Klingt wie ausgedacht? Vielleicht. Vor allem aber ist Satoshi & Makotos zweites Album »CZ-5000 Sounds & Sequences Vol. 2« wunderbar nerdig.
Music Review
Arca
&&&&&
Start des Postgenres: Arcas »&&&&&« war Prototyp für die Generation Deconstructed Clubmusic.
Music Review
Suso Sáiz & Suzanne Kraft
Between No Things
Auf dem Album »Between No Things« haben sich die Musiker Suso Sáiz und Suzanne Kraft für neun Meditationen zusammengetan.
Music Review
Drew McDowall
Agalma
Unwirkliche Räume modulierter Schönheit: Coils Drew McDowall veröffentlicht mit »Algama« einen neues Album.
Music Review
Nicolas Jaar
Cenizas
Mit »Cenizas« baut Nicolas Jaar weiter an seinem Bild vom großen Komponisten unter den Laptopmusikern.
Music Review
Little Brother
May The Lord Watch
»May the Lord Watch«, das Comeback-Album von Little Brother ist absolut nicht zeitgemäß, aber davon völlig unbekümmert.
Music Review
The Heliocentrics
Telemetric Sounds
»Telemetric Sounds«, das zweite Album von The Heliocentrics binnen eines Jahres ist dunkler, wütender, getriebener und dreckiger.
Music Review
Fabiano Do Nascimento
Preludio
»Preludio«, das dritte Album des jungen Gitarristen Fabiano Do Nascimento ist eine sehr sexy spartanische Angelegenheit.