Aigners Inventur – März 2013

27.03.2013
Auch diesen Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Justin Timberlake, DJ Koze und Function.
Justin Timberlake
The 20/20 Experience 1 Of 2
RCA • 2013 • ab 21.99€
Sie lieben ihn alle, Versicherungsvertreterinnen und Artchicks, Zimmermänner und Hoodrats. Justin Timberlakes Geschichte vom strähnigen Bravo-Starschnitt zur Konsensfigur der Nullerjahre wurde schon so oft erzählt, dass man sich das an dieser Stelle eigentlich sparen könnte. Sie ist allerdings wichtig für die Rezeption von »20/20 Experience«. JT hat nichts mehr zu beweisen, Timbaland sowieso nicht. Und so versucht sich das Duo nun also bisweilen an Pop-Epik der Größenordnung Prince. Das geht häufig gut, vor allem Herr Mosley scheint seine gefühlt ewig währende Roid-Krise endlich in den Griff bekommen zu haben, aber irgendwie würde man sich trotzdem etwas fremd schämen, all das in einem Club zu hören. Und genau da liegt der Unterschied: »Cry Me A River« und »My Love« waren Gamechanger, die »20/20 Experience« ist selbstgerecht geile Statusverwaltung auf solidem Niveau.

Ich bin mir nicht sicher, ob Lil Wayne in den anderthalb Tagen zwischen der Niederschrift und dem Upload dieser Kolumne nicht schon wieder zweieinhalb mal gestorben ist, sein auf »I Am Not A Human Being II« offenbarter Geisteszustand wird jedenfalls ein Übriges tun, die traditionell unappetitlichen Spekulationen weiter zu befeuern. Böse Zungen behaupten ja, dass der kleine Tunchi seit vier Jahren nichts Relevantes veröffentlicht hat, eine These, die sich zu einem erheblichen Teil mit der unvermeidlichen Marktsättigung erklären lässt, die sich nach einem mehrere Gigabyte schweren Parforceritt durch Stream Of Consciousness-Megalomanie unweigerlich einstellen musste. Ach ja: das neue Album: schon same old, same old, aber ich würde ihn wirklich vermissen (Hashtag: knock+on+wood).

Kanyes Fünf-Jahres-Plan zur Weltherrschaft aus den frühen Nullern scheint derweil gerade Hit-Boy gewissenhaft zu kopieren. Die Übersingles als Produzent hat er bereits (»N*ggas in Paris«, »Clique« et al.), nun also mit Mixtape Nummer Zwei Lehrgeld bezahlen als Rapper. Ähnlich wie West zu Beginn seiner Rap-Karriere ist das noch nicht alles ganz rund, was Hit-Boy allerdings wirklich zum Verhängnis werden könnte, ist die Belanglosigkeit seiner Verse. Da hatte der noch ungelenk über DJ Clue und Chops Beats stolpernde Ye schon wesentlich mehr Charisma, Hit-Boy hingegen klingt auf »All I Ever Dreamed Of» wie eine noch generischere Version von Big Sean. Pumpen tut man das der Beats wegen trotzdem.

Doppelgangaz, The
HARK White Vinyl Signed Edition
Groggy Pack / HHV • 2013 • ab 17.99€
Ach, man muss sie einfach so gern haben. Huss & Hodn heißen jetzt auch offiziell Retrogott & Hulk Hodn, sie sind »Fresh Und Umbenannt«, sie führen die heutige Jugend an Lord Finesse und Large Professor heran, ohne den Diskursfinger je zu heben. Da der Retro Deus seit dem Vorgänger auch wieder seinen Philosophie-Hauptseminar-Fetisch in den Griff gekriegt hat, ist das hierzulande in seiner Sparte nach wie vor alternativlos.

Retrogott & Hulk Hodn
Fresh & Umbenannt
ENTBS • 2013 • ab 15.99€
Moderner Schabernack kommt auch den Doppelgangaz nicht in die MPC und ähnlich wie Kurt und Patrick verzeiht man ihnen ihren Fetisch nicht nur, das Duo ist so gut darin, wie verlorene Fondle ‘Em-Obskuritäten zu klingen, dass es für Hoodie-sozialisierte Jahrgänge fast unmöglich sein dürfte, an »Hark« etwas aussetzen zu haben, selbst wenn man heute in der Doppelhaushälfte sitzt und mit Ute zum Grönemeyer-Konzert muss.

Woodkid
The Golden Age
Island • 2013 • ab 33.99€
Mit Ausnahme der Kendrick Lamar-Connection hat Woodkid wenig mit Rappityrap zu tun, sein hypegeschwängertes Debüt »The Golden Age« ist ein zum Teil ganz schön eklig zu Wimmern und Pathos tendendierendes Indiepop-Album, das nicht belanglos genug ist, um sofort wieder vergessen zu werden, aber auch so viele Angriffsflächen bietet, dass man sich ob des größtenteils freundlichen medialen Echos durchaus wundern darf. Klar, die Tumblr-Credentials sind da, aber wieso regt sich denn hier keiner auf, dass Woodkid klingt als hätte Chris Martin Antony Hegarty gezwungen das nächste Bond-Theme einzusingen.

Devendra Banhart
Mala
Nonesuch • 2013 • ab 45.99€
Dann lieber Devendra Banhart. Der ist sicher nach wie vor ein furchtbar anstrengender Zeitgenosse im Alltag, hat aber mittlerweile die Haare schön und verewigt auf »Mala« sowohl Hildegard von Bingen, als auch Keenan Milton. Dazwischen wieder der patentierte Oddball-Folk, der Philosophie-Studenten auch 2013 Halt geben kann in der obligatorischen Hausarbeitskrise. Schön auch, dass das alles immer noch so wunderbar lo-fi geblieben ist, nach all der Zeit.

Visionquests erstes Langspielrillen Bekenntnis zum Song statt Track, ist die Bereitschaft auf Muckertum jeglicher Art komplett zu verzichten. Footprintz, deren R&B-lastiger 80s-Pop gerne mit den Junior Boys verglichen wird, schaffen das hingegen nicht immer. Und anders als eben jene Kanadier, ist das Duo in Sachen Songwriting noch nicht ausgereift genug auf Albumlänge. Da mischen sich dann diese typischen Ableton-Basslines in das Retro-Korsett und im Hinterkopf hört man schon den unvermeidlichen Soul Clan Remix, der da folgen wird. Sie haben sich stets bemüht, würde ich an dieser Stelle mal gönnerhaft ins Zeugnis schreiben.

Urban Homes
Centres
Altin Village & Mine • 2013 • ab 7.49€
Weniger bemüht, sondern großartig improvisiert haben Urban Homes, ein Kölner Projekt mit Noise/Punk/Shoegaze-Vergangenheit, deren Mitglieder aber für Larry Heard mindestens so viel Liebe haben wie für My Bloody Valentine. Denen fiel der Drummer aus, so dass die über zahlreiche andere Projekte sowieso bereitliegenden Roland-Seriennummern 707 und 727 für das ursprünglich als Skizzensammlung gestartete Album »Centres« von da an den Takt vorgaben. So entstand ein großartiger Psych-House-Hybrid, wie man ihn vermutlich am ehesten mit den genialischen Momenten von Teengirl Fantasy oder dem letzten Caribou-Album vergleichen kann.

DJ Koze
Amygdala
Pampa • 2013 • ab 21.99€
Apropos Caribou: den hat sich DJ Koze für sein neues Album auch eingeladen, die Highlights liefern allerdings andere. Da wäre beispielsweise »Das Wort«, das mehr von Marvin Gaye, als von Dirk Von Lowtzow getragen wird, ein verhuschter Beitrag der wunderbaren Ada und ganz vorne der verschleppte Groove der Matthew-Dear-Kollabo »My Plans«. Am Ende dann noch die Knef auf einen Schizo-Soul-Stolperer und dazwischen featurefreies Assoziieren eines notorischen Zwangsverweigeres. Hätte ich gar nicht so stark erwartet, dieses »Amygdala«.

Space Dimension Controller
Welcome To Mikrosector-50
R&S • 2013 • ab 20.99€
Am Ende eines nonlinearen, aber immer spannenden Reifeprozesses scheint derweil Space Dimension Controller angekommen sein, dessen »Welcome To Mikrosector 50« nun sehr eindrucksvoll die zahllosen stilistischen Gehversuche bündelt. Der kryptische Electro-Funk Drexciyas bleibt die offensichtlichste Bezugsgröße, aber auch die große Dub-Mix Zeit Mitte der 1980er Jahre wird immer wieder zitiert und ins neue Jahrtausend verfrachtet. Pflicht!

Mano Le Tough
Changing Days
Permanent Vacation • 2012 • ab 32.99€
Auch Mano Le Toughs Entwicklung über die letzten Jahre war nicht uninteressant. »Changing Days« heißt das nun über Permanent Vacation erscheinende Album, das deutlich als solches verstanden werden will und dementsprechend DJ-Tool-Kraftmeierei durch stringente Sequenzierung ersetzt. Vorbild dürfte John Talabots großes »fin« gewesen sein, wobei Mano weniger Risiken geht und im Zweifelsfall dann doch eher den Sonnenaufgang als Headphone Listening im Sinn hat. Solide, aber gerade dann, wenn Track-Strukturen zugunsten klassischen Songwritings aufgebrochen werden, noch ausbaufähig.

Kavinsky
Outrun
Record Makers • 2013 • ab 19.99€
Auf Albumlänge etwas eindimensional ist das ewig verspätete und vermutlich erst durch den Drive-generierten späten Hype fertiggestellte »Outrun des Ed Banger Busenfreunds und Teilzeitzombies Kavinsky. Nach dem zweihundertsten überkandidelten Arpeggio rückt man sich unvermeidlich den imaginären Mullet zurecht und wünscht sich ein kurzes Powerballaden-Intermezzo mit Saxophon-Solo. Kavinsky versucht seinen Steroid-Pop dann sogar noch mit einem ungelenken Rap-Feature aufzuwerten, außer den bereits hinlänglich bekannten »Testarossa Autodrive« und »Nightcall« bleibt »Outrun« aber recht dürftig.

Brandt Brauer Frick
Miami
!K7 • 2013 • ab 21.99€
Was Brandt Brauer & Fricks Neue mit »Miami« zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht, vielmehr klingt es so, als hätten BBF den Mikrokosmos Berlin verlassen und Inspiration in L.A. und London gesucht. Gebrochene, hochtourige Beats, verquere Vokal-Spuren von unter anderem Jamie Lidell, Nina Kraviz und Om’Mas Keith – »Miami« hat wenig gemein mit dem Diskurs-Techno des Vorgängers, eher mit der sperrigen Labelpolitik von Brownswood oder Brainfeeder. Nicht verkehrt, aber mit Ausnahme des dadaistischen »Fantasie Mädchen bleibt bei mir auch leider wenig hängen.

V.A.
Think And Change
Nonplus • 2013 • ab 12.99€
Über eine defizitäre Hitdichte kann sich bei »Think & Change«, einer exklusiven Nonplus+-Labelschau hingegen keiner beschweren. Chef Boddika kitzelt mit Joy Orbison das letzte aus einer galoppierenden Bassline heraus, Four Tet loopt ein Vocalschnippsel ad infinitum und schiebt mit massiven Snarerolls direkt in die erste Reihe, Joy Orbison karikiert Youtube-Hysterie und selbst die anachronistische Zusammenarbeit von dDbridge und Instra:mental wirkt nicht deplatziert, sondern fügt dem aktuell sehr House- und Techno-lastigen Sound des Labels eine willkommene Schattierung hinzu. Dazwischen noch solides von Pearson Sound, Lowtec, Kassem Mosse und Martyn: keine Frage, hiermit macht man wenig falsch.

Function
Incubation
Ostgut Ton • 2013 • ab 15.99€
Ähnlich wie Silent Servant und Regis hat auch Function die Auflösung des Sandwell Districts kreativ nicht kriseln lassen, im Gegenteil, mit »Incubation« legt er nun für Ostgut ein schnörkelloses Techno-Album vor, das im Vergleich zu Silent Servants jüngster Dystopie fast schon leichtfüßig wirkt. Besonders »Voiceprint« und »Inter« fallen mit ihren eleganten Melodien positiv auf, aber auch der Rest ist State Of The Art, ohne sich in kruden Britbass-Verschwörungen zu verirren.

Autechre
Exai
Warp • 2013 • ab 15.29€
Abschließend noch eine Band, die ich, wenn ich ehrlich bin, nach »Confield« nicht mehr verstanden habe. Klar, man tat häufig so, als hätte man zuhause beim Karotten hobeln tatsächlich eine Epiphanie, wenn der Soundtrack dazu aus dem expressionistischen Klicker-Klacker-Oeuvre der Herren Autechre bestand, aber jetzt, wo es immer noch gefühlt halbjährig (stimmt natürlich nicht) neue Alben der Warp-Pioniere gibt, erkennt man doch, dass man aus dem prätentiösen Alter langsam aber sicher raus ist. »Exai« jedenfalls wurde over here ziemlich schnell ausgemacht, um stattdessen mal wieder dieses brillante Frühwerk unter dem Alias Legofeet wiederzuentdecken, das die beiden hier zwar immer wieder zitieren, aber nicht ansatzweise erreichen.