Aldous Harding, oder: Es muss furchtbar langweilig sein, jeden Tag derselbe Mensch zu sein

04.05.2026
Foto: Kate Ellen Meakin / 4AD

Bob Dylan, Lil Wayne, Aldous Harding. Was sie gemein haben? Stimmen, die so eigen sind, dass sie sich leicht parodieren lassen – und die man nicht immer versteht.

Das neue Album von Aldous Harding, Train on the Island, erinnert einen daran, wie man als Kind die Lyrics englischsprachiger Songs meist völlig falsch verstanden und verkehrt mitgesungen hat – und gerade dadurch ein ganz persönliches Verhältnis zu ihnen aufbaute. Hardings Musik funktioniert ähnlich: Am Anfang des Schaffensprozesses standen diese Lyrics vermutlich als bloße Geräusche, als Laute, die sich erst nach und nach zu Wörtern verdichteten.

Sprache ist bei Harding Textur, wild zusammengemischte Farbe, mit der sie ihre seltsam geformten Leinwände beschmiert. Manchmal hat Train on the Island etwas von Freestyle, als würde sie diese Wortmalerei in Echtzeit aus sich heraus entstehen lassen.

Wenn Aldous Harding performt, blickt sie oft, als sei sie selbst verwirrt von dem, was sie da hervorbringt

Was sofort auffällt, ist diese Stimme, oder eher: Stimmen. Mindestens einmal pro Woche muss ich an ein Zitat des Indie-Gottes und ehemaligen Smiths-Gitarristen Johnny Marr denken, der einmal sagte, es sei doch furchtbar langweilig, jeden Tag dieselbe Person zu sein. Entsprechend idolisiert man musikalische Chamäleons wie David Bowie, die genau nach diesem Prinzip lebten. Doch das Besondere an Aldous Harding ist nicht, dass sie ihre Stimme im Laufe ihrer Diskografie verändert hat, sondern dass sie ihren Gesang sogar innerhalb eines einzelnen Albums ständig transformiert. Eben noch quietschig, klingt Harding im nächsten Moment plötzlich tief und rauchig.

Zuletzt war es Cameron Winter, Sänger der gefeierten Rockband Geese, der mir erneut vor Augen geführt hat, dass die besten Vokalist:innen oft etwas Memehaftes besitzen: Sie lassen sich gut parodieren und stehen ständig auf der Kippe zum Lächerlichen. Ich erinnere mich gut daran, wie ich zum ersten Mal von Aldous Harding hörte: Freunde machten sich darüber lustig, wie sie das Wort »Party« im gleichnamigen Song vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 2017 ausspricht; ihren neuseeländischen Akzent integriert Harding dabei ganz selbstverständlich. Um einen Vergleich mit einem der größten Song-Performer zu ziehen: Auch die Musik von Bob Dylan macht gerade deshalb so viel Spaß, weil niemand ernsthaft auf die Idee käme, so zu singen. Man kann sich daran reiben.

Bedeutung unklar, Wirkung riesig

Ein Vergleich, der zunächst unpassend erscheint: Lil Wayne. Ähnlich wie diese Rap-Ikone reiht auch Aldous Harding Zeilen aneinander, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Als ich Train on the Island fürs Schreiben dieses Artikels zugeschickt bekam, hätte ich mir ein Lyric-Sheet gewünscht – nicht nur, weil ich nicht immer verstehe, was sie singt, sondern auch, weil mich interessiert hätte, wie diese Worte auf dem Papier wirken. Was bedeutet das alles überhaupt? Vielleicht ist das aber gar nicht entscheidend. Dinge machen ohnehin oft mehr Spaß, wenn sie sich nicht vollständig erschließen – Filme wie Mulholland Drive oder Spirited Away zum Beispiel. Immer wieder kehrt man zu ihnen zurück.

Interpretationen ihrer Songs weicht Aldous Harding bewusst aus. Wenn sie performt, blickt sie oft, als sei sie selbst verwirrt von dem, was sie da hervorbringt. Doch in Wahrheit lebt diese Musik von einem ständigen Interpretieren — nicht nur von Worten, sondern auch von Strukturen und Melodieverläufen. Klassische, mit Akustikgitarre bewaffnete Singer-Songwriterinnen stoßen gelegentlich auf etwas, das dann doch mal erfrischend klingt, und bauen es dann als Bridge oder Outro ein.

Bei Aldous Harding bestehen viele Songs fast ausschließlich aus solchen Momenten, in denen die Interpretin selbst nicht genau zu wissen scheint, was sie gerade tut.

Bei Aldous Harding hingegen bestehen viele Songs fast ausschließlich aus solchen Momenten: Aus jenen Augenblicken, in denen die Interpretin selbst nicht genau weiß, was sie gerade tut. Sie lässt sich von der Intuition leiten, setzt den Finger an eine ungewöhnliche Stelle des Griffbretts — und plötzlich drängt die eigene Stimme in neue Richtungen. Harding stößt immer wieder auf unerwartete Harmonien und findet darin idiosynkratische Wendungen. Train on the Island ist kein explizit experimentelles Album, aber eines, das nach Mustern funktioniert, zu denen konventionellere Künstlerinnen kaum tendieren würden. Aldous Harding schöpft aus einer Quelle, zu der offenbar nur sie selbst Zugang hat.

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