Charles Bradley – Live am 8.8. im Astra Kulturhaus in Berlin

15.08.2012
Foto:Tilman Junge & Malte Seidel
Nach einem halben Jahrhundert durchwachsen von Pech und Schicksalsschlägen erhebt sich der »Screaming Eagle Of Soul« aus der Asche seiner Vergangenheit und rührt dabei sein Publikum zu Tränen.

Auf den ersten Blick ist ein Kohlebrocken nur ein schmutziges, wertloses Stückchen Sedimentgestein. Setzt man es allerdings unglaublich viel Druck aus, dann kann es zu einem reinen, schillernden Diamanten werden. Dank dieser Weisheit seiner Großmutter hat Charles Bradley in den harten Zeiten seine Hoffnung nicht verloren. Er war obdachlos. Er war zehn Jahre Koch in einer Irrenanstalt. Er trampte durchs ganze Land auf der Suche nach seiner Bestimmung und seinem Glück, bis es ihm im vermeintlich gefundenen Zuhause in Brooklyn durch den tragischen Tod seines Bruders wieder genommen wurde. Über ein halbes Jahrhundert hat es gedauert, bis Bradley wie ein Phönix aus der schütten Asche seines persönlichen Martyriums aufsteigen konnte, als »Black Swan«, als »Screaming Eagle of Soul«. Und neben sich selbst, erweckt er den Geist der Soulmusik zu neuem Leben. Es gab Momente im Astra Kulturhaus in Berlin, bei denen man sich nicht so ganz sicher war, in welcher Epoche man sich befindet. Vielleicht liegt es daran, dass Bradley Jahre lang in New York als James Brown-Double aufgetreten ist, aber man hatte das Gefühl die leibhaftige Reinkarnation des Godfathers of Soul lässt die Hüften kreisen – und man muss dazu sagen, dass der über 60-jährige wohl mehr Groove und Beweglichkeit an den Tag legt als so manch eine blutjunge Hula-Hula-Hawaiianerin. Die 90-minütige Performance hatte so ziemlich alles, was die kardiale Blutpumpe des nostalgischen Soul/Funk-Liebhabers im 3-dimensionalen Achteck hüpfen lässt: Glitzernde Bühnenoutfits, mit Pailletten-überzogenen Schlaghosen aus schwitzigem Hochglanz-Polyester, temperamentvolle Tanzeinlagen mit und ohne Mirkofonständer, die es bei »Soultrain« sofort in die Nahaufnahme geschafft hätten. Und viele Tränen. Charles Bradley liebt, was er tut, oder besser, was er jetzt tun darf. Er liebt das Polyester, er liebt die Aufmerksamkeit, er liebt die Liebe und Anerkennung, die er vom Publikum bekommt und bleibt trotzdem bescheiden und dankbar. Der wohl rührendste Moment an diesem Abend war, als er nach dem Konzert wahllos durch die Menge lief und jeden mit einer seiner herzerweichenden Umarmungen beschenkt hat, der das Bedürfnis nach emotionalen Körperkontakt mit einer Soullegende verspürte.