Das Modern Soul Septett und wie in der DDR eine eigene Version von Soul entstehen konnte

02.03.2026
Foto: Courtesy of Sound Essence Archiv

Panzer, Tapeten und ein Regime, das eigentlich alles verbot: Die Bedingungen in der DDR waren alles andere als optimal für die freie Entfaltung einer Kunstrichtung. Wahrscheinlich entstand genau deswegen gerade hier eine ganz eine Spielart der Soul-Musik.

Ostdeutschland, Ende der 1960er Jahre: Man kann nicht behaupten, dass sie da war, die Bühne für Soul. Weder gab es einen freien Markt für die Schallplattenproduktion, noch Clubs, die sich dem Soul verschrieben hätten. Natürlich fehlten auch die GI-Discos, die drüben im Westen dazu beitrugen, dass die Klänge aus den Staaten eingespült wurden. Trotzdem oder gerade deshalb entstand damals, in der DDR, eine ganz eigene Spielart des Genres.

Die Initialzündung für die Entwicklung des DDR-Souls kann im Verbot vieler Beat-Bands gesehen werden. Das SED-Regime unterband damals die Bewegung, die in Bands wie den Rolling Stones anti-autoritäte Vorbilder sah. Nach dem Verbot suchten junge Musiker*innen nach neuen Ausdrucksformen, die emotionaler, direkter, ungebändigter waren. Sie fanden sie in eingeschmuggelten Schallplatten. Im Soul. Mit seinen Wurzeln in afroamerikanischer Freiheitsmusik bot er eine Sprache, die sich nicht übersetzen ließ, aber verstanden wurde. Er erlaubte, was im offiziellen DDR-Kulturraum kaum Platz hatte: stürmische Leidenschaft, Körperlichkeit—letztlich Brüche gesellschaftlicher wie künstlerischer Normen innerhalb staatlich-ideologischer Vorgaben.

In Ost-Berlin formte sich eine kleine, widerspenstige Szene.

Niemand hatte die Absicht, eine Soul-Band zu gründen

Mittendrin: Das Modern Soul Septett, später die Modern Soul Band.

1968 musste sich die Beatband Musik Stromers mit einem Auftrittsverbot auseinandersetzen. Vielleicht wäre ohne diese das Modern Soul Septett nie gegründet worden. Denn sein Gründer Hugo Laartz zog sich daraufhin nur vermeintlich zurück—er formierte sich neu. Im Jugendklub Freundschaft in Friedrichshain, einem der vitalsten Ausnahmeorte der Ost-Berliner Subkultur, brachte er Musiker, Jazz-Studenten und afrikanische Kommilitonen zusammen. In diesem Schmelztiegel entstand ein Sound, der sich jeder Schablone der Anpassung entzog: roh, groovebetont, selbstbewusst.

Hugo Laartz, Wolfgang »Nick« Nicklisch, Eugen Hahn, Regine Dobberschütz, Klaus Nowodworski, Dagobert Darsow, Achim Schmauch, Christian Höhle, Charly Rath (1976)

Mit Klaus Nowodworski fand die Band ihre Stimme. Seine rauen, bluesgetränkten Vocals gaben dem ostdeutschen Soul eine eigene Anmutung. Zu eigen für den kommerziellen Durchbruch. Amiga übernahm nur zwei Stücke—»Unsere Stadt« als auch »So muss es sein«— und ließ weitere Werke unbeachtet. Doch in Jugendklubs und Provinzsälen wurde diese Musik zum Ereignis.

Gerade im Widerstand gegen das Glatte, Unterschiedslose, Offizielle liegt der Kern dieses Sounds. Der ostdeutsche Soul war eine Geste der Selbstermächtigung. »Dein Lächeln« ist ein gutes Beispiel dafür: Von Ulrich Gumpert komponiert, ursprünglich mit Sänger, Schauspieler und Musicalstar Reiner Schöne für das Klaus-Lenz-Orchester eingespielt, wurde es von Amiga abgelehnt. Weil Schöne nach Westberlin geflüchtet war. Hugo Laartz und das Modern Soul Septett schnappten sich das Stück und schärften es mit rohem Funk.

In Jugendklubs und Provinzsälen wurde diese Musik zum Ereignis.

Mitte der 1970er-Jahre bewegte sich die Band in Richtung Jazzrock. 1976 veröffentlichte sie ein Livealbum. Der in Gotha aufgenommene Langspieler gilt in seiner unpolierten Art bis heute als Dokument einer eigenständigen ostdeutschen Musiksprache.

Der»raue Soul des Ostens« war nicht oppositionell im engeren Sinn—Parolen finden sich keine, man war auf die Textfreigabe durch das Lektorat angewiesen—, doch seine reine Existenz ist eine Ausdruck von Widerständigkeit. Diese Musik behauptete das Recht auf Emotion in einem System, das Gefühle, zumindest im politisch-moralischen Sinne, regulieren wollte.

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