Die Beat-Ära in der DDR – Feindliche Übernahme

22.09.2021
Schallplatten des Amiga-Labels sind weit verbreitet. Neben Pressungen internationaler Stars war auch jede Menge Musik aus der DDR selbst auf Platte verewigt worden. Manches davon lohnt wiederentdeckt zu werden.

Der historische Blick in den Rückspiegel

Nachdem der 2. Weltkrieg überwunden war, wurde im Oktober 1949 die sowjetische Besatzungszone schließlich zur Deutschen Demokratischen Republik und zum sozialistischen Staat erklärt. Somit standen sich der kommunistische Osten und der kapitalistische Westen direkt gegenüber. Auseinandergehalten vom sogenannten »eisernen Vorhang« wandelte dieser sich 1961 letztlich zur »Berliner Mauer«. Man wollte die nicht anhaltende Massenflucht in den »Westen« stoppen.
Von Beginn an wandelte man die »freie Marktwirtschaft« zur »sozialistischen Planwirtschaft« um. Alle bisher privat geführten Unternehmen, Geschäfte, Betriebe wurden »verstaatlicht«. Die gesamte Marktwirtschaft war somit allein vom Staat getragen, geplant und vollzogen. Das galt auch für den Kunst und Kulturwirtschaftlichen Bereich, so dass die Produktion von Vinyl durch das Amiga-Label letztlich dem Ministerium für Kultur unterstand. Somit war es gewünscht, dass die Musik, insbesondere die Liedtexte, das sozialistische Gedankengut förderten oder zumindest neutral gegenüberstanden. Dafür gab es entsprechende Prüfstellen, bei denen die Musiker:innen ihre Texte einreichen mussten, bevor sie ihre Songs veröffentlichen konnten. Diese Form an staatlicher Regulierung gab es in vielen weiteren Bereichen. Beispielsweise benötigte man als sogenannter »Schallplattenunterhalter/Diskomoderator« (Berufs-DJ) eine Lizenz. Diese gab es in verschiedenen Kategorien, die je nach Einstufung einen bestimmten Stundenlohn bedeuteten. Zusätzlich war die Lizenz an spezielle Eignungsprüfungen gebunden. In einer sogenannten Einstufungsdiskothek wurde geprüft, ob der »Lehrlings-DJ« die Fähigkeiten hatte, sein Publikum niveauvoll zu unterhalten. Wichtig hierbei war auch die berühmtberüchtigte »60/40«-Regel. Diese besagte, dass der Anteil an Musik, die außerhalb der DDR stammte, nicht höher sein durfte als 40%, damit sichergestellt werden konnte, dass mindestens 60% der Musik aus dem Staats-Repertoire gespielt wurde. Diese Regel hatte mal mehr und mal weniger Bestand, je nachdem wo und in welchen Kreisen die Veranstaltungen stattfanden.

Der Beat folgte dem Rock’n’Roll

In den 1950er Jahren etablierten sich v.a. in der westlichen Hemisphäre bestimmte musikalische Trends wie der Rock’n’Roll oder der Twist. Diese »Mode-Wellen« gelangten auch in die DDR. Tanzstile, Musiktrends, die jedoch vom »Klassenfeind« herüber schwappten, passten nicht in die sozialistische Wertekultur. Einerseits empfand man auf politischer Ebene solche Kultureinwirkungen (die durch das Empfangen von westlichen Radio-Sendern möglich waren) als eine Art imperialistischen Akt und andererseits ließ es sich auch nicht wirklich verhindern bzw. kontrollieren. Daher ploppten eine Vielzahl an politischen Gegenmaßnahmen auf. So wurde u.a. der »Rock and Roll Tanz« zum sogenannten »Lipsi« gewendet. Diese »sozialistische Version« war entsprechend gemäßigter in den Bewegungsabläufen. Trotz vielseitiger Bemühungen staatlicher Bewerbung setzte sich der »Lipsi« jedoch nicht durch.

Anfang der 1960er Jahre sorgten Beat-Bands wie die Beatles und Rolling Stones für ein globales Massenphänomen innerhalb der Jugendkultur. Der Beat machte auch nicht vor der Mauer halt. Selbst das Staatslabel Amiga veröffentlichte 1965 die erste Beatles-LP. Dabei handelte es sich um eine Zusammenstellung ihrer bis dato erschienenen Hits. Die deutschen Beat-Anhänger:innen in West und Ost waren diesem Musik-Phänomen förmlich verfallen, so dass sie die Frisuren und Modeticks ihrer Idole adaptierten und die junge Szene der Musiker:innen (auf beiden Seiten der Mauer) die gehörten Songs eifrig nachspielten. Dabei entwickelten sie oft einen eigenen Stil. Andere wiederum waren bemüht, möglichst dem Originalen nahe zu kommen. Der Beat brachte der jungen Generation den ersehnten Soundtrack mit dem sie sich von all dem »alten Mief« des »Spießbürgertums« abgrenzen konnten. Und diesen »Soundtrack« wollten sie auch selbst mitgestalten.

Der Beat brachte der jungen Generation den ersehnten Soundtrack mit dem sie sich von all dem »alten Mief« des »Spießbürgertums« abgrenzen konnten. Und diesen »Soundtrack« wollten sie auch selbst mitgestalten.

In Ostberlin wurde 1964 ein Jugendradio gegründet: DT64 ging an den Start und ermöglichte dadurch der Jugend letztlich Beatmusik hören zu können. Für das SED-Regime ließ sich zu jener Zeit »Beat« und »Propaganda« vorteilhaft zusammenbringen und diente auch zur Umwerbung der Gunst ihrer jungen Mitbürger:innen. In jener »liberalisierten« Phase wurden in der DDR unzählige Beat-Combos gegründet. Einige davon schafften es sogar auf die staatlichen Vinyl-Veröffentlichungen. Gruppen wie Butlers, Sputniks und Franke Echo erspielten sich die jungen Herzen ihrer Gleichgesinnten quasi über Nacht. Innerhalb der Szene brodelte es, überall tauchten Formationen auf, die Beat spielten. Nur wenige davon brachten es auf Schallplatte, dafür spielten sie in zahlreichen Milchbars und Jugendhäusern.

Zottelige Mähnen

Während die Beatles sich Mitte der 1960er Jahre bereits in Richtung »Auflösung« bewegten und von ihrem Erscheinungsbild eher gemäßigt und gesellschaftlich vertretbarer auf den Bühnen der Welt kursierten, traten die »Stones« hingegen (für die damaligen Verhältnisse) mit langen Haaren und Löchern in der Jeans äußerst progressiv auf. In der Wahrnehmung der älteren Generation galten diese als »Krawall-Rüpel«, die die Jugend verderben würde. Das gesellschaftliche Bild über die junge Beat-Bewegung kippte immer mehr und eskalierte schließlich nach Ausschreitungen bei einem Konzert der Rolling Stones auf der Waldbühne in West-Berlin 1965. West und Ost waren sich ausnahmsweise einig, dass der Beat ihrer Auffassung nach einen schlechten Einfluss auf die deutsche Jugend hätte. So startete man regelrechte Hetzkampagnen, durch Aufklärungs-Werbespots oder entsprechende Zeitungsartikel mit Aufhängern wie »Sie waschen sich nicht und stinken, ihre zottelige Mähne ist verfilzt und verdreckt, sie gehen der Arbeit und dem Lernen aus dem Wege« (Zeitungsausschnitt: Neues Deutschland, 17.Okt. 1965 DDR, S.12).

Das SED-Regime unterband die Beat-Bewegung. Die politischen Spitzen nutzten die Geschehnisse der Waldbühne in Westberlin als Begründung zum sofortigen Verbot der Beatmusik. Man wollte solchen Ereignissen im eigenen Land präventiv entgegenwirken, hieß es sinngemäß. Gerade in Leipzig gab es zu dieser Zeit eine besonders blühende Beat-Szene. 56 registrierte Beat-Gruppen gab es allein im Bezirk Leipzig, lediglich 9 durften ihre Spielerlaubnis behalten. Unter den verbotenen Gruppen waren auch die Spitzen der Szene vertreten wie The Butlers. Das restriktive Vorgehen der SED-Führung erzeugte in Leipzig noch im selben Zeitraum einen Widerstand der Beat-Anhänger. Hauptsächlich Schüler:innen organisierten ein Treffen, um in der Leipziger Innenstadt ihren Unmut über das Beatverbot kundzutun. Rund tausend Jugendliche versammelten sich und wurden laut damaligen Presseberichten unter Einsatz von Wasserwerfern, Schlagstöcken und Polizeihunden innerhalb von zwanzig Minuten wieder auseinandergetrieben. Darunter gab es auch Festnahmen und Bestrafungen wie »Umerziehungs-Maßnahmen« in Form von Zwangsarbeit bis zu drei Monaten in Arbeitslagern zum Braunkohleabbau.

Musikalische Wiederentdeckung

Durch das Verbot formte sich die Musikrichtung etwas gefälliger. Der Beat vermengte sich mit Schlager aber auch mit Rock und Jazz. Für die letzten beiden Stilentwicklungen interessiert sich heute u.a. das Berliner Label Black Pearl Records das von Tom Sky und Roskow Kretschman betrieben wird. Immer wieder überrascht das Label mit neuen, teilweise unveröffentlichten Aufnahmen aus der ehemaligen DDR in Form von liebevoll aufgemachten Vinyl-Releases. So bekommen Liebhaber Einblicke in unveröffentlichte Werke der Gruppe Panta Rhei wie dem Album »Leben« oder auch der Gruppe WIR. Der spezielle DDR-Sound aus Jazz, progressivem Rock und Beat freut sich unter globalen Musikliebhaber:innen immer größerer Beliebtheit. Gilles Peterson kürte 2017 das Black Pearl-Release »Experiment mit Jazz No.3, Friedhelm Schönefeld-Trio« zu seinen Lieblingsplatten des Jahres.

In den letzten Jahren kuratierte Tom Sky gemeinsam mit dem Film-Produzenten und Regisseur Bernd Maywald eine Vinyl-Kompilation namens »Die Notenbank – Tanz für junge Leute«, die innerhalb seiner Labelarbeit den Fokus erstmals auf die Beatmusik der DDR legt. »Die ›Notenbank‹ war eine DDR-Fernsehsendung mit Tanzmusik, die auf ein jüngeres Publikum ausgerichtet war«, erzählt Tom Sky im Interview und holt dann aus: »Bernd Maywald hatte 1969 die Idee dafür und wollte u.a. auch unbekannten Gruppen eine Bühne geben. Beat in der Urform war 1969 zusätzlich mit immer größeren Elementen des Rock und Jazz fusioniert. Da gab es reichlich talentierte, aber eben auch völlig unbekannte Bands die ›Beat‹ zwar als Grundlage im Rhythmus verwendet haben, aber an sich war das schon eher ›grooviger Progrock‹, hin und wieder auch mit Jazz Einflüssen, mal Instrumental , mal mit Gesang. Gerade letzteres wirkt heute oft etwas ›Schlager-mäßig‹, jedoch haben wir uns in unserer Auswahl der Songs für die aktuelle ›Notenbank‹-Compilation bemüht, die stilsichersten Titeln auszuwählen, sowie jene, welche nicht auf den ›Hallo‹-Serien vertreten waren. Gewissermaßen handelt es sich um das Erbe der DDR Beat-Ära. Zudem war die ›Notenbank‹-Fernsehsendung auch die erste deutsche TV-Popsendung überhaupt, insbesondere mit deutschsprachigen Texten. In der Sendung konnten v.a. junge Gruppen ihre Fähigkeiten vor einem großen Publikum präsentieren. Einige Mitschnitte gibt es auf DVD, jedoch wollte ich aus dem dort meist nicht erscheinendem großartigem Material eine Vinyl-Kompilation realisieren. Die musikalische Qualität war einfach zu verlockend, um es nicht zu tun. So kam es dazu, dass ich durch Mitglieder von Joco Dev den Kontakt zu Bernd Maywald herstellen konnte und es sehr schnell zu einer Zusammenarbeit kam, da Maywald die Idee von einer kompletten Notenbank TV Soundtrack LP sehr gut fand.«

Der Beat verschwand mehr und mehr. Mitte bis Ende der 1960er Jahre waren Jimi Hendrix, Janis Joplin und die anderen Üblichen aus dem »Rock Revolution Olymp« gefragter und wirkten ebenfalls in die globale Musiklandschaft mit ein, auch in die der DDR. Psychedelischer Rock kombiniert mit Jazz war in der DDR besonders vorzufinden wie die Gruppe SOK mit ihrem Album »Der Grüne Vogel« beweist. Das lag zum einen daran das viele der professionellen Musiker:innen oftmals aus dem Jazz kamen und andererseits an den globalen Einflüssen, die in der DDR genauso ihre Spuren hinterließ. Die Trends fanden stets ihren Weg und wurden von ihren enthusiastischen Hörer:innen (meist über das Radio) gerne für sich neu interpretiert bzw. gaben ihnen im Kontext der Nachkriegszeit auch und vor allem eine neue Möglichkeit der Identifikation.

V.A.
Die Notenbank
Black Pearl • 2021 • ab 26.99€