Der neue Bossa Nova des jungen Werther

23.06.2022
Foto:© Altercat
Die brasilianische Fußballmannschaft ließ sein Debüt an der Copacabana in Vergessenheit geraten. 52 Jahre später erfährt der Bossa Nova-Musiker Werther späte Genugtuung durch das Label Altercat. Ein Porträt über einen, der immer weitermachte.

Sein Herz sei schon früh gebrochen. Das erste Mal mit zwölf Jahren. Das zweite Mal mit 15. Als junger Erwachsener habe er schließlich den Doktortitel in Liebeskummer abgeschlossen – sagt Werther Jacques Vervloet, der 75-jährige Brasilianer, den seine Freunde nur Werther nennen. Ein Schelm, der dabei an Goethe denkt: Der brasilianische Werther hat sich allerdings nicht in den Kummer gestürzt und mit einer Pistole das Leben genommen, sondern seine gebrochenen Herzen mit Bossa Nova, seiner »großen Liebe«, verwoben. 1970 erschien mit »Werther« ein selbstbetiteltes Album. Sein Debüt. Und das vorläufige Ende der musikalischen Karriere des jungen Werthers – bis es Sergi Roig von Altercat Records wieder ausgrub.

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Um die Geschichte von Werther zu verstehen, muss man trotzdem in die Vergangenheit reisen. »Damals herrschte in Brasilien seit Jahren eine brutale Diktatur. Außerdem gewann die Fußballnationalmannschaft zum dritten Mal die Weltmeisterschaft. Die Leute sind also durchgedreht«, so Werther im Gespräch. »Alle gingen auf die Straße und fingen an zu singen. Ich erinnere mich, dass einige Freunde mich in einem alten Volkswagen abholten. Ich saß auf dem Dach des Wagens. Wir haben geschrien. Es war ein kollektiver Wahnsinn.«

Werther erinnert sich an diese Zeit, als sei sie gestern gewesen. Dabei sind viele Jahre vergangen. 1970 ist er Anfang 20, ein junger Mann mit der Lebenserfahrung eines jungen Rebellen aus Tijuca, einem Vorort im Norden Rios. Seine Passion ist der Bossa Nova, eine Art brasilianisches Lebensgefühl, das Anfang der 1950er Jahre entstand und von der Copacabana aus um die Welt reiste.

Kollektiver Wahnsinn

Der junge Werther saugt diese Musik zwar auf, studiert Ende der 1960er-Jahre aber an der Universität und arbeitet an einem PhD in Informatik. »Es war meine Zeit des Übergangs«, so Werther. Kurz vor seinem Abschluss lernt er durch Zufall Peter Keller kennen. Ein Mann, der durch ein Erbe zu Geld kam und Künstler*innen unterstützte. Vor allem jene, die wie Werther aus der Region Tijuca kommen. »Das war eine Gegend, die bei weitem nicht so mondän war wie der Süden, wo alle die Copacabana und Ipanema kennen. Aber Tijuca war bekannt als der beste Ort im Norden der Stadt. Ein Ort, an dem sich die Mittelschicht niederließ«, so Werther.

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Ich spreche ihn auf seine Kindheit an und merke, dass er sich gerne zurückdenkt. Werthers Mutter war Professorin für Sporterziehung, sein Vater ein promovierter Physiker, der in einer Forschungseinrichtung der Armee arbeitete. Untertags sei er oft mit Freunden herumgezogen. »Es war eine andere Zeit. Rio war viel ruhiger und lange nicht so gewalttätig wie heute. Wir konnten deshalb zu jeder Tages- und Nachtzeit auf die Straße gehen, ohne dass jemals etwas passiert wäre«, so Werther. »Außerdem gab es gerade in den Sechzigern im Tijuca-Viertel viele Leute, die ihr Leben der Musik gewidmet haben. Wir kannten uns alle, schlossen uns an Wochenenden oft zusammen und spielten in Schulen und Theatern. Das war eine tolle Zeit.«

»Alle gingen auf die Straße und fingen an zu singen. Ich erinnere mich, dass einige Freunde mich in einem alten Volkswagen abholten. Ich saß auf dem Dach des Wagens. Wir haben geschrien. Es war ein kollektiver Wahnsinn.« (Werther)

Mit 14 Jahren beginnt Werther, Gitarre zu lernen, nimmt Stunden bei einem Lehrer, der ihm die ersten Akkorde beibringt. »Das war der Moment, in dem ich merkte, dass ich meine Gefühle in Musik ausdrücken konnte«, sagt er heute. Mit 19 trifft er auf Beth Carvalho, eine damals noch unbekannte Lehrerin für Bossa Nova, die später als Sambasängerin Erfolge feierte. »Mit ihr war es einfach, die Harmonien für all die Stücke des Bossa Nova zu bekommen, die ich so gerne hatte.« Werthers Gitarrenspiel wird dadurch rasch besser. Er findet darin etwas, nach dem er lange gesucht hat: die Stimmung des Bossa Nova. Oder den »Vibe«, wie Werther es nennt.

Er beginnt, in den Nachtclubs von Rio aufzutreten. Immer wieder reicht er Songs bei Festivals und Wettbewerben ein. Stücke, die er mit Freunden wie Tavito oder Antônio Gil bei spätnächtlichen Zusammentreffen schreibt. 1969 tritt Werther schließlich bei einem Fernsehwettbewerb auf. »Ein Flop«, wie er heute zugibt. Aber der Grund, wieso ihn Peter Keller erneut anruft. »Warum auch immer, er wollte ein Album mit mir machen. Ich war begeistert, hatte aber nur wenig Ahnung, wie ich das anstellen sollte.«

Des einen Freud ist des anderen Leid

Durch die Teilnahme an dem Fernsehwettbewerb kommt Werther zu etwas Geld. Nicht viel, wie er meint. Vor allem, weil er gerade erst sein Studium abgeschlossen und geheiratet hatte. Werther steht plötzlich vor einer großen Entscheidung. Ein Leben als Künstler anstreben, das ihm kreative Freiheit unter finanzieller Not beschert. Oder eine sichere Anstellung an der Universität annehmen, die ihm den Lebensunterhalt sichert, aber keine Zeit für seine Musik lässt. »Ich entschied mich für zweiteres – auch wenn ich es mir alles andere als einfach gemacht habe«, sagt Werther. Fragt man ihn, ob er die Entscheidung jemals bereut habe, denkt der 75-Jährige lange nach – über das, was passieren hätte können, wenn er damals darauf bestanden hätte, Musik zu machen. »Aber als ich an meiner Doktorarbeit saß, hatte ich nicht den Kopf für solche Gedanken.«

Gil & Werther

1970 erscheint »Werther« trotzdem auf Stylo, dem Label von Peter Keller. Einige Wochen später gewinnt Brasilien im Finale der Fußballweltmeisterschaft mit 4:1 gegen Italien. Der Zuckerhut bebt, Werthers Platte geht vor der Copacabana unter. »Das mag auch damit zusammenhängen, dass der Höhepunkt des Bossa Nova zu diesem Zeitpunkt bereits ein paar Jahre zurücklag.«

Schließlich ist Bossa Nova Anfang der 1970er längst nicht mehr so populär wie in anderen Ländern. Er gilt in manchen brasilianischen Ohren sogar als altmodisch. »Außerdem hatte Peter (Keller, Anm.) auf einmal kein Geld mehr, um die Platte zu promoten«, so Werther. »Ich erinnere mich daran, wie er mich von einem Radiosender zum nächsten fuhr, um die Platte zu bewerben. Manchmal mussten wir den Typen beim Radio sogar schmieren, damit er überhaupt darüber nachdachte, die Platte zu spielen.«

Die Polizei hört mit

Nicht nur die brasilianische Nationalmannschaft verhinderte also den Erfolg des Albums. Auch die Umstände im Plattengeschäft und Werthers Drang, die Gründe des Bossa Nova neu zu beackern, führten dazu, dass die Platte kaum jemand hörte. »Damals ging fast alles nur übers Radio. Obwohl die Songs kaum gespielt wurden, erinnere ich mich an einen Tag an der Küste von Rio. Ich fuhr mit meinem Auto zu einem Supermarkt, als ich mich plötzlich im Autoradio erkannte. Das hat mich getroffen wie eine Pistolenkugel. Ich musste sogar rechts ranfahren. Es war das einzige Mal, dass ich mich im Radio hörte.«

Zu dieser Zeit treiben Musiker wie Caetano Veloso und Gilberto Gil bereits eine andere Bewegung an: Tropicália, eine »kulturelle Einstellung und nie ein bestimmter Stil wie Bossa Nova«, wie Gil einmal sagte. Es war die elektrische Reaktion auf das Militärregime, die in Anlehnung an US-Vorbilder wie Jimi Hendrix und Chuck Berry durch die Verstärkertürme brummte und Bossa Nova seine Gemütlichkeit austrieb. »Die Harmonien waren ganz anders, die Texte zum Teil politischer«, so Werther. »Und auch wenn wir im Bossa Nova nicht nur über gebrochene Herzen sangen, sondern auch die fehlende Freiheit in den Texten thematisierten, taten wir das viel eher verdeckt und in Metaphern, weil sonst sofort die Polizei an der Tür geklopft hätte.«

»Und auch wenn wir im Bossa Nova nicht nur über gebrochene Herzen sangen, sondern auch die fehlende Freiheit in den Texten thematisierten, taten wir das viel eher verdeckt und in Metaphern, weil sonst sofort die Polizei an der Tür geklopft hätte.« (Werther)

Auch deshalb steckte in Bossa Nova weniger Agitation als Melancholie, wie Werther meint. Man betrauert – das eigene Leben, die Liebe oder die ausbleibende Lust in fehlender Freiheit. Etwas, das Anfang der 1970er-Jahre nicht mehr dem Zeitgeist entsprach. Dass dieses Gefühl über 50 Jahre später wieder auf Plattentellern rotiert, ist für Werther deshalb umso erstaunlicher. »Ich dachte zuerst, das sollte ein Scherz sein. Ein Typ mit portugiesischem Akzent ruft mich im Büro an und fragt, was ich davon halte, meine Platte neu aufzulegen«, sagt Werther über die Idee von Sergi Roig, dem Altercat-Label-Chef. »Danach musste ich erst mal überlegen.« Der baldige Rentner nimmt sich Zeit. Viel Zeit. Vom ersten Anruf bis zur Veröffentlichung der Platte dauert es fast zwei Jahre.

»Das Lustige daran ist: Die Platte ist heute viel bekannter, als sie es je in meinem Leben war. Sie fällt heute wohl in die Kategorie einer Kultplatte, weil die Leute die Qualität der Musik erkennen, für die 1970 niemand ein Ohr hatte.« Werther erfährt dadurch späte Bestätigung für ein frühes Scheitern. Inzwischen greift er mit dem Ausblick auf seinen baldigen Ruhestand wieder öfter zur Gitarre, spielt manchmal sogar auf seiner alten Horner-Mundharmonika. Und: Eine neue Platte sei in Vorbereitung. »Weil es das zusammenfasst, was ich an mir wirklich bewundere: Wenn mir etwas gefällt, kann ich mich in die Sache hineinstürzen und mein Bestes geben. Das habe ich immer getan. Und werde ich auch in Zukunft tun.«