Elisabeth Klinck wählt 10 aktuelle Schallplatten

05.03.2026
Foto: Femke Appeltans

Elisabeth Klinck verlernt das Gelernte, um anders zu erinnern. Die Brüsseler Electroacoustic-Szene hat in ihr eine eigenwillige Stimme. Ihre Musik besteht aus Körper, Atem und Lücke. Komposition als Raum, in dem der Kopf endlich schweigt. Für uns hat sie zehn Platten ausgesucht, die sie gerade begleiten.

Als Kind angelte Elisabeth Klinck mit dem Geigenbogen. Sie lockerte die Haare ihres Bogens, bis sie sich ablösten, und angelte ins Ungefähre. Ihr Vater, selbst Violinist, übte täglich Tonleitern – die einzige Musik, die sie zu Hause hörte. Dann kam das Konservatorium, und das Angeln hörte auf. Die Musik wurde Arbeit, Schuld, Opfer. Was sie dort gelernt hat, versucht sie seitdem methodisch zu verlernen. Oder genauer: zu vergessen. In den Körper zu versenken.

»I search for a way that my body and my brain become one«, sagt sie im Interview. Kommunikation, so Klinck, läuft über Vibrationen, Gerüche, den Körper – viel mehr als über Worte. »But we kind of forgot this. We became uneasy with our bodies.« So sucht sie genau das: eine Übertragung von Körper zu Körper, von der Bühne in den Zuschauerraum. »The sound is the only thing that is there, and the space becomes the sound.«

Von Körper zu Körper

Das hört man. Auf Chronotopia (Hallow Ground, 2025) tasten sich Stimme und Geige, die Hände haltend, ins Unbekannte. Beim Klinck Trio, ihrem Ensemble mit Adia Vanheerentals und Maya Dhondt, wird diese Nähe noch körperlicher: Die Aufnahmen auf My Hair is Everywhere (VIERNULVIER, 2025) sind so nah, dass man Pedalgeräusche hört, Atemzüge, das Klicken der Saxophonklappen. Das Album beginnt direkt mit dem Ende, dem Trauermarsch »Infinity Forever«, wonach die Nuancen zum Leben erweckt werden: das Kribbeln in den Fingerspitzen (»Little Song«), der zum Lächeln zuckende Mundwinkel (»Flirting Around«).

»I just love the sound of silence. It makes new music in our brain.«

Elisabeth Klinck

Auch Pioen (Blickwinkel, 2026), aufgenommen mit dem Cellisten Nils Vermeulen, lebt vom Dazwischen. Stücke wie »Cocoon« betonen die Pausen – nicht als Leerstellen, sondern als Ort. Denn im Unsichtbaren regt sich was. »I just love the sound of silence«, sagt Klinck. »It makes new music in our brain.« Stille als Kompositionsprinzip und als Bedingung. Verlernen heißt bei Elisabeth Klinck: Raum schaffen. So viel Raum, dass der Kopf endlich schweigen kann.

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