Kali Malone hinterfragt mit ihrer Musik, wem die Tradition gehört

12.02.2024
Monumentale Drones, klerikale Chöre und Tonsysteme aus der Renaissance – jede Bischofskonferenz klingt progressiver. Um daraus provokante Kunst zu machen, braucht es wohl ein Ausnahmetalent. Auftritt: Kali Malone.

An einem lauen Frühlingssamstag besetzen 32 Rechtsextreme die Kirche Saint-Cornely in der bretonischen Küstenstadt Carnac. Sie gehören »Civitas« an, einer fundamentalistischen Splittergruppe des Katholizismus. Letzten Oktober sollte die französische Regierung die Organisation verbieten. Sie habe »zum Krieg gegen die Republik aufgerufen«. Fünf Monate zuvor hatten »Civitas« noch ein bescheideneres Ziel. Sie wollten ein Konzert der Drone-Komponistin Kali Malone verhindern.

Auf den ersten Blick gibt es nichts, was Malone zum Hassobjekt von Rechtsextremen machen sollte. Weder ihre Auftritte noch ihre Online-Präsenz sind explizit politisch. Die 29-jährige Amerikanerin ist durch Affirmation klerikaler Musik bekannt geworden. Der Durchbruch gelang ihr 2019 mit »The Sacrificial Code«, zwei kristallenen Kompositionen für Kirchenorgeln.

Mit jesuitischer Strenge wandte Kali Malone darin ein Tonsystem der Renaissance, die reine Stimmung, auf modernistische Sensibilitäten an. Das Ergebnis ist ein reduziertes Schwarzweißgemälde, das sich mehr für das Licht des Tages als für den Untergang des Abendlandes interessiert. Eines haben die Fanatiker*innen dennoch erkannt: Malones Oeuvre ist eine subtile Herausforderung des Verhältnisses von Musik und Religion.

»Kunst und Musik sind mächtig, essentiell und unabdingbar, weil sie in unerklärlichen Weisen existieren. Sie sind weder gänzlich begreiflich, noch sollten sie es sein.«

Kali Malone

Das zeigt sich auch in ihrer Reaktion auf die Besetzung. Gegenüber Resident Advisor versuchte Malone gar nicht, »Civitas« als Hassgruppe zu entlarven. Stattdessen führte sie aus: »Kunst und Musik sind mächtig, essentiell und unabdingbar, weil sie in unerklärlichen Weisen existieren. Sie sind weder gänzlich begreiflich, noch sollten sie es sein.«

Aus Malones Sicht wäre es verkehrt, den hanebüchenen Fehldeutungen von Zelot:innen eine »richtige« Interpretationen gegenüberzustellen. Beide verkennen, worum es geht: »Die Funktion von Kunst und Musik ist, Spiritualität ähnlich, Fragen aufzuwerfen und neue Pfade von Verstehen und Transzendenz zu schlagen.« Kunstwerke haben also eine Aufgabe, die traditionell religiöser Erfahrung vorbehalten war: die Selbstüberschreitung des Menschen.

Das Alte öffnen

Während sich Malones Werke wie eine Offenbarung anfühlen können, ist ihre Praxis ein beständiger Prozess. Sie versucht, sich die Musikgeschichte neu anzueignen. 2022 überraschte Malone mit Kompositionen auf dem Synthesizer der Minimalismus-Ikone Élaine Radigue. Im Jahr darauf folgte »Does Spring Hide Its Joy?«, eine monumentale Darstellung der Veränderungen des Zeitgefühls in der Corona-Pandemie. Nicht zuletzt dank Kollaborateur Stephen O’Malley, Gründungsmitglied der legendären Sunn O))) – und seit kurzem Malones Ehemann – ist es ihr erstes Album, das die Rigorosität früher minimalistischer Stücke mit der Plastizität neuerer Drone-Formen vereint.

Reviews zum Künstler

Geschichtliche Bezüge haben also schon länger in Malones Oeuvre Wurzeln geschlagen. Zu Blüte kommen sie erst mit ihrem neuen Album »All Life Long«. Manche Stücke knüpfen direkt an den kristallinen Stil von »The Sacrificial Code« an. Andere brechen mit dem Minimalismus. Modernistische Anleihen sind dem Choral-Arrangement »Passage Through The Spheres« fremd. Es ist unumwunden Alte Musik. Der Text entstammt jedoch einem Essay des zeitgenössischen Philosophen Giorgio Agamben.

Malone erinnert daran, dass die christliche Tradition nicht ihren selbsternannten Verteidigern gehört. Kein Wunder, wenn das provoziert. Das Konzert in Carnac musste nach Gewaltdrohungen abgesagt werden, ein Gerichtsverfahren ist ausständig. Davon lässt sich die Komponistin jedoch nicht unterkriegen. Gegenüber The Quietus betont sie: »Ich glaube, dass es besonders wichtig ist, in solchen Orten Musik zu machen und sie zu öffnen. Ich will damit weitermachen.«