Jahresrückblick 2018 – Top 20 12inches

29.11.2018
Die Vinyl 12inches sind auch in diesem Jahr wieder weitestgehend Musik für den Club vorbehalten. Eine gute Nachricht! Denn 2018 ging mehr als nur die Snare auf zwei und vier. Was das im Einzelfall bedeutet, müsst ihr schon selbst lesen.
Diese Kategorie bleibt traditioneller Weise auch 2018 fest in Clubhand, obwohl das dieses Jahr eher gute Nachrichten sind. Denn angefangen mit den entschieden dancig-undancigen Beiträgen von Air Liquide oder Barker über wunderbar randständige und ausgeklügelte Booty-to-Brain-Entwürfe von Viola Klein oder Terre Thaemlitz hin zu Weirdo-Rave-Material von Die Orangen, Job Sifre oder Shackleton ging heuer mehr als nur die Snare auf zwei und vier. Zudem mit Emerson Kitamura, einer wunderbar wundersamen Disk-Compilation, den Minimal-meets-Techno-Krautjams von Oren Ambarchi, Konrad Sprenger und Philipp Sollmann oder bassigen Abstraktionswerten bei Smerz und R.A.N. auch viel Kurzformat für den langen Feierabend übrig blieb. Club ist eben auch, was ihr draus macht.


Die Top 20 12inches findest du auch [bei uns im Webshop](https://www.hhv.de/shop/de/jahresrueckblick-2018-top-20-12inches/p:anpLaN.)

—————-.

Air Liquide
This Is A Mind Trip
Intergalactic Research Institute For Sound • 2018 • ab 11.99€
Nach dem überraschenden Comeback von Teste setzten Cem Oral und Ingmar Koch noch einen drauf und ließen 14 Jahre nach ihrem letzten Air Liquide-Release den Love-Parade-Überhit von vor 28 Revue passieren. »This Is a Mind Trip« allerdings ist nicht nur dem Titel nach die Antithese zu damals, sondern setzt auch musikalisch und mit den markant gewisperten Vocals von Mary S. Applegate gänzlich andere Akzente. Droniger Post-Rock, der sich erst zum Ende dieser überragenden EP Richtung Rave auflöst. Nur so dürfen Techno-Revivals klingen. KC

Barker
Debiasing EP
Ostgut Ton • 2018 • ab 9.99€
Als eine Hälfte von Barker & Baumecker hat der Leisure System-Mitbetreiber Sam Barker schon alle Fragen beantwortet, die ihm nie jemals gestellt hat und machte sich in diesem Jahr endlich daran, mit »Debiasing« selbst die Diskussion zu bestimmen. Herausgekommen ist Inspiration für einen gesamten Objekt-Mix für Resident Advisor und außerdem die schönstmögliche Fortführung der UK-Techno-Traditionslinie. Vier Tracks ohne Kickdrum, in deren Fall Trance keine Genrebezeichnung, sondern eine unbedingte Nebenwirkung ist. KC

Borusiade
A Body
Cómeme • 2018 • ab 10.99€
Pinkman, Ostgut Tons Unterton-Sublabel, Dekmantel und schließlich Cómeme: Borusiade sammelte 2018 noch jedes Pfadfinderabzeichen für guten Geschmack und rundete das mit einer Platte ab, die entweder als bescheiden bepreiste LP oder aber eine Art EEP kategorisiert werden kann. So oder so ist Sammlung von dezidiert muffigen Trademark-Tracks das gleichermaßen vorläufige wie definitive Highlight in der Karriere der rumänischen Wahlberlinerin, die der Stubenhockerfraktion hier ebenso einen Gefallen tut wie den Dancefloors kleiner Kellerclubs. KC

CVX
Zibaldone III Of CVX
Berceuse Heroique • 2018 • ab 7.79€
Rupert Clervaux macht als CVX großartig unberechenbare Geschmäcklermucke für LYL-Guestmixes und NTS-Residencies. Französische Spoken Word Interludes, lahaaaaangsamer Tribal-Trance, noisiger Krauttechno und über die B-Seite von »Zibaldone III« haben wir noch gar nicht gesprochen. Essentiell, echt jetzt. FA

Orangen, Die
Saft 1
Malka Tuti • 2018 • ab 12.99€
Im Interview Mitte des Jahres sprachen Katzele und Asaf Samuel, ihres Zeichens die Macher des Labels Malka Tuti, davon, dass sie Platten produzieren, die sie im Wohnzimmer hören wollen. Die Orangen (aka Dreems und Kris Baha) sind bestimmt nicht glücklich darüber, aber bei »Saft 1« gehe ich mit der Meinung der Labelverantwortlichen d’accord: So viel Spaß wie ich ganz alleine mit den Gordon Pohl Re-Imaginationen auf der B-Seite habe, kann ich gar nicht tanzend ausdrücken, sondern nur im (F)Liegen. LF

DJ Ungel
Transpirits
Mirror Zone • 2018 • ab 9.99€
DJ Ungel aus dem Düsseldorfer Candomblé-Umfeld gelingt auf Mirror Zone etwas was bisher in dieser Form kaum funktioniert hat: die narrische Aiwo-Breakbeat-Energie wird hier nämlich mit dem Chopped & Screwed Goa bekanntgemacht, der zumindest in Rheinnähe so gerne gespielt wird, augenzwinkernde Enigma-Esoterik und Trip Hop Pads verstehen sich auf »Transpirits« prächtig mit einer schüchternen Acid-Line und selbst die euphorische B-Seite lässt sich auf 33 perfekt sedieren. Was ein Werkzeugkasten. FA

Emerson Kitamura
The Countryside Is Great EP
EM • 2018 • ab 15.99€
Es gibt zwei Gründe, warum »The Countryside Is Great« des Japaners Emerson Kitamura zu den essentiellen Releases des Jahres gehört. Das EP-Artwork ist eins, das George-McCrae-Cover mit MMM das andere. Darüber hinaus verdichtet Kitamura im Laufe der drei weiteren Stücke die Querverbindungen seines Labels EM nach Vietnam in dessen bisher stärkstem Jahr in der linken Hand derweil die rechte Liebesbriefe von Mark Ernestus zu den Akten legt. Wen muss ich heiraten, damit Kitamura auf der After-Party den Alleinunterhalter macht? KC

Group A
Circulation EP
Kashual Plastik • 2018 • ab 19.99€
Für alle Nerds mit Veronica Vasicka-Abo auf Lebenszeit haben Group A vermutlich eh schon denselben Stellenwert wie die Backstreet Boys circa 1997 für die Bravo-Leserschaft und trotzdem legt das mittlerweile in Berlin gestrandete Duo mit »Circulation« nochmals obendrauf. Von gespenstischem Flötenminimalismus über formstrenges Beat-Geklöppel hin zum sphärischen Schwarze-Messe-Soundtrack wird hier »Musik« mit noch fetterem C als zuvor geschrieben. Macht ebenso viel Angst wie Laune, besser waren Group A noch nie. KC

Job Sifre
Bestaan EP
Knekelhuis • 2018 • ab 10.99€
Ob denen bei Knekelhuis über ihre eigene Geilheit auch glatt mal langweilig wird? Vermutlich nicht, dem Rest der Dance-Welt schließlich ebenso wenig. Ein, wenn nicht das definitive Highlight eines starken Knekeljahrs war »Het Bestaan« von Job Sifre, dessen ebenso dramatische wie fokussierte Wave-Techno-Italo-EBM-Acid-Industrial-Derivate die ganz primitiven Instinkte ansprachen und dennoch auf hohem Niveau das mittlerweile müde gewordene Game von hinten aufrollten. Was todessehnsüchtige Tanzmusik angeht, hat Sifre das letzte Wort noch nicht gesprochen. KC

Marsesura, Uwalmassa, Wahono
Animisme
Disk • 2018 • ab 12.99€
Eine verlässlichere Konstante im Kuddelmuddel der Kultur, ein kritischeres Korrektiv für all things Fourth World als Don’t DJ gibt es derzeit kaum. Auf seinem Disk-Label fanden mit Marsesura, Uwalmassa und Wahono drei Acts zusammen, welche sich irgendwo zwischen Berlin und Jakarta in polternden Jams verlieren und in beide geografische Richtungen vor allem Befremdlichkeit auslösen. »Animisme« ist wohl das, was passiert, wenn sich Exotismusklischees von selbst abschaffen und damit ein ebenso richtiger wie wichtiger Schritt in eine bessere Zukunft. KC

Oren Ambarchi, Konrad Sprenger & Phillip Sollmann
Panama / Suez
A-Ton • 2018 • ab 9.99€
Frei nach Wolfgang Voigt: »Wenn du etwas zwei Minuten hörst, und du denkst es wären acht gewesen – dann ist das langweilig. Aber wenn du etwas acht Minuten hörst, aber denkst es seien zwei gewesen – dann ist das Trance und Trance ist geil.« Die beiden Stücke »Panama« und »Suez« des Trio Infernale [Oren Ambarchi](https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/2254/oren-ambarchi,) Konrad Sprenger und Philipp Sollmann sind zusammen 27 Minuten lang und deswegen noch geiler als bloßer Trance. LF

OTTO
Stimmungen
Orgaton • 2018 • ab 16.99€
Orgeln, Drum-Machines, Synths; deutschsprachiger Digi-Pop, angedubbt und angeschmunzelt. Otto haben genau die richtigen Dinge ernst genommen (Produktion) und auf genau die richtigen geschissen (Text). Aus dem Handgelenk in die Magengrube: Funktioniert gerade hierzulande fast nie, auf »Stimmungen« schon, alleine deshalb der Platz hier. Dazu kommt dass »Idyll« fürs Leben ist. Ein dichter dicker Japaner von Song, taumelt in die Dancehall und das glücklich-lommeligste je von einem Soundbwoi gerufene WOOOIIII schlackert in ein geil-indifferentes Universum. PK

Pessimist
Sprtlzm / Scifi
Pessimist Productions • 2018 • ab 10.99€
Mit avancierten Schlechte-Laune-Vibes lassen sich 2018 keine Blumensträuße mehr gewinnen, Pessimist aber will sowieso das ganze Ding einmal an den Wurzeln ausreißen statt es lediglich in den Wintergarten umzutopfen. »SPRTLZM« und »SCIFI« haben ebenso viel Hubraum im Bassbereich wie psychische Notfalldienste auf Speed-Dial, kümmern sich aber vor allem herzlich wenig um pure Traditionswahrung. Hier wird das Hardcore Continuum auf die Größe eines Brühwürfels komprimiert, mit Kreditkarte zerkleinert und dann in einem Rutsch weggezogen. KC

Wenn Pessimist Jeep Beats macht, dann klingt das selbstverständlich mehr nach Scorn als nach »Born To Roll«, trotzdem sind »SPRTLZM« & »SCIFI« die bisher mit Abstand bboyigsten Produktionen des Bristoler D&B-Innovators und die nächste Maxi, die U100 trudelt, die ich hier zu verantworten habe. Egoshootermucke für Top Shottas. FA

Peter Graf York
12" Sampler
Planet Rescue • 2018 • ab 12.99€
Auch »Ziwa« lässt sich mühelos auf U100 drosseln, beim Rest von Peter Graf Yorks »12" Sampler« hilft je nach Bedarf die gute alte Wrongspeedrutsche um aus hyperaktivem Aux88-Ghetto-Funk und paranoidem Broken Beat leanverschmierten After Hour Electro zu machen. Oder man hört das halt wie es gedacht war und hat immer noch die beste Frustrated Funk Platte der letzten 10 Jahre in der Hand. Mit Katalognummer 1 mehr gesagt als andere mit 50 Releases, big up Planet Rescue! FA

Philipp Otterbach
Humans
Tour Messier • 2017 • ab 9.99€
48 Leute haben sich Phillipp Otterbachs »Humans« gekauft, behauptet Discogs. Das bedeutet, dass 48 Leute keine Feigwarzen auf der Seele haben und raffen, dass Platten, die auf allen Geschwindigkeiten irgendwie off klingen, schon immer die besten waren. Nebenbei bemerkt ist Otterbach noch einer der besten DJs überhaupt, aber ach komm, Feigwarzen gonna feigwarz. FA

R.A.N.
Seb-i Yelda
Karl • 2018 • ab 12.59€
Mit »Şeb​-​i Yelda« hat Hüma Utku eine denkwürdig heterogene EP geschrieben, die allerdings noch weitaus mehr als nur ein verlängerter Teaser für ihr kommendes Album als R.A.N. ist. Die stimmvollen Kontraste werden am Anfang ausgerollt: Der Titeltrack umschifft mit rasender Geschwindigkeit alle Dark-Ambient-Klischees, um dann punktgenau mit einem ganzen Bassbollwerk dem Dancefloor das Tempo drosselt. Danach tröpfeln Emotionen aus dem Klavier, Anmutungen von Hi-Speed-Techno werden laut und zum Schluss bleibt ein gequältes Flüstern übrig. KC

Shackleton
Furnace Of Guts
Woe To The Septic Heart • 2018 • ab 12.99€
Knapp zwanzig Minuten lang verschreibt Sam Shackleton dem Belzebub wieder Beckenbodengymnastik und dreht dabei genauso das Dub-Ding weiter wie er Pleite-Raver auf einen kostenlosen Ketamin-Trip schickt. Nach dem polyrhythmischen Rumgeorgel von »Furnace of Guts« lässt »Wakefulness and Obsession« auf der B-Seite dann auch wieder wenig Zeit für Disco Naps und bietet stattdessen Disco Raps. Kurzum ist das hier mal wieder die beste komplett unverständliche Club-Musik der Welt. Never change, Sam. KC

Smerz
Have Fun
XL Recordings • 2018 • ab 8.99€
Letztens tanzte Björk ein ganzes Konzert des Duos Smerz in der ersten Reihe durch und mehr Ritterinnenschläge brauchen die beiden in Kopenhagen lebenden Norwegerinnen vermutlich ihr Leben lang nicht. Tun wir’s trotzdem und sprechen wir es aus: Nach viel zu viel slicken und fluiden Future-R’n’B-Retorten ist die scharfkantige Digitalbrachialität von »Have Fun« ein erlösender Peitschenschlag mitten ins Gesicht. Vielleicht brauchen wir doch wieder mehr Härte als zuvor angenommen, das hier wäre genau der richtige Anfang. KC

Terre Thaemlitz (DJ Sprinkles)
Deproduction EP 2
Comatonse • 2018 • ab 17.99€
Neben einem gemeinsamen Mix zum Zehnjährigen von Skylax mit Labelchef Hardrock Striker reaktivierte Terre Thaemlitz 2017 mal wieder alle kontroversen Energien und legte mit »Deproduction« ein multimediales Gesamtkunstwerk vor, das Kinderkriegen zur sozialen Regression erklärte und der LGBTQ-Szene ihre reaktionären Bedürfnisse vorhielt. Zwei in diesem Jahr nachfolgende EPs boten die Musik dazu in Kurzversion und natürlich im Deeperama-Mix, der schöner als auf der zweiten Single kaum klingen könnte. Deepskurs-House at its very best. KC

Wenn schon der Heilige Geist persönlich das Visum abstempelt, dann sollte man sich seligst ergeben. Zwischen zwei disruptiven Loop-Funks, die einen immer weiter ins Jenseits schießen könne, liegt mit dem zärtlichen »Chant« eine wahre Perle versteckt. Bin immer noch ganz verliebt in Viola Klein und ihre Mitstreiter Florent Kandety und der grandiosen Georgia Anne Muldrow. »A Passport and a Visa Stamped by the Holy Ghost« ist Jazz als House, House als Jazz. Super groovy! LF


Die Top 20 12inches findest du auch [bei uns im Webshop](https://www.hhv.de/shop/de/jahresrueckblick-2018-top-20-12inches/p:anpLaN.)