Spätestens seit ihrem Debütalbum Silence Is Loud hat Nia Archives sich als eine der aktuell aufregendsten Stimmen im UK-Jungle etabliert. Aufgewachsen in Leeds, hat man ihr die Musik quasi direkt in die Wiege gelegt: Ihre Großmutter hatte eine eigene Radioshow in Bradford, durch die Nia schon als Kind alles von Jungle bis R’n’B kennenlernte. Ihr Stiefvater, seinerseits selbst Produzent und Rapper, brachte ihr das Produzieren bei. Kein Wunder also, dass sie sich als Teenager selbst in die Welt der Breakbeats verliebte. So entstand über die Jahre ihre eigene musikalische Handschrift: Meldungen aus dem Innenleben einer Frau in ihren Mid-Twenties über Jungle-Beats.
Auf ihrem zweiten Album Emotional Junglist bewegt Nia sich musikalisch minimal weg vom Rave und dafür etwas in Richtung Indie. Inhaltlich bleibt sie aber beim Versprechen des Album-Titels und erzählt die Geschichte einer gescheiterten Beziehung, inklusive erster Verliebtheitsphase, Crashout und schmerzhafter Trennung. So entstand ein Album, das sich im Grunde genommen anfühlt wie ein liebevolles Gespräch mit einem fremden Girl auf der Clubtoilette, während von nebenan noch der Bass ankommt. Wir haben vor dem Release mit ihr gesprochen.

Emotional Junglist
Fangen wir mal ganz locker an. Dein neues Album Emotional Junglist ist draußen – wie fühlst du dich?
Nia Archives: Ähm, ich weiß es gar nicht mehr so genau (lacht). Ich glaube, nervös, aufgeregt – alle möglichen Gefühle.
Gefühle – das passt sehr gut zum Albumtitel. Fühlst du dich heute anders als damals, als du dein Debütalbum veröffentlicht hast?
Auf jeden Fall, ja. Ich finde, zweite Alben sind wirklich schwierig. Das erste Album hat einfach nur Spass gemacht und war irgendwie unschuldig. Ich habe das Gefühl, dass ich dieses Mal mehr Kritik und einfach viele Meinungen abbekommen werde – im Gegensatz zum ersten, bei dem ich das Gefühl hatte, nicht so viele Meinungen von anderen zu hören, weißt du? Ich freue mich darauf, dass die Leute das Projekt endlich in voller Länge hören.
Das Album fühlt sich wie eine neue Ära für dich an: es ist bunt, es macht Spaß, es ist girly – und es wirkt ein bisschen alternativer als Silence Is Loud. Wie haben sich deine Herangehensweise an die Musik und dein kreativer Prozess zwischen diesen beiden Alben verändert?
Ja, ich habe definitiv das Gefühl, dass es im Vergleich zum ersten Album viel alternativer und schräger ist. Das erste Album war zwar auch schon etwas weird, aber ich finde, es war trotzdem noch recht harmlos. Und bei diesem Album gehe ich quasi aufs Ganze. Mein Arbeitsprozess hat sich verändert, weil ich mehr mit anderen zusammenarbeite und bei diesem Projekt nicht mehr so sehr der Kontrollfreak bin. Ich schreibe die Songs tatsächlich direkt im Studio, anstatt alles schon vorzubereiten, bevor ich mit Ethan [P. Flynn, Produzent von u.a. David Byrne und fka twigs – Anm.d.Red] ins Studio gehe.
Was hat dich dazu bewegt, deine Komfortzone zu verlassen? Was hat sich verändert?
Ich habe das Gefühl, dass man entweder immer wieder innovativ ist und sich weiterentwickelt oder einfach stagniert, und ich möchte als Mensch immer wieder Neues probieren und weiter vorankommen, in Bewegung bleiben, anstatt einfach immer wieder denselben Song zu machen. Ich glaube, deshalb wollte ich etwas Neues ausprobieren.
Ich habe das Gefühl, dass man das bei dem Album wirklich spüren kann. Es ist ganz offensichtlich von deinen eigenen persönlichen Erfahrungen inspiriert und wirkt vulnerabel. Was bedeutet es für dich persönlich, ein Emotional Junglist zu sein?
Das ist etwas, was ich in den letzten Jahren hier und da immer wieder gesagt habe: Die Musik, die ich mache, ist Emotional Junglist Music. Sie ist nicht traditionell, sie ist keine puristische Musik. Aber so sehr ich Emotional Junglist als einen Sound betrachte, so sehr empfinde ich ihn auch als eine Art Identität. Ich fühle mich als Emotional Junglist, das ist mein Wesen. Beim Emotional Junglism geht es nicht unbedingt darum, ein Hardcore-Jungle-Raver zu sein, ich denke, es geht eher um den Gedanken dahinter, ähnlich wie bei der Punk-Bewegung. Nicht jeder, der ein Punk ist, hört tatsächlich Punkmusik. Manchmal ist es einfach eine Rolle, eine Ideologie, eine Lebensweise.
Für mich klingt es so, als ginge es auch darum, gleichzeitig verletzlich und badass zu sein und aus den eigenen Emotionen Kunst zu schaffen. Ich finde, das kommt auf dem Album wirklich gut rüber.
Danke.
Gerne. Wie gehst du, abgesehen von der Musik, mit deinen Emotionen um?
Ähm, ich rauche gerne Zigaretten und trinke Tequila.
Slay.
Das ist quasi mein Trio: Musik, Kippen und Tequila.

Welche Emotionen inspirieren dich am meisten? Und warum?
Das klingt vielleicht pessimistisch, aber offensichtlich lassen sich aus Traurigkeit und anderen negativen Emotionen leichter Songs machen, weil es meiner Meinung nach einfacher ist, über das Leben zu jammern, als es zu feiern. Es ist so leicht, Glück als selbstverständlich hinzunehmen. Das macht es schwieriger, fröhliche Songs zu schreiben. Seltsamerweise gab es auf diesem Album ziemlich viele fröhliche Songs. Aber ich glaube, manchmal ist es mir irgendwie peinlich, so aufmunternd und positiv zu sein (lacht). Ich glaube, ich schreibe definitiv lieber über negativere Gefühle.
Das merkt man auch auf dem Album: Die erste Hälfte des Albums ist viel mehr lovey dovey und fröhlicher, während die zweite eher traurig und pessimistisch ist. Manchmal ist das der natürliche Verlauf von Emotionen. Gibt es noch andere Gefühle, die du musikalisch erkunden möchtest? Ich habe bisher noch keinen Song von dir gehört, in dem es um Wut geht.
Ja! Das möchte ich als Nächstes machen. Ich habe das Gefühl, dass ich nach außen hin keine wütende Person bin. Aber es gibt Möglichkeiten, sich aufzuregen und in Rage zu geraten, ohne wütend oder aggressiv zu sein. Das ist etwas, das ich in meinem nächsten Projekt auf jeden Fall erforschen möchte.
Was inspiriert dich noch im Leben, abgesehen von deinen Emotionen?
Ich interessiere mich sehr für Musikgeschichte und dafür, was es früher gab, um herauszufinden, was ich als Nächstes machen will. Allein schon der Blick darauf, was meine Lieblingskünstler aus den Neunzigern gemacht haben, inspiriert mich sehr. Zum Beispiel Goldie, The Prodigy, Massive Attack.
»Ich glaube, die Zusammenarbeit mit Frauen an diesem Projekt und die Tatsache, dass ich während des gesamten Prozesses von Frauen umgeben war, haben dem Ganzen diesen weiblichen Blick verliehen, den ich erreichen wollte.«
Nia Archives
Jungle und Drum and Bass erleben in den letzten Jahren generell ein riesiges Comeback. Du trägst definitiv einen Teil dazu bei. Welche anderen Gründe gibt es deiner Meinung nach dafür, dass schnelle, elektronische Tanzmusik wieder im Mainstream angekommen ist?
Nia Archives: Ich glaube, Musik verläuft in Zyklen. Vor dreißig Jahren ist Jungle entstanden. Und dass es jetzt, dreißig Jahre später, wiederkommt und seinen Mainstream-Moment hat, macht total Sinn für mich. Ähnlich wie Speed Garage, das letztes Jahr eine große Sache war. Die Musikwelt kehrt einfach immer wieder zu alten Stilen zurück, weil alle krassen Ideen bereits gemacht wurden. Seit zehn Jahren gibt es kein neues Genre mehr in der Dance-Musik. Dann blicken die Leute zurück auf das, was wir schon gemacht haben, und überlegen, wie wir es heute neu interpretieren können. Und dass Leute daraus Popmusik machen, sorgt dafür, dass das Genre seinen kommerziellen Durchbruch hat.
Ich habe gelesen, dass du gesagt hast, du möchtest mit diesem Album Jungle feminisieren. Ich habe mich gefragt, was das für dich persönlich bedeutet und warum es dir wichtig ist?
Ich finde, es gibt bereits viel feminine Musik im Jungle, aber ich wollte das einfach aus meiner Perspektive als Frau in den Zwanzigern umsetzen. Ich glaube, Frauen werden sich damit identifizieren können. Es fühlt sich wirklich wie ein Tagebuch-Album über die normalsten Erlebnisse Mitte zwanzig an – etwas, das viele Frauen erlebt haben oder noch erleben werden. Was den kreativen Teil angeht, wollte ich unbedingt, dass alles aus der weiblichen Perspektive entsteht. Deshalb habe ich dafür ausschließlich mit Frauen zusammengearbeitet, und wenn ein Mann beteiligt war, arbeitete er an der Seite einer Frau. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ein Mann sich nicht so gut in die Gedankenwelt einer durchgedrehten Frau hineinversetzen kann wie eine andere Frau. Meine Freundin Iris hat das Cover fotografiert, und ich sehe darauf total verrückt aus. Aber auf eine schöne Art und Weise. Ich glaube, die Zusammenarbeit mit Frauen an diesem Projekt und die Tatsache, dass ich während des gesamten Prozesses von Frauen umgeben war, haben dem Ganzen diesen weiblichen Blick verliehen, den ich erreichen wollte.
Als Frau Mitte 20 kann ich das auf jeden Fall nachempfinden. Gute Arbeit. Es ist hart da draußen.
Das stimmt.
