Zu Aaliyah gehört notgedrungen, dass es untrennbar mit dem Tod der Musikerin verbunden bleibt. Es ist zugleich aber ein Statement, das den R&B seiner Tage auf den Punkt brachte und als Vorläufer späterer Entwicklungen gelten kann.
Aaliyah starb am 25. August 2001 kurz nach dem Erscheinen des Albums, das schlicht ihren Namen trägt. Die Sängerin aus New York hatte für das Video zur Single »Rock the Boat« ein paar Tage lang auf den Bahamas gedreht und war auf dem Rückweg. Das Flugzeug stürzte ab. Nach ihrem Tod gingen die Verkäufe für Aaliyah so sehr in die Höhe, dass es auf Platz 1 der Billboard-Charts in den USA landete.
Doch den Erfolg der Platte nur anhand der Tragik dieser Geschichte zu erklären, würde Aaliyah nicht gerecht.

Aaliyah
Präzise Kanten
Zuallererst ist da Aaliyahs Stimme, bei der man womöglich meinen könnte, dass sie mit ihr gar nicht so viel anstellt. Sie singt stets klar, kontrolliert, ohne Vibrato, und obwohl sie sich im Ausdruck stark zurücknimmt, steckt in der Präzision, mit der sie intoniert, ein fast noch stärkeres Gefühl. Umgekehrt könnte man sagen, dass sie ihren Ausdruck genau dadurch erreicht, dass sie so viele Facetten der Expressivität weglässt. Dafür konzentriert sie sich in den Songs vor allem auf die rhythmischen Kanten, von denen es einige gibt.
Die mit Timbaland befreundeten Neptunes sollten mit ihren ganz ähnlichen Mitteln und Ansätzen wenige Jahre später noch größere Erfolge feiern, vielleicht, weil sie oft eine Spur optimistischer klangen.
Ein gutes Beispiel ist die Single »Try Again«, in deren Strophen Aaliyah mit den abenteuerlichen Synkopen der Melodie eine ziemliche Achterbahnfahrt hinlegt, doch artikuliert sie dabei nie übertrieben, sondern lässt alles völlig natürlich und mühelos erscheinen. Im Dialog mit einer dezent blubbernden Synthesizerlinie, rhythmisch nicht weniger angespitzt, und den Breakbeats, die durch ihre mit Bedacht gesetzten Lücken für umso heftigeren Drive sorgen, entsteht daraus ein elegant verschachtelter Hit, der seine konstruktionsbedingte Krassheit nie groß raushängen lässt.
Für das zugehörige Gerüst um Aaliyahs Stimme war der Produzent Timbaland verantwortlich, der mit seinem Stil, bei dem er äußerst verknappte Samples etwa von Gitarrensounds und gern blechern dünne Snarebeats verwendete – oder zu eigentlich artfremden elektronischen Klängen griff wie in »Try Again« –, entscheidend dazu beitrug, dass Aaliyah zur Blaupause für kommende R&B-Fortschritte werden konnte. Die mit Timbaland befreundeten Neptunes sollten mit ihren ganz ähnlichen Mitteln und Ansätzen wenige Jahre später noch größere Erfolge feiern, vielleicht, weil sie oft eine Spur optimistischer klangen. Timbalands leicht brütender Ton macht dafür Aaliyah so einzigartig.
Die wildesten Nummern des Albums sind allerdings gar nicht die Hits. So deutet »Extra Smooth« mit seinen Breaks und bratzigem Bass etwa Drum’n’Bass-Einflüsse an, und »What If« kombiniert eine verzerrte E-Gitarre mit technoartigen elektronischen Sounds. Ähnlich »I Can Be«, dessen Stimmung nach einem scheinbar lyrischen Klavierintro mit leicht bearbeitetem Gesang schnell ins Ominös-Bedrohliche kippt. Selbst in diesem Song fällt Aaliyah souverän nie aus der Rolle.
Aaliyah kann bei aller Großartigkeit vermutlich nicht verhindern, dass man sich nach dem Hören fragt: Was wäre aus Aaliyah geworden, wenn sie heute noch lebte? Hätte sie Beyoncé überstrahlt? Fragen, die natürlich nichts bringen. Als Musikfan hält man sich an dem, was man weiß: Aaliyah ist ein einzigartiges Meisterwerk, singulär in seiner Vision und feinstgeschliffen in seinem Ausdruck. Was könnte man hinterlassen, das mehr als das ist?