Charlotte Day Wilson sieht mit den Ohren und entdeckt eine neue Ära der Freiheit 

29.04.2024
Foto:© Emily Lipson (XL Recordings)
Bisher war ihr Blick stoisch, jetzt will Charlotte Day Wilson aber »die Haare herunterlassen«. Das neue Album »Cyan Blue« ist der Ausdruck für diese neue Freiheit und verwandelt ihre Wut in Melancholie.

Die Decke bis zur Nase hochgezogen, ist man beim Anblick der Sonne skeptisch, die nach einem langen kalten April über Nacht am Horizont aufgetaucht ist. Doch langsam verwandelt sich die Fensterscheibe in ein bewegtes Autofenster und der Sommer beginnt, an einem vorbeizuziehen: »Als Songwriterin und Künstlerin wird man dazu ermutigt, die Welt um sich herum zu romantisieren – man darf über alles tagträumen«, so Charlotte Day Wilson. Ihr eben erschienenes Album »Cyan Blue« vertreibt damit das letzte bisschen Winterblues und verwandelt Gefühle in gemütliche Melancholie, die aus dem Autoradio hallt. Ein Aspekt, der ganz im Sinne der Künstlerin ist: »Ich höre Musik ausschließlich im Auto, also wollte ich auch, dass meine Platte gute Automusik ist.«

Reviews zum Künstler

Dabei ist Wilsons Welt wortwörtlich »Cyan Blue«: »Wenn ich zwei Varianten von etwas höre, kann ich hören, welche blau und welche orange ist. Und als ich an diesem Projekt gearbeitet habe, war eine grün-blaue Welt sehr präsent. So habe ich alle meine kreativen Entscheidungen durch diese Linse getroffen.« Die kanadische Künstlerin hat Synästhesie, »das heißt, ich kann die Farbe hören, aber ich kann die Musik nicht sehen«. Auch wenn dieser Ansatz vielleicht nicht jedem zugänglich ist, so versteht man ihn intuitiv, wenn man »Cyan Blue« hört: Charlotte Day Wilson geht durch ihre Gefühle und gibt dem Ungreifbaren einen Sound – die Resonanz davon wird zu Farbe. 

»Ich hoffe, dass die Leute, die mein Album hören, nicht denken, dass sie alles über mich wissen. Ich wünsche mir vielmehr, dass sie die Musik hören und dabei etwas über sich selbst erfahren.«

Charlotte Day Wilson

»Ich glaube wirklich, dass Musik die mächtigste Form der Kunst ist. Wenn man darüber nachdenkt, ist Musik einfach nur Luft! Wissenschaftlich gesehen sind es Kombinationen von Schwingungen, die auf harmonische Weise miteinander wirken. Doch letzten Endes ist es eine spirituelle Erfahrung, zu wissen, wie man diese Schwingungen in jedem Moment kombinieren kann.« In einem Moment, kann Wilsons Musik dabei die Decke sein, die man bis zur Nase hochzieht, im nächsten Moment der Traum von der Ferne: »Ich hoffe, dass die Leute, die mein Album hören, nicht denken, dass sie alles über mich wissen. Ich wünsche mir vielmehr, dass sie die Musik hören und dabei etwas über sich selbst erfahren.« 

Charlotte Day Wilson © Jessica Foley (XL Recordings)

Die Maßstäbe anderer

Das Erfahren wird bei der R’n’B-Sängerin aber zu einem Raum, der nicht im nächsten Moment zerbricht, sondern die Zeit bündelt: »Ich wollte mit jüngeren Versionen von mir selbst sprechen und erkunden, wie die Dinge in den verschiedenen Phasen meines Lebens aussehen und sich anfühlen.« Das Album wird damit auch zu einer Collage der Vergänglichkeit, die die verschiedenen Phasen von Verlust und Trauer abbildet. Obwohl Wilson dabei durch ihre eigene Wut singt, wird »Cyan Blue« an keiner Stelle zynisch: »Letzten Endes ist Wut meist nur Schmerz und Traurigkeit.«

»Ich bin frei, ich bin nicht an Selbstzweifel und Kritik gebunden, und das ist mein Eintritt in eine neue Ära der Freiheit.«


Charlotte Day Wilson

In Zusammenarbeit mit Jack Rochon, der maßgebliche Teile der Produktion übernahm, konnte Charlotte Day Wilson in einen Flow-Zustand kommen, der viel Raum für Gesang und Texte ließ: »Bei dieser Platte konnte ich die Musik und die Gefühle so herauslassen, wie sie entstanden sind.« Dass das Herauslassen oft nicht nur an persönlichen Hürden scheitert, weiß die kanadische Künstlerin nur zu gut: »Ich denke beim Musik machen viel über den geschlechtsspezifischen Aspekt nach. Wenn wir als Frauen Gefühle ausdrücken, die ein bisschen hässlicher sind – egal ob es sich um Tatsachen oder Fiktion handelt – wollen wir oft gefallen oder andere beschützen.« Ein Vorbild sieht Wilson dabei in Rapper:innen, denn »denen ist das scheißegal. Sie sagen, was sie sagen wollen. Von diesem Prozess kann man etwas lernen.«

Das Freiwerden von solchen äußeren Maßstäben, ist der Kern von »Cyan Blue«: »Es ist befreiend, dass ich mich in einer Phase meiner Karriere befinde, in der ich genug Möglichkeiten habe, zu zeigen, wer ich als Künstlerin bin, und die Freiheit habe, ganz andere Dinge zu erkunden.« Wenn es sein soll, kann dabei in Zukunft auch mal ein Dance-Record oder eine Folk-Platte herausspringen – Charlotte Day Wilson sieht das ganz offen und lässt wortwörtlich die Haare herunter: »Das Haar, das am Albumcover im Wind weht, bedeutet: Ich bin frei, ich bin nicht an Selbstzweifel und Kritik gebunden, und das ist mein Eintritt in eine neue Ära der Freiheit.«