Kyoka – Mit Kopf und Körper

22.05.2014
Bassig, steril und doch verspielt: So klingt die Musik von Kyoka. Mit uns sprach die zwischen Japan und Berlin pendelnde Produzentin über ihr neues Album, mangelnde Objektivität und von Emotionen bereinigten Vocal-Schnipseln.

Bei ihren Live-Auftritten spielt Kyoka vor wilden Lichtinstallationen, den Blick gebannt auf den Bildschirm des Laptops geheftet, während bassige Beats aus den Lautsprechern brechen. So weit und nicht viel weiter passt sich die Japanerin in den Stereotypen des Screengazers ein. Denn obwohl das Klischee vom Laptop-Artist es anders will, kommt bei ihren Auftritten der Spaßfaktor nicht zu kurz. Experimentelle elektronische Musik? Ja. Exklusiver Elitarismus? Nein. Kyoka geht mit dem Kopf, aber auch dem Körper an ihre Musik heran. »Ich denke zwar nicht darüber nach, ob meine Musik zugänglich oder gar clubtauglich ist, wenn sie aber so aufgenommen wird, macht mich das glücklich. Ich liebe es, den Leuten dabei zuzuschauen, wie sie zu einem stolpernden Beat tanzen!«, erklärt die Japanerin.

Kyokas neues Album »IS (Is Superpowered)« folgt auf zwei LPs, die beim Berliner Electronica-Label onpa))))) erschienen sind. Es ist ihr Full-Length-Debüt auf Carsten Nicolais (alva noto) und Olaf Benders (Byetone) Plattenabel Raster-Noton, mit dem Kyoka eine lange Geschichte verbindet. »2008 zog ich nach Berlin, besuchte viele ihrer Events und lernte eines Tages Frank Bretschneider kennen«, erinnert sie sich an ihr Kennenlernen mit dem Produzenten und Mitbegründer des Plattenlabels. »Über einem Kaffee mit ihm und Olaf Bender fingen wir an, über mein erstes Release auf dem Label zu sprechen.« Die EP »Ish« erschien 2012 als fünfter Teil von Raster-Notons 12“-Reihe »unun«.

»Es mangelt mir an Objektivität«
Gut vier Jahre lang arbeitete Kyoka an den zwölf Stücken von »IS (Is Superpowered)« und holte sich, als es ans Finetuning ging, Verstärkung. »Ich habe Frank Bretschneider und Robert Lippok gefragt, ob sie mich bei der Produktion unterstützen. Einerseits, weil ich ihre Musik liebe und seit Jahren sehr gut mit ihnen befreundet bin«, erklärt sie. »Andererseits, weil es mir häufig an Objektivität mangelt, denn ich liebe jedes einzelne meiner Stücke! Sie haben mich beraten und mir dabei geholfen, mich selbst und meine Musik besser zu verstehen.« Die selbstkritische Haltung verwundert, denn schon »ufunfunfufu« und »2 ufunfunfufu« zeigten Kyoka als eigenwillige Produzentin, die ihre Klangsprache gefunden hat.

»Es fasziniert mich, die Stimme zu zerhacken, weil ich so ihren emotionalen Gehalt verringern kann. Ich will meine Stimme als Instrument und nichts anderes verwenden« (Kyoka)

Die passt mit ihren wuchtigen Bässen und sterilen Sounds bestens zum Klanguniversum von Raster-Noton So forsch und entschieden die Tracks aber klingen, so verspielt sind sie zugleich. Obwohl Kyoka die hin und wieder J-Pop-Acts wie Kaela Kimura und Izumi Makura mit Beats beliefert, Referenzen auf klassischen Techno und das britische Hardcore Continuum durchblitzen lässt, so ist sie doch eher Forscherin als Nachlassverwalterin von Genres. Am Anfang stand schon früh das Experiment. »Mit drei, vier Jahren fing ich an, am Piano zu improvisieren«, erinnert sie sich. »Daraufhin ließen mich meine Eltern Klavier- und Flötenstunden nehmen.« Auch an der Shamisen, einer traditionellen japanischen Laute, wurde sie ausgebildet. Das Interesse der jungen Kyoka galt allerdings in erster Linie der Technik: »Schon zu Grundschulzeiten habe ich gerne meine Stimme und ein paar Beats mit dem Kassettenrekorder aufgenommen. 1999 kaufte ich mir dann eine Groove Box von Roland und fing an, deren Möglichkeiten zu erkunden. Ich war süchtig danach!«

Das Menschliche wegschneiden
Die Möglichkeiten der menschlichen Stimme inspirieren sie immer noch. Auf »IS (Is Superpowered)« wimmelt es vor Vocal-Schnipseln, die durch den Mix geloopt werden. Worte sind kaum zu verstehen, es regiert ein polyphones Miteinander von einzelnen Silben. »Es fasziniert mich, die Stimme zu zerhacken, weil ich so ihren emotionalen Gehalt verringern kann. Ich will meine Stimme als Instrument und nichts anderes verwenden«, sagt sie. »Das Menschliche daran, die Gefühle, schneide ich deswegen weg.« Mit Gedichten vergleicht Kyoka, die auch dem neuen Album von Diamond Version, dem gemeinsamen Projekt von Carsten Nicolai und Olaf Bender, zu hören ist, die abstrakten Texte, für die ihr unter anderem Romane von Paul Auster Inspiration liefern. »Ich liebe die Sprache, mit denen er ganze Welten erschafft!«. Mit ihrer Musik schafft Kyoka in ihrer ganz eigenen Klangsprache eine eben solche Welt. Sie ist einerseits von Emotionen bereinigt, andererseits voll Spaß an der Sache. Kopf trifft Körper, die Klischees perlen daran ab.

[shariff]