Lee Fields – Singen mit echtem Gefühl

05.04.2012
Foto:Tilman Junge & Malte Seidel
Seit einem halben Jahrhundert ist Lee Fields Musiker. Doch erst seit seinem Engagement beim New Yorker Label Truth & Soul und dem gleichzeitigen Widererstarken des Interesses an Soul und Funk ist auch ihm ein größeres Interesse beschieden.

Lee Fields, der Große unter den Unbekannten des Souls, ist so alt wie der Soul selbst. Seit seiner ersten Veröffentlichung Ende der 1960er Jahre sind 43 Jahre vergangen. Fast ein halbes Jahrhundert, dass ihn von Kollaborationen mit Legenden wie Kool and the Gang und Sammy Gordon über Funk á la James Brown und Lo-Fi Blues bis hin zu den elektronischen Ausflügen mit House-Produzent Martin Solveig führte. Seit seiner letzten Platte veröffentlicht der Sänger aus North Carolina bei Truth & Soul, dem Brooklyner Label, das maßgeblich zum neu erwachten Interesse an Soul beigetragen hat. Lee Fields’ 2009 erschienenes »My World« und das soeben erschienene »Faithful Man« mögen stilistisch klassische Soul-Platten sein, nur ist, auch wenn das Soul-Revival ihm späte Aufmerksamkeit beschert hat, Zeitgenossentum der wahrscheinlich uninteressantere Aspekt an diesem Ausnahmesänger und seiner Musik. Im Gegensatz zu den großen Stimmen des Souls, bei denen die Integrität der Stimme zuweilen eine glatte Oberfläche schafft, die häufig mehr den Soul als Stil und spezifischen Sound zitiert, geht es bei Lee Fields um die Suche nach einem Ausdruck in der Stimme, der Soul als eine Art des Singens definiert, bei der die Musik zwar den Rahmen liefert, es diesen aber noch zu Füllen gilt. So ist das, was Lee Fields zu einem großen Sänger macht, nicht der gestalterische Rahmen (der seit 2009 von der Hausband von Truth & Soul, The Expressions, geliefert wird) und auch nicht die handwerklichen Mittel. Es ist vielmehr dieser unbedingte Ausdruck, dieser sehnsuchtsvolle Schmerz und grenzgängerische Gesang, der sich auch über die eigenen physischen Grenzen hinweg bewegt um das Innen nach außen zu kehren, auch wenn es unmöglich, unsagbar scheint. Noch nie hat er das besser unter Beweis gestellt, als auf »Faithful Man«. Wir sprachen mit ihm über die Suche nach Worten, den Soul und einen späten Höhepunkt seiner langen Karriere.

»Faithful Man« scheint ein Album der Abschiede und Trennungen zu sein, von »Still Hanging On« bis »It’s All Over (But the Crying)« ist es durchzogen von dieser bittersüßen Verzweiflung.
Lee Fields: Es ist eine Kombination aus allen möglichen Gefühlen, die ein Mensch in Beziehungen hat. »You’re The Kind Of Girl« erzählt ja z.B. von der unglaublichen Zuneigung, die man für einen Menschen empfinden kann, davon, jemandem zu sagen, wie wundervoll er ist. Oder nimm »Faithful Man«, den ersten Track des Albums. Das ist ein Mann, der versucht seinen eigenen Standards gerecht zu werden. Klar, »It’s All Over (But the Crying)« ist dann wieder eine ganz andere Geschichte. Wir haben gute und schlechte Beziehungen und wir haben versucht dieses ganze Spektrum zu thematisieren. Es ist eine Realität und das Album erzählt davon, was wirklich passiert da draußen im Leben. Es gibt viele Abschiede, aber es gibt auch Freude auf dem Album, z.B. im Rolling-Stone-Cover »Moonlight Mile«. Ich denke, es ist eine sehr bunte Platte geworden. Und jeder wird von etwas anderem ergriffen.

»Wish You Were Here« war für mich schnell der Höhepunkt der Platte…
Lee Fields: … das ist auch einer meiner liebsten Songs. Er handelt von einem verstorbenen geliebten Menschen aber zugleich von der verlorenen Liebe in einer Beziehung. Ich glaube darum ging es. Nicht zu detailliert zu werden, so dass Menschen sich mit den Songs assoziieren können. Ich finde Leon (Michaels) und Jeff (Silverman) haben einen wirklich großartigen Job gemacht, in dem sie diese Richtung der Platte vorgeschlagen haben – es geht um pure, unverfälschte menschliche Gefühle.

»Wenn ich singe, versuche ich in mich zu gehen und den Gefühlen zu lauschen, die das Wort formen, dass ich dann spreche. Ich versuche die Gefühle zu formen und nachzubilden wie der große James Joyce.« (Lee Fields)

Du machst seit Jahrzehnten Soul aber v.a. seit deiner letzten Platte »My World« interessieren sich so viele Leute wie noch nie für Soul. Und du selbst sagst, dass diese Zeit zu den intensivsten Zeiten deines kreativen Lebens gehört. Sind das glückliche Umstände?
Lee Fields: Ich werde als Soul-Sänger bezeichnet und ja, das ist auch meine eigene Identität. Soul bedeutet für mich mit spirit zu singen. Wenn ich singe, versuche ich in mich zu gehen und den Gefühlen zu lauschen, die das Wort formen, dass ich dann spreche. Ich versuche die Gefühle zu formen und nachzubilden wie der große James Joyce. Er hat versucht an Orte zu gehen, an denen es keine Worte mehr gibt. Ich suche in mir und versuche das Wort zu fühlen, nicht nur das Wort, aber das Gefühl an sich einzufangen. Erst dann kann ich es sagen, so dass du weißt, dass Gefühle in ihm stecken, in jedem einzelnen Satz. Also, darum geht es mir und nicht nur darum, in einer bestimmten Songstruktur oder einem bestimmten Stil zu singen. Wenn ich also »Wish You Were Here« singe, dann meinte ich das wirklich so wie ich es singe. In dem Song geht es um die Hoffnung, dass jemand wiederkehrt, wenn du doch eigentlich schon weißt, dass das nicht passieren wird. Und dann geht es darum, das was dir der Mensch in deinem Leben gegeben hat, zu genießen. Tief in mir kann ich z.B. noch immer das Gesicht meiner verstorbenen Eltern sehen und von anderen Menschen, die ich geliebt habe. Ich kann sie fast berühren, so real ist das. Es sitzt so tief, dass ich es nie vergessen werde. Ich hoffe, dass die Menschen das beim Hören meiner Musik verstehen.

Es scheint ein Missverständnis zu geben, wenn es um den Begriff »Soul« geht. Die meisten beziehen ihn nur auf eine bestimmten musikalischen Stil, auf einen bestimmten Sound, während das, was du beschreibst ja eigentlich jede Art von Musik sein könnte…
Lee Fields: Ja, genau, es könnte jede Art von Musik sein. Als ich »Dance« mit Martin Solveig gemacht habe, habe ich trotzdem noch Soul gesungen. Es geht um den spirit, nichts weiter.

Lass uns nochmal über »Faithful Man« sprechen. Die Platte hört sich ja wie eine Best Of von Lee Fields an. Sind all die Songs vor kurzem entstanden oder ist auch altes Material dabei?
Lee Fields: Nein, alle Songs sind neu entstanden. Wir haben uns Mitte des letzen Jahres getroffen und über ein neues Album gesprochen. Und die Idee war, eine Platte zu machen, die all die Gefühle, die ein Mensch in seinem persönlichen Liebesleben durchlebt, zu vertonen. Weil ich glaube, dass Liebe, die Suche nach Liebe und verliebt zu sein im Grunde genommen alles ist, worum es in der menschlichen Erfahrung geht. Um das Leben wertvoll zu machen brauchen wir Beziehungen, und damit meine ich alle guten Beziehungen in denen wir sein können. Das kann die Mutter zu ihrer Tochter, der Mann zu seiner Frau, die Freundin zu ihrem Freund, im Prinzip jedes Paar sein. Das ist es was die menschliche Rasse so einzigartig macht: Die Fähigkeit einander bis zu einem Punkt zu mögen, wo es das Leben auf eine Art und Weise bereichert, die dem Leben mehr Bedeutung gibt und die Dinge, die wir sind und die wir tun wichtiger werden, weil wir sie mit jemanden teilen, der ein Gefühl in unser Leben bringt, dass durch keinen anderen Menschen hervorgerufen werden könnte. Diese Einzigartigkeit macht uns als Menschen besonders. Das ist eine wunderbare Sache. Und darum ging es bei diesem Album und das war eine unglaubliche Erfahrung, allein der Gedanke daran macht mich glücklich. (lacht) Ich bin überglücklich.

»Ich glaube, dass Liebe, die Suche nach Liebe und verliebt zu sein im Grunde genommen alles ist, worum es in der menschlichen Erfahrung geht. Um das Leben wertvoll zu machen brauchen wir Beziehungen, und damit meine ich alle guten Beziehungen in denen wir sein können.« (Lee Fields)

Du hast dich für »Faithful Man« beim Songwriting sehr zurückgenommen…
Lee Fields: Ich hatte bei einigen Songs die Finger mit im Spiel, v.a. bei »You’re The Kind Of Girl« und bei »It’s All Over But The Crying«, aber habe mich ansonsten zurückgenommen. Leon (Michaels) und Jeff (Silverman) hatten die meisten Songs dabei. Das Album basiert also auf Songwritern und Musikern aus dem Umfeld von Truth & Soul. Und ich bin sehr froh darum. Weißt du, manchmal ist es gut und wichtig sich anzuhören, was andere zu sagen zu haben. Das wollte ich diesmal machen: Die anderen sprechen lassen.

The Expressions, die Hausband von Truth & Soul, die dich schon auf My Way unterstützt hat, gibt den Songs solch einen klaren Rahmen, einen dermaßen präzisen Sound, dass du darin alle Freiheiten mit deiner Stimme zu haben scheinst…
Lee Fields: …ich hätte es nicht besser sagen können. Das ist eine perfekte Beschreibung unserer Zusammenarbeit. Ich hätte es so gesagt, aber mir fehlten die Worte dafür (lacht). Ich bin sehr stolz auf diese Platte, ich bin auf der einen Seite aufgeregt wie ein Kind an Weihnachten, auf der anderen Seite stolz wie Eltern auf ihre Kinder. Die Songs sind meine Kinder …

Wie schaffst du es bei den Aufnahmen diese Atmosphäre zu kreieren, die doch eigentlich nur live herzustellen ist.
Lee Fields: Ja, das funktioniert, weil wir im Studio im Prinzip die gleiche Situation wie bei einem Konzert haben, ohne das Publikum wohlgemerkt. Aber alle Musiker, die im Studio mit eingespielt haben, werden auch live dabei sein, dass heißt es wird in jedem Fall genauso gut oder noch besser (lacht)

Was verändert sich durch das Publikum?
Lee Fields: Bei einem Konzert werden immer Schwingungen ausgetauscht. Der Künstler füttert das Publikum und das Publikum den Künstler, es ist dieser Kreislauf, der da entsteht. Und wenn wir es schaffen, dass das Publikum etwas von dem fühlt, was wir fühlen und wir ihre Herzen erwärmen können und sie rausgehen und sagen: »Mann, war das nicht gut?« dann wird ein Traum für mich wahr.

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