Message in a Butterbrottüte: Wie Shifty Records während der Apartheid Musik veröffentlichte

23.02.2026
Foto:Courtesy of Shifty Records

Rassismus, Zensur, Polizeigewalt: Das Apartheid-Regime in Südafrika wollte keine Musik, die am Status Quo rüttelte. Sie entstand trotzdem. Und Shifty Records half ihr, in die Welt zu kommen. Mit unorthodoxen Methoden.

Wenn die Widerstände groß sind, wird Musik oftmals zum politischen Akt.
So wie damals. In Südafrika.

Dort herrschte bis in die 1990er-Jahre ein rassistisches System, das die schwarze Bevölkerung weitgehend entrechtete. Die sogenannte Apartheid.

Spätestens nach dem Massaker von Sharpeville, am 21. März 1960, bei dem Polizisten das Feuer auf friedliche Demonstranten eröffneten und viele töteten, verließen viele Musiker*innen das Land, darunter Miriam Makeba, Abdullah Ibrahim alias Dollar Brand und Hugh Masekela. Sie wirkten aus dem Exil heraus weiter. Doch auch im Land selbst regte sich Widerstand. Rock, Punk und Wave wurden populär, und auch Schwarze Künstler:innen erhoben ihre Stimmen.

Das Label Shifty Records war damals mittendrin. Seine Veröffentlichungen stellen ein spannendes Archiv jenes gesellschaftlichen Wandels dar, der schließlich mit der Freilassung Nelson Mandelas 1990, der Abschaffung der Rassengesetze und den ersten demokratischen Wahlen 1994 endete.

»Als ich anfing, in Johannesburg zu spielen, stellte ich fest, dass es viele junge Bands gab, die aus der New-Wave-Bewegung kamen und über das sangen, was abging. Es war die gleiche Energie wie in den Anfängen von Punk. Das war mein Hauptmotiv, mit dem Aufnehmen anzufangen, weil niemand diese Bands aufnahm – wegen der Texte«, erinnert sich Dokumentarfilmer, Musiker und Produzent Lloyd Ross. Gemeinsam mit Ivan Kadey, Gitarrist von National Wake, gründete er Shifty Records.

Aus dem Fahrradladen in die Welt

Das Apartheidsregime beobachtete diese Entwicklungen kritisch, da es die subversive Kraft der Künste erkannte. Alles was ins Radio kommen sollte, wurde vorab geprüft. »Eine Menge der Dinge, die wir einreichten, kamen an der Zensur nicht vorbei. Es sei denn, wir änderten ein, zwei Wörter – was wir sehr selten taten«, erinnert sich Ross. Gelangte ein Song dennoch ins Programm, wurden verbotene Stücke physisch zerkratzt, sodass sie nicht mehr spielbar waren. »Wenn du heute ins Archiv der SABC [South African Broadcasting Corporatio] gehst, findest du immer noch diese Platten, bei denen sie mit einem scharfen Gegenstand einen Track zerkratzt haben«.

Die erste Veröffentlichung auf Shifty Records stammte nicht aus Südafrika. Sankomota kamen aus Lesotho, einem Binnenstaat, der vollständig von Südafrika umgeben ist. In Songs wie »Madhouse« oder »Uhuru« (Suaheli für Freiheit) thematisierten sie die politische Situation der Region kaum verschlüsselt — und das in mehreren Sprachen. Ein Affront gegen die Ideologie der Apartheid, die ethnische und kulturelle Trennung propagierte.

James Phillips & Richard Frost von Cherry Faced Lurches (Foto: Shifty Records)

Nachdem Sankomota Ende der 1970er-Jahre in Südafrika aufgetreten waren — damals noch unter dem Namen Uhuru —, verhaftete die Polizei nahezu alle Bandmitglieder. Fortan war ihnen die Einreise untersagt. Also reiste Ross im November 1983 mit Warrick Sony nach Lesotho, um die Band mit einem improvisierten mobilen Studio aufzunehmen. Das 1984 erschienene, unbetitelte Debüt von Sankomota wurde das erste von fast 60 Alben im Shifty-Katalog. Stilistisch reichte das Spektrum von ska- und funk-infiziertem Punk über Rhythm & Blues bis zu experimentellen Entwürfen und satirischen Pseudo-Country-Songs. Zusammengehalten wurde es von einem widerständigen Geist.

Um die Zensur zu umgehen, griff Shifty Records zu kreativen Methoden der Distribution.
Ein Album des Dichters Mzwakhe Mbuli erschien als unbeschriftete Kassette. Man verkaufte sie in Fahrradläden. Eine Veröffentlichung der Performance-Gruppe Koos wurde in braunen Butterbrottüten vertrieben. Selbst informelle Zensurversuche, etwa durch einheimische Presswerke, konnten umgangen werden, indem Alben im Ausland gepresst und re-importiert wurden.

»Wenn du heute ins Archiv gehst, findest du immer noch diese Platten, bei denen sie mit einem scharfen Gegenstand einen Track zerkratzt haben.«

Lloyd Ross

Nach 1989 änderten sich die politischen Bedingungen. Und damit auch die Rolle von Shifty Records. Zwar erschienen weiterhin Veröffentlichungen, teilweise über BMG, doch die unabhängige Energie des Aufbegehrens, die die frühen Jahre des Labels bestimmt hatte, ließ naturgemäß nach. Lloyd Ross arbeitete zunehmend als Filmemacher.

Jetzt werden die historischen Produktionen neu aufgelegt. Das Debüt von Sankomota erschien bereits erneut, nun folgt die Compilation Shifty 80s – In Defiance of the Apartheit mit umfangreichen Liner Notes und Songtexten. Weitere Reissues sind angekündigt. Es ist an der Zeit, dieses Kapitel südafrikanischer Musikgeschichte neu zu entdecken — als Dokument eines Sounds, der unter Repression entstand und gerade deshalb bis heute nichts an seiner Nachdrücklichkeit verloren hat.

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