Mocambo Records – Die Wiederentdeckung von Funk und Soul auf kleinen schwarzen Scheiben

Text mirko
01.05.2008
Foto:Mocambo
Ihr Antrieb ist die Liebe zum Funk und Soul, ihre Passion die Wiederentdeckung der Vinylsingle. Das Hamburger Label Mocambo Records ist anders als andere Labels.

Es ist halb zwei, nachts, in einem Hamburger Club. Gerade ist die Band fertig mit der Zugabe. Einer der Musiker, ein Lockenkopf, vielleicht Ende Zwanzig, springt von der Bühne, verschwitzt, aber zufrieden grinsend bis hinter beide Ohren. Für Smalltalk hat er keine Zeit, nur für ein Schulterklopfen im Vorbeigehen reicht es, den Rest müssen jetzt seine Bandkollegen erledigen. Er wuchtet derweil zwei Plattenkisten auf einen improvisierten Merchandise-Stand im Vorraum, und fast alle wissen, was dort wartet: Die limitierten Pressungen der neuesten Mocambo-Singles, die heute zu den begehrtesten aktuellen Funk-Releases in Europa gehören. Der Typ, der die Singles mit den auffällig knallgelben Labels verkauft, ist Björn Wagner, einer der Köpfe der Band Mocambo, vermutlich Deutschlands einziger Funk-Steeldrumspieler – und der Mann hinter Mocambo Records.†¨†¨

»Eine CD zu brennen, MP3s ins Netz zu stellen, das ist ja alles nicht so schwer. Aber eine echte Vinyl-7inch pressen zu lassen, die man hinterher in der Hand halten kann, das vermittelt doch eine ganz andere Wertschätzung für die Musik« (Björn Wagner)

Begonnen hat das alles schon vor über zehn Jahren, als sich der bis heute bestehende, vier Mann starke Bandkern zu regelmäßigen Jamsessions traf und aus der gemeinsamen Vorliebe für rohen, ursprünglichen Funk und Soul heraus allmählich zu einer festen Größe in Hamburg wurde: Die raren Mocambo-Liveshows vereinen immer wieder eine übertighte Rhythmusgruppe mit verschiedenen Gastmusikern an Horns oder Percussions, mit Elementen aus P-Funk, Jazz und HipHop unter einem alles beherrschenden Groove, während die Londoner Sängerin Gizelle Smith als Raw-Soul-Wirbelwind auf der Bühne bleibenden Eindruck hinterlässt.†¨†¨

Die Gründung von Mocambo Records 2006 war also naheliegend, als der Wunsch nach einer unabhängigen Plattform für eigene Veröffentlichungen immer größer wurde, denn auch in Zeiten digitaler DJs und deprimierter Musikindustrie war man sich einig: Vinyl ist und bleibt das Medium der Wahl. »Eine CD zu brennen, MP3s ins Netz zu stellen, das ist ja alles nicht so schwer. Aber eine echte Vinyl-7inch pressen zu lassen, die man hinterher in der Hand halten kann, das vermittelt doch eine ganz andere Wertschätzung für die Musik«, findet Björn Wagner. Und wer das Gefühl kennt, zufällig obskure alte Singles auf dem Flohmarkt zu entdecken, wer schon einmal monatelang nach einer ganz besonderen Scheibe fahnden musste, der kann vielleicht nachvollziehen, wie stolz Mocambo auf ihre erste Single »Fahrvergnügen« waren. Doch nicht genug mit der eigenen, Jazz-Fusion-lastigen Premiere unter dem Mocambo-Label: Etwa zeitgleich bekamen Björn und seine Bandkollegen über verschlungene Wege Zugang zu Sound Librarys, in denen sich ungeahnte Schätze verbargen.

»Library-Funk gibt es natürlich auch heute noch«, erzählt Björn von seinen Ausflügen in aktuelle Archive, »und es wäre doch schlimm, wenn normale Sammler diese Musik nie zu hören bekommen würden.« Die Deep-Funk-Gemeinde dankte es ihm: Er schaffte es, ernsthafte Killertunes für ihren ersten kommerziellen Release zu lizensieren, Floorfiller wie Funkin’ Fever von der Delta Rhythm Section, Party People von den fantastischen Sound Stylistics und neue Instrumental-Sessions der Mocambo Allstars selbst bildeten die erste Runde von 7inch-Singles. Alle streng limitiert auf 300 Exemplare, aus hochwertiger privater Pressung direkt in Hamburg und tatsächlich innerhalb weniger Monate schon komplett verkauft, nachdem DJs und Funk-Verrückte auf der ganzen Welt Wind von der Serie bekommen hatten. Eine 2007 veröffentlichte zweite Serie brachte der Welt die erste offizielle Pressung von Ian Langleys 1973er Car-Chase-Jam Chicano Chaser, zwei harte neue Blaxploitation-Nummern des James Taylor Quartet und zwei überdrehte Meters-Covers der obskuren Bacao Rhythm & Steel Band. Letzteren wurde gar die Ehre zuteil, kurz nach Release auch als Remixes von Hawkeye auf Melting Pot Music veröffentlicht zu werden. Und wieder alles vergriffen? Klar doch. Diesmal innerhalb von Wochen.

Im Herbst 2007 erschien mit »Mocambo Funk Forty Fives« die erste Labelcompilation, mit der die Highlights der bisherigen Single-Releases erstmals in größerer Auflage und auf CD zu bekommen waren, und die im internationalen Vertrieb schnell Wellen bis nach Japan schlug. Kurz danach, wie sollte es anders sein, mehr Singles: Weiterer Uptempo-Wahnsinn von Speedometer, eine Clavinet-Attacke von Glover, Crockett & Glover, discoide Stomper von der Delta Rhythm Section und das erste Release der Pariser Formation Soul Sugar. Beeilung ist also angesagt, wenn man diese Perlen nicht erst in ein paar Jahren für teures Geld bei Ebay suchen will. Im Hause Mocambo ist unterdessen keine Spur von Stillstand: Die Mocambo Allstars arbeiten mit Gizelle Smith ständig an neuem Material für ihr Debütalbum, veröffentlichen nebenbei rare Jams unter Decknamen auf diversen Funk-Imprints in ganz Europa, und dass die nächsten 7inch-Singles auf Mocambo Records schon in der Pipeline sind, ist ohnehin Ehrensache. Ohne Zweifel, Björn Wagner hat gut Grinsen: Von der Hamburger Homebase aus ist hier ein kleines Label von internationalem Format am Werk, das beweist, wie wichtig Hingabe zur Musik, Liebe zum Vinyl und ein perfektes Gespür für den Funk doch sein können. Und das kann kein Marketingbudget der Welt ersetzen.