Myron & E – Bittersüßer Broadway

15.07.2013
Myron & E einverleiben sich den Soul ohne ihn zu zitieren, beschwören die Bilder vergangener Tage ohne in ihnen bloße Erbaulichkeit zu suchen. Wir sprachen mit Myron Glasper über den Schmerz im Soul, Amy Winehouse und die Beatles.

»If I Gave You My Love« eröffnet mit schwarz-weißen Bildern, die gleich alle »Retro Soul« und auch immer wieder »so klingt richtige Musik!« aufschreien lassen. Auf den ersten Blick scheint das alles klar, ist angenehm, aber vielleicht weniger interessant. Doch der Schein trügt, denn die durch und durch klaren, gerade zu gestochen scharfen Sounds von Myron & E, dem neuen Signing von Stones Throw, einverleiben sich den Soul ohne ihn zu zitieren, beschwören die Bilder vergangener Tage ohne in ihnen bloße Erbaulichkeit zu suchen. Der Tänzer und Songwriter (und ehemalige Starathlet) Myron Glasper traf den DJ und Produzenten Eric »E da Boss« Cooke auf gemeinsamer Tour mit Blackalicious und bei der Arbeit für The Soul Investigators die nun auch den Sound für Myron & E machen. Wir sprachen mit Myron Glasper über den Schmerz im Soul, die Welt, die Amy Winehouse eröffnet hat und was das alles mit den Beatles zu tun hat.

hhv.de mag: Woher weißt du, wenn ein Song gut ist?
Myron Glasper: Einen guten Song kann man immer erst im Rückblick erkennen. Während der Arbeit an einem Song funktioniert das nicht. Es geht auch nicht darum. Es geht erst einmal darum die Kreativität fließen zu lassen und dann, irgendwann später hört man sich das an und sagt: Oh, das ist ein wirklich guter Song.

hhv.de mag: Was kann man alles weglassen? Auf was kann man alles verzichten, so dass das Skelett eines Liedes immer noch funktioniert?
Myron Glasper:: Ich mag Melodien und der Anspruch an Melodien muss immer sein, dass Menschen sie mitsingen können. Es geht um Einfachheit. Wenn es um die Akkordwechsel geht: Die müssen einfach sein. Man sollte nicht zu viel machen. Gestern war ich wieder bei einer Jazz Session, bei der die Musiker zu viel gemacht haben, um zu beeindrucken. Ich möchte mit Einfachheit beeindrucken, das gilt auch für die Texte. Bei den Beatles gibt es Lieder mit nur drei Akkorden, die trotzdem das Größte sind.

hhv.de mag: Gehört zum Soul auch immer zwangsläufig die Erfahrung von Schmerz?
Myron Glasper: Wenn ich schreibe, sind da die Erfahrungen von zehn verschiedenen Leuten drin, doch ich konnte erst schreiben, nachdem ich auch Schmerz empfunden hatte, mein Herz gebrochen wurde. Das waren harte Zeiten aber nachdem ich sie durchgestanden hatte, gab es diesen neuen spirituellen Raum in meinem Leben, der ganz direkt eine Verbindung zur Seele herstellt. Du kannst Soul im Blues oder Pop finden, es ist Soul, weil es diese Verbindung zur Seele hat.

»Vielleicht ist das ein und dieselbe Sache, Glücklich-Sein und Melancholie. Vielleicht ist das der Kern von Soul-Musik.« (Myron Glasper)

hhv.de mag: Egal wie fröhlich ein Soul-Song daher kommt, er erzählt also immer auch vom Schmerz?
Myron Glasper: In jedem Fall. Nimm etwa »Ain’t Too Proud To Beg« von den Temptations, das ist ein fröhliches, liebliches Lied, aber da ist solch eine Melancholie dahinter. Oder »Beauty Is Only Skin«… klingt fröhlich – dennoch voller Melancholie. Vielleicht ist das ein und dieselbe Sache, Glücklich-Sein und Melancholie. Vielleicht ist das der Kern von Soul-Musik.

hhv.de mag: Euer Album ist in sehr kurzer Zeit entstanden, während Eric mit den Soul Investigators in Finnland gearbeitet hat. Ihr habt das Ganze in mehr oder weniger 10 Tagen geschrieben. War da viel altes Material, was endlich eine Form gefunden hat oder ist das Album doch eher eine Momentaufnahme?
Myron Glasper: Das ist eine gute Frage. Ich schreibe schon so lange, da ist viel zusammen gekommen, viel in mir drin, gleichzeitig gab es aber diese Freshness in einem anderen Land zu arbeiten, die Neuheit der Zusammenarbeit. Vielleicht gibt das dem Album seine eigentliche Stimmung.

hhv.de mag: Ihr bedient euch in der reichen Soul-Geschichte ohne dabei zu nostalgisch zu werden …
Myron Glasper: Ich mag wirklich wirklich sehr, was Amy Winehouse gemacht hat und ich wünschte, ich hätte mit ihr arbeiten können. Ohne hier Namen zu nennen, aber die meisten da draußen versuchen doch genau dasselbe zu machen, was es damals schon einmal gegeben hat, das, was du nostalgisch nennst. Und da ist wirklich nichts falsches daran, aber das wurde eben alles schon gemacht. Amy hat da eine neue Tür geöffnet. Sie hat der Musik eine Aktualität gegeben und sie auf eine große Bühne gestellt.

hhv.de mag: Du hast früher vor allem als Tänzer gearbeitet. Wie groß ist der körperliche Anteil für dich beim Singen?
Myron Glasper: Singen ist auch körperlich, aber doch viel intellektueller als Tanzen. Du musst die richtigen Lyrics singen, die richtigen Noten treffen, es hat vielleicht mehr mit Schauspiel zu tun, als mit Tanzen. Tanzen ist viel freier, da geht es darum, nicht zu denken. Es ist in gewisser Weise eine vergessene Kunst. Doch auch beim Singen muss man sich frei machen und kapitulieren, ansonsten können die Menschen sich nicht mit dem identifizieren, was du dort oben machst.

hhv.de mag: So hätte der Titel eures Debüts ja eigentlich nicht treffender sein können, oder?
Myron Glasper: Ja, das stimmt … »Broadway«!

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