Records Revisited: µ-Ziq – Lunatic Harness (1997)

30.06.2022
µ-Ziq - Lunatic Harness (Records Revisited)
Mit seinem vierten Album als µ-Ziq betrat Mike Paradinas das britische Jungle-Kontinuum und erschuf eines der abgefahrensten und eigenständigsten Alben der elektronischen Musik in den 1990er Jahren.

Die Geschichte von Mike Paradinas ist die eines Musikers, der sich stets an anderen orientiert hat, um daraus etwas komplett Eigenes zu machen. Hinter den letzten knapp 30 Jahre seines Musikschaffens unter einem Dutzend Pseudonymen1 stehen offensichtliche Leitfiguren wie Aphex Twin, Squarepusher, Luke Vibert, Björk und Venetian Snares, aber auch etwas unerwartete wie die Spice Girls und Blur (dazu kommen wir noch).

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Das erstaunliche und unbegreifliche daran bleibt, dass seine Musik zum eigenständigsten gehört, das in all den Jahrzehnten elektronischer Musik entstanden ist. Insbesondere unter seinem bekanntesten Künstlernamen µ-Ziq hat Paradinas es geschafft, einen eigenen Trademark-Sound zu schaffen, den bislang niemand wirklich erreicht hat. Und das, obwohl sich Mike Paradinas als jemand erklärt, der die Arbeit an einem Track oftmals mit einer Coverversion eines fremden Tracks beginnt, wie er jüngst im Interview mit Miranda Remington für The Quietus verriet.

Im Schatten der anderen

Als Beispiel für das 1997 erschienene Album »Lunatic Harness« zog er den Titel »Secret Stair #1« heran, dessen Keimzelle seiner Erinnerung nach in Blurs »Beetlebum« steckt. Ein wenig offensichtlicher ist »Wannabe«, das µ-Ziq nonchalant den Spice Girls entriss. Von Coverversionen ist nach der µ-Ziq-Behandlung in beiden Fällen jedoch nichts zu spüren. Während »Secret Stair #1« mit schwelgenden Melodien und spät einsetzenden Amen Breaks komplett eigene Wege beschreitet, wird »Wannabe« zu einem creepy Stalker-Song für gefährliche Nachtwanderungen durch testosteron-verseuchte Hintergassen.

Glaubt man Mike Paradinas, ist das gesamte Album eigentlich ein Abklatsch. Bereits kurz nach dem Erscheinen zerlegte sich Paradinas im Interview mit Jason Gross selbst und entschuldigte sich dafür, nicht härter daran gearbeitet zu haben. Seiner Meinung nach sei »Lunatic Harness« nur ein Derivat von Aphex Twins »Richard D. James Album«.

Sicher, »Lunatic Harness« hat eine lange Vorgeschichte an Einflüssen. Und Aphex Twin ist da nicht ganz weg zu diskutieren. Mit ihm verband Paradinas nicht nur eine Freundschaft. Seine ersten beiden Alben »Tango N’ Vectif« und »Bluff Limbo« erschienen auf Rephlex Records. Und Mike Paradinas kann sich rühmen, der bislang einzige zu sein, dessen Kollaboration mit Aphex Twin auf Albumlänge auch wirklich das Licht der Welt erblickte (Mike & Rich »Expert Knob Twiddlers«, 1996). Aber mal ehrlich, wer in der elektronischen Musik und modernen Popmusik ist heutzutage nicht irgendwie beeinflusst von Aphex Twins Schaffen der 1990er Jahre? Verwerflich ist das nicht.

Welcome to the Jungle

Die wichtigsten Einflüsse auf »Lunatic Harness« stammen ohnehin aus einem Phänomen, das größer ist als beide. »Jungle war vermutlich die spannendste Veränderung in der britischen Musik seit 50 Jahren«, erinnerte sich Mike Paradinas in einem Interview, das ich 2003 mit ihm führte2. »Mehr noch als Punk. Ich habe immer nach so etwas wie Jungle gesucht. Es war nur nie da. Und als es auftauchte, hing ich den ganzen Tag in den Shops in London, die irgendwo in den Kellern aufpoppten und hörte all diese 12-inches, um die verrückteste von allen zu finden«.

»Jungle war vermutlich die spannendste Veränderung in der britischen Musik seit 50 Jahren.« (Mike Paradinas)

Jungle setzte in den Neunzigern mit seiner sehr britischen Mischung aus Dub, Reggae, Dancehall, Hip-Hop und Funk sowie seiner ungewohnten Härte, Schnelligkeit und Subbass-Fokussierung einen Punkt in der Musikgeschichte, dessen Kontinuum bis heute durch eine Vielzahl von Permutationen wie Drum & Bass, Ragga, Grime, Dubstep und Bass Music nachhallt. Für »Lunatic Harness« stilprägend waren neben Aphex Twin und Squarepusher vor allem die Veröffentlichungen des Labels Suburban Base Records. »Ich kaufte damals alle Suburban Base 12-inches, die ich kriegen konnte. Vor allem hat mich das Album ›Control‹ von D’Cruze inspiriert. Ich habe eine Menge Dinge kopiert – kleine Tricks, die Breakbeats zu zerschneiden. Er und Remarc«.

Die Vermählung fremder Welten

So, wie der Song »Secret Stair #1« nichts mehr mit seiner Inspirationsquelle »Beetlebum« zu tun hat, sind auch für das gesamte Album »Lunatic Harness« die verschiedenen Quellen (für Außenstehende) nur noch schwer nachvollziehbar. Selbst das Jungle-Kontinuum hat eine gänzlich eigene Form angenommen. Breakstrukturen, Cut-Up-Techniken und Samples mögen sich wiedererkennen lassen. Doch Paradinas injizierte in dieses Fundament seinen Trademark: Melodien und Formwandlungen. Und zwar Unmengen davon.

Schon seine µ-Ziq Vorgängeralben auf Rephlex und Hi-Rise Rec. waren stets eine Reise durch üppige Texturen, blühende Melodiewiesen und sich stetig wandelnde Klanglandschaften. Paradinas hatte selten Interesse an Eintönigkeit, weder auf Albumlänge noch auf Trackebene. Und Paradinas gehörte zu den sehr wenigen elektronischen Musiker*innen, die es schaffen, Unmengen von Melodien ineinander zu verschachteln, ohne dass es kitschig oder überfrachtet wirkt. Selbst die kindischsten und unsinnigsten Melodien fanden in seinen Songs ihren passenden Platz.

Reviews zum Künstler

Die Melodien waren es auch, die »Lunatic Harness« zu einem späten Album im Jungle-Kontinuum machten. 1997 war die Phase eigentlich längst vorbei. »Naja, ich war ziemlich schlecht mit Jungle. Es war nur ein Bass und der Cut-Up. Das mit lauter Melodien zu mixen, ergab einfach keinen Sinn.« Glücklicherweise hat er es zwischen 1995 und 1996 dann irgendwie doch geschafft. Und mit »Lunatic Harness« ein einmaliges und auch nach 25 Jahren immer noch wunderschönes, verspieltes, verrücktes und abwechslungsreiches Album geschaffen, das nicht Jungle per se ist, aber die Energie, Aufgeregtheit und Spannung der Zeit in sich trägt.


1 µ-Ziq, Jake Slazenger, Tusken Raiders, Gary Moscheles, Kid Spatula, Frost Jockey, Rude Ass Tinker, Chris Morrison, A Plaid Tusk, Slag Boom Van Loon (mit Speedy J), Mike & Rich (mit Aphex Twin), Heterotic (mit Memo Comma), Short Circuit (mit Caspar Cox)

2 Alle direkten Zitate entstammen dem Interview von 2003 und werden hier erstmals verwendet.