»Just Can’t Get Enough«? Drei Singles und ein Album waren für Vince Clarke mehr als genug. Nach einem Konzert in Paris teilte der Songwriter von Depeche Mode seinen drei Mitmusikern Dave Gahan, Martin Gore und Andrew Fletcher mit, dass er die Band verlassen würde. Das war 1981. Die Gruppe aus Basildon bei London startete gerade durch. Das Debütalbum Speak & Spell hatte die britischen Top 10 erreicht, die 12″-Version von »Just Can’t Get Enough« lief in den Clubs rauf und runter. Aufhören? Für das verbliebende Trio keine Option. Statt Auflösung folgte ein fulminantes Aufraffen – die kompromisslose Flucht nach vorn.

A Broken Frame
Diese Flucht war alles andere als einfach. Lediglich zwei Songs hatte Martin Gore zu Speak & Spell beigesteuert. Als neuer Songwriter der Band hatte er einiges zu tun. Dabei kramte er mit Sicherheit auch in seinem Archiv, denn: A Broken Frame ist kompositorisch und klanglich alles andere als konsistent. Das mag auch der Grund dafür sein, dass Gore die LP rückblickend für kein ausgemachtes Highlight in der Band-Diskografie hält. Der grenzwertige Bubblegum-Pop von »The Meaning Of Love« oder »A Photograph Of You« passt einfach nicht zu anderen Stücken, die Gore und die Band in neuem, bislang unbekannten Licht zeigt.
Darker, mitunter moody, opulenteres Sound-Design, fordernde Drums, schwere Bässe und Echos, die eher nach Dub als Tanztee klingen. Dazu Lyrics, die erstmals so etwas wie Haltung andeuten. Rückblickend ist Speak & Spell das unverfängliche Vorwort eine komplexen Geschichte, die nun – ein Jahr später – mit A Broken Frame sachte aber bestimmt Fahrt aufnimmt.
Orientierung in der Dunkelheit
Produzent Daniel Miller – Chef von Mute Records – und den Tontechnikern Eric Radcliffe und John Fryers gelang es, diesen zweiten Anlauf in Szene zu setzen und einzufangen. Kraftvolle Songs standen auf der To-do-Liste. Songs, die das Image der Band, das gerade erst dabei war, zu verfangen, radikal umkrempelten. Der Opener »Leave In Silence« zu Beispiel, das mittenrein gesprenkelte »Satellite« oder das monumentale »Monument« atmen eine bestätigende Schwere, die die Zeit damals in sich trug. Eine Schwere, die in der Dunkelheit Orientierung bot.
Nötig dafür waren nur wenige klangliche Akzente: stark abstrahierte elektronische Bläser-Miniaturen einerseits und der generelle Mut zur Wagnis andererseits, der trotz der generellen Aufbruchstimmung des britischen Synth-Pop auf dem Debütalbum von Depeche Mode schlicht nicht zu hören war. A Broken Frame ist nicht der Soundtrack für J.G. Ballards Crash, also der Roman, den Daniel Miller für seine eigene Single »Warm Leatherette« referenzierte, sondern eher das nachfolgende Buch High-Rise, in dem die Dystopie in der Realität ankommt, trotz aller Edginess auch kuscheln muss, um die Relevanz gesellschaftlich zu verstätigen.
Things must change, we must rearrange them
Die Bläser, diese »Trompeten von Jericho«, läuten einen Wandel ein, der den zukünftigen Weg der Band von hieran begleiten sollte: melancholisch, ganz egal wie verspielt sich diese Grundstimmung in den einzelnen Tracks gestaltet. So bildet sich auf A Broken Frame ein neuer klanglicher Kosmos. Selbst »See You« klingt im Album-Kontext nicht mehr so easy, wie auf 7″, losgelöst von den weiteren neun Songs. Martin Gore, die Band und die Produzenten initiierten und etablierten mit A Broken Frame den Depeche-Mode-Sound, der die Band noch heute am Leben hält. Eine bewusst nicht näher definierte Introvertiertheit, getrieben von Klang, den man vielleicht selbst nicht zu 100 % versteht, kanalisieren und steuern kann.
Depeche Mode? Zog weiter. Es wäre vermessen, den Songs des Albums heute Referenzen zum Tagesgeschehen damals anzudichten. Der Falklandkrieg? Vielleicht. Den verarbeitete Label-Kollege Fad Gadget praktisch zeitgleich auf seinem Album Under The Flag punktgenauer. Solche Anlässe waren und sind eh nicht ausschlaggebend für Songs von Martin Gore, der nach der Fertigstellung des Albums sofort neue Songs schrieb. Mit Construction Time Again begann 1983 die Berliner Phase der Band. Noch dringlicher, trotz aller Pop-Affinität kompromissloser. A Broken Frame bleibt auch heute, 44 Jahre später, ein gutes Stück Popmusik. Denn Songs von Depeche Mode altern nicht. Und die Songs auf A Broken Frame zeigen erstmals, wie das funktioniert.