
September 1997, Schwabylon: F. Aigner setzt auf dem Dorfskateplatz »Once Upon A Time In America« als Black Flag-Alternative durch und zerstreitet sich mit mindestens drei Cargo-Hosen-Trägern, weil er nicht einen Song von NoFX, dafür aber »Hustlin’« auswendig kennt und beim rezitieren (leider) meist die Augen schließt.
Juli 1998, Schwabylon: Der übertalentierte lokale Courtking D. Harter feiert seinen 16. Geburtstag mit Dinkelacker und »Murdafest«. F. Aigner will auch kein Alman sein.Florian Aigner


Musikalischer Umbruch. Von Destiny’s Child ging es zu The Distillers. Die Punk-Phase war eingeläutet und damit meine Schmalspur-Rebellion in einer konservativen mittelgroßen Stadt, in der man als Teenie zwischen Jugendtreff und Kellerdisco wählen konnte. »Are you ready to be liberated?« singt Frontfrau Brody Dalle auf der Platte. Ihre Stimme kratzig und schreiend. Die Songs energetisch und wütend. Wie cool war bitte diese Frau? Von nun an wurden gebrannte CDs auf dem Schulhof gedealt, Skate-Punk und Hardcore standen bei mir hoch im Kurs. »Sing Sing Death House« hat sich lange als einer meiner Lieblingsalben gehalten, auch wenn sich mein Musikgeschmack später um 180° gedreht hat. Vor ein paar Jahren habe ich Brody Dalle für ein Interview getroffen und musste mich stark zusammenreißen, den 15-jährigen Fan in mir hinter meinem hochroten Kopf zu verbergen. Und wenn heute in meiner Playlist zwischen Footwork und UK Bass zufällig ein Distillers-Song auftaucht, reiße ich noch immer die Arme in Luft und gröle jedes einzelne Wort mit. Maike de Buhr







Mit 13 Jahren hatte sich die schicksalhafte Frage, ob meine Jugend von Rock oder Hip-Hop bestimmt sein sollte, exemplarisch vor dem CD-Regal bei Müller entschieden. Die Wahl fiel auf Limp Bizkits »Chocolate Starfish and the Hot Dog Flavored Water« statt Eminems »Marshall Mathers LP« und somit auf Rock in Form seiner bis dato abstoßendsten Mutation, Nu Metal. Zwei Jahre später war ich dieses absurden Genres langsam überdrüssig, da liefen mir Blackmail auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft über den Weg. Dass vier eher unscheinbare Typen aus dem eher unscheinbaren Koblenz es mit »Friend Or Foe?« zu Viva-Dauerrotation und Erfolg in Japan brachten, imponierte mir damals und bestärkte mich darin, das mit dem Musikmachen weiter voranzutreiben. Zumindest noch die nächsten fünf Jahre lang.
Steffen Kolberg

Die Platte, die mir spontan einfällt ist »Unter Tage« von RAG. Ein kalter Januarabend im Jahre 2000. Wir befinden uns in einem herunter gekommenen Jugendclub irgendwo im Nirgendwo von Sachsen-Anhalt. Die Wände sind betaggt. Es müffelt nach Schimmel. Eine Bong blubbert und es ziehen kalte graue Rauchschwaden durch den Raum. Auf dem Röhrenfernseher in der Ecke flimmert »Tony Hawk’s Skateboarding« auf der Playstation. Harte, puristische Hip Hop-Beats schallen aus den Lautsprechern des Kassettenrekorders. In monotonem Tonfall hört man einen jungen Mann vom Band dazu rappen: »Die Blüte meiner Jugend verglühte in einer Tüte.« Der bunte Haufen aus Skatern, Sprühern, Gabberkids und Provinzjuvenilen sitzt versammelt auf den versifften Sofas, nickt stoisch zum Beat und rappt die Texte mit. Wieder und wieder wird die Kassettenseite gedreht. Sie sollte fortan für Monate im Tapedeck verbleiben und unentwegt laufen. Ob die Halbstarken damals auch nur ansatzweise erahnten, welchem Deutschrap-Meilenstein sie hier lauschten? Benjamin Mächler

Ich floh im Sommer für ein paar Monate zu meiner exzentrischen Patentante, die zusammen mit ihrem Mann – einem talentierten jedoch erfolglosen Schlagzeuger – am Stadtrand von Paris ihr Bohème-Exil fristete. Ich liebte dieses kleine Fenster Freiheit, und atmete all die geheimnisvollen Platten ein, die mir Jerzy täglich in den Discman warf. Diese Musik war mein Versprechen irgendwann aus der Tristesse ausbrechen zu können. Und das Versprechen erhielt einen ganz konkreten Namen: Björk.
»Homogenic« ist sicherlich nicht ihr bestes Album, aber mein erstes, und deswegen für mich auch das wichtigste. Ich hörte »Jogà« und heulte salzige Pfützen, hörte »Hunter« und bewarf all die bröselspermagrinsenden Lackaffen mit Bierflaschen, nur um mit »All Is Full Of Love« wieder Frieden mit ihnen zu schließen. Mich interessierte nicht, wie Björk medial wahrgenommen wurde: sie lehrte mich die Furchtlosigkeit der Unangepasstheit, bei gleichzeitiger unverfrorener Umarmung ihrer Weiblichkeit, radikaler als es je ein Riot Grrrl für mich verkörpern konnte. Für sie schlossen sich Sentimentalität und wild tobende Widerspenstigkeit nicht aus, Björk lebte und lebt immer noch das Kompromisslose, eine niemals endende Neugier. Ihre Kunst formte mich zur der Frau, die ich mich vorher nicht traute zu sein. Sie eröffnete mir ein Universum an Einflüssen und eine Einstellung, die mir bis heute als Spiegel dient. Und verlieh mir den schützenden Kokon, durch den ich mich mit 18 schließlich selbstbewusst durchbeißen konnte: »Excuse me, but I just have to explode this body off me. I’ll be brand new tomorrow.« Sonja Matuszczyk







