Jahresrückblick 2016 – Top 50 Alben

08.12.2016
Vielleicht ist es das Einzige, das man zu einer Liste mit Schallplatten zu diesem Jahr 2016 sagen kann, in der man nicht einfach nur über Musik reden kann: dass es bereichert, diesen 50 Alben (und 2 Mixtapes) zuzuhören.
Was schreiben über das Jahr 2016? Entweder man versucht es ernsthaft. Dann muss man politisch werden, abwägen, sensibel sein, angemessen zusammenfassen. Oder man versucht es locker von der Hüfte weg. Dann wird es schnell makaber.

Der Platz für ein angemessenes Zusammenfassen ist hier nicht. Den Platz, mal frisch aus dem Handgelenk einen rauszuschütteln, verbieten die Geschehnisse.

Bowie tot, Cohen tot, Prince tot, eine andere prägende Persönlichkeit, die dir etwas bedeutet hat: wahrscheinlich auch tot. Und das nur mal eben plump, unangemessen zusammengefasst, aber sicher nicht locker, nur zur popkulturellen Welt.

Was bleibt? Musik jedenfalls, immer irgendwie. Und dieses »irgendwie« war auch dieses Jahr sehr vieles. Vielleicht sogar ist in unserer Liste der besten Alben des Jahres dieses Jahr so viel Diversität vorhanden, wie zuvor noch nicht. Vielleicht liegt das daran, dass man das Weite sucht, wenn alles um einen herum immer enger zu werden scheint. Und Musik das immer sein kann: weit.

Wer weiß das schon? Wer weiß schon noch irgendwas. Und wenn man kaum etwas weiß (nicht einmal, wie dieser musikalische Jahresrückblick passend einzuleiten ist), dann hört man am besten zu. Und vielleicht ist das das Relevanteste, was man zu einer Liste mit Musik zu einem Jahr sagen kann, in der man nicht einfach nur über Musik reden kann: dass es bereichert, diesen 50 Alben (und 2 Mixtapes) zuzuhören. Und dass man das öfter beherzigen dürfte, dass Zuhören bereichert. In einer Zeit, die so furchtbar ist, dass das ganze Jahr ein Schweigejahr nach sich ziehen sollte. Und trotzdem alle ihre Meinungen tweeten, posten, schreien.

A Tribe Called Quest
We Got It From Here … Thank You For Your Service
Sony • 2016 • ab 21.99€
Weiß eh schon jeder, aber für das Protokoll: das neue, finale Album von A Tribe Called Quest ist gut, sehr gut sogar. Kein »Midnight Marauders«, keine »Low End Theory«, natürlich nicht. Trotzdem bleibt das brillant trotzig betitelte »We Got It From Here…Thank You 4 Your Service« das Best-Case-Szenario für eine Band, die sich schon vor fast 20 Jahren an ihren Differenzen zerrieben hatte: ein musikalisch erstaunlich variantenreicher Abgesang auf die USA, gestützt auf all deren widersprüchliche Großartigkeiten und progressiven Kampfgeist. All dies entlädt sich in Phife Dawgs seichtem Humor, Q-Tips clever-sarkastischem Afrozentrismus, Consequences gewitzten Punchlines und herzerwärmenden Jarobi-Aufritte. Ein Album, das einen glauben lässt Dirk und Manu könnten auch in 18 Jahren noch 30 Minuten spielen. Florian Aigner

Abra
Princess
True Panther • 2016 • ab 12.99€
Die Snare klingt nach Phil Collins, die Bassline nach Frankie Knuckles und der Schmerz, der schmeckt süßlich und irgendwie nach Kupfer. Abra bezeichnete die Musik auf »Princess« vorab als »Fairy Trap«. Vermutlich deshalb, weil sie ebenso verschwebt ist wie sie schwer wiegt. Ein guter Abra-Song ist wie eine Herzrhythmusstörung: unvorhersehbar, unheimlich und eine Erinnerung daran, dass das Leben gar nicht so selbstverständlich ist. Auf »Princess« gibt es sechs davon zu hören. Kristoffer Cornils

Achim Funk & Mr. Nylson
The Bridge To Yesterday
Newtold • 2016 • ab 19.99€
»The Bridge To Yesterday« ist eine offenkundige Hommage an den East Coast Rap Sound der 1990er Neunziger. Das ist beliebt und viel zitiert – und daher eigentlich schon wieder gegessen. Achim Funk & Mr. Nylson wissen allerdings, wie und wo man da heute noch unverkrampft aus dem Vollen schöpft, ohne im bloßen Referenzenraten steckenzubleiben. Das Ergebnis: Flavour statt Einheitsbrei. Christian Neubert

Aesop Rock
The Impossible Kid
Rhymesayers • 2016 • ab 28.99€
Der Reim-Schmid mit dem offiziell größten Vokabular im Rap-Game perfektioniert auf »The Impossible Kid« nicht nur seine Skills am Mic. Auch die tighte Produktion verdeutlicht, dass weder prominente Features noch eine Garde an Starproduzenten vonnöten sind, um eines der Hip Hop-Highlights des Jahres zu verantworten. Aesop Rock macht voller Selbstvertrauen sein Ding. Martin Silbermann

Anderson .Paak
Malibu
Steel Wool • 2016 • ab 28.99€
Es war das Album, das das Dr Dre-Feature Breezy Lovejoy unter neuem Namen vom Auskenner-Liebling zum Hype-Thema des Jahres machen sollte. Doch Anderson .Paak erfand auf »Malibu« nichts neu: Dauergäste von der Lieblings-Produzenten-Liste wie 9th Wonder, Kaytranada oder Hi-Tek inszenierten Anderson .Paaks Lausbuben-Delivery lediglich in eine scheuklappen-freie Sample-/Live-Band-Zwischenwelt aus filigranem Proberaum-Gejazze, voluminösem Besserverdiener-Boogie und der nötigen Portion Straßen(rap)-Kante. Vielleicht (k)ein Klassiker vom Reißbrett, aber fast 20 Jahre nach den Soulquarians der finale Beweis, dass man noch nie ein »Neo-« gebraucht hat, um von Soul zu sprechen zu können. Fionn Birr

Angel Olsen
My Woman Black Vinyl Edition
Jagjaguwar • 2016 • ab 21.99€
Angel Olsen hat nach ihrem Durchbruch mit »Burn Your Fire for No Witness« nochmal eine Schippe drauf gelegt; und sich damit ganz weit nach vorne gespielt. »My Woman« ist nichts anderes als ein fragiles Meisterwerk des Songwritings geworden, das – soweit es fehlt – eine klaffende Lücke in jeder Plattensammlung darstellt. Lars Fleischmann

Bacao Rhythm & Steel Band
55 Original Double Vinyl Edition
Big Crown • 2016 • ab 25.99€
In einer Zeit, in der täglich neue Rare-Groove-Perlen durch Compilations, Reissues und Mixe ans Tageslicht befördert werden, scheint es mitunter überflüssig, dass sich talentierte Musiker mit Instrumenten, altem Equipment und einem 8-Spur-Gerät ins Studio setzen und Funk aufnehmen. Aber die Bacao Rhythm & Steel Band schenkte mit »55« nicht nur dem Steeldrum-Funk das perfekte Album, das das nieschige Genre nie hatte – die Hamburger zeigten auch, wie gut instrumentale Musik im Zeitalter von Sampling und Crate Digging funktionieren kann. Soulja Boy steht neben Dennis Coffey, 50 Cent und Faith Evans neben Cat Stevens und John Holt und jeder einzelne Drumbreak ist der feuchte Traum eines jeden Plattengräbers. Niklas Fucks

Bacao Rhythm & Steel Band
55 Original Double Vinyl Edition
Big Crown • 2016 • ab 25.99€
Der Puls wird ganz langsam und ruhig. Dann breitet sich erst eine endlose dunkle Decke über einem aus. Als nächstes: das weiße Licht, man läuft darauf zu. Könnte man in diesem Moment des unendlichen Friedens einen Albtraum haben, würde diese Situation B/B/S »Palace« am besten beschreiben. Zwischen allen Instrumenten klafft weite Dunkelheit, in der Schlagzeug und Geige verhallen, in der sie ständig vergehen und wieder aufflackern. Ein Album, das einen gleichzeitig mit Ruhe und dem ständigen Gefühl einer Bedrohung ausfüllt – ein packendes Werk. Philipp Kunze

Beyonce
Lemonade
Columbia • 2016 • ab 17.99€
Viel wurde über Beyoncés »Lemonade« gesprochen, derweil wenig über die Musik gesagt wurde. Die ist in bester Stadion-Pop-Manier ein reich befülltes Buffet von Konsensleckereien, die allerdings in Hot Sauce getränkt sind: Die Vorab-Single »Formation« allein ist einer der weirdesten Mainstream-Pop-Songs seit… Ja, eigentlich lässt sich Pop seit 2016 in Prä- und Post-»Formation« einteilen. Selten kam die reine Kalkulation ästhetisch dermaßen unberechenbar daher. Kristoffer Cornils

Blood Orange (Dev Hynes aka Lightspeed Champion of Test Icicles)
Freetown Sound
Domino • 2016 • ab 25.99€
Bei all den (berechtigten) Lorbeeren für Frank Ocean könnte man glatt den Fehler begehen, dieses Neo-R’n’B-Meisterwerk in Form eines Konzept-Mixtapes zu überhören. Poppig, eklektisch und im besten Sinne concious überzeugt Blood Orange auf »Freetown Sound« endlich vollkommen in Form wie Inhalt. Martin Silbermann

Carla dal Forno
You Know What It’s Like
Blackest Ever Black • 2016 • ab 17.99€
Die Düstermaler von Blackest Ever Black haben einen neuen Star. Sorgten Tropic Of Cancer 2013 mit »Restless Idylls« erstmals für größere Aufmerksamkeit für das in London und Berlin stationierte Label, legte Carla Dal Forno dieses Jahr mit »You Know What It’s Like« das erste richtige Blackest-Ever-Black-Pop-Album vor. Ein Pop-Album freilich, das die ganze Bandbreite an Schwermut mitdenkt, für die das Label bekannt ist; verhallten New Wave genauso unterbringt wie leicht schrägen Psych-Folk und dumpf treibende Bassdrums. Und dabei trotzdem das bleibt, was ein Popalbum im besten Fall sein sollte: Ein stimmiges Gesamtkunstwerk, das für sich steht. Steffen Kolberg

Crack Ignaz & Wandl
Geld Leben
Melting Pot Music • 2016 • ab 16.99€
Kaum war der zuckrige Geschmack von »Kirsch« verdaut, lieferte Crack Ignaz dank Produzent Wandl bereits im Januar seinen persönlichen Gegenentwurf zum Neo-Boombap-Begriff vom Vater im Geiste, Madlib. Noch nie wurden Swag-Vokabeln so nonchalant an puristische Sample-Teppiche geknüpft. Gerade Kostverächter können sich auf »Geld Leben« einigen. Tim Tschentscher

Danny Brown
Atrocity Exhibition Black Vinyl Edition
Warp • 2016 • ab 28.99€
Danny Brown rettet auf [»Atrocity Exhibition«](https://www.hhv-mag.com/de/review/8921/danny-brown-atrocity-exhibition) den Hip Hop, mit jedem Stück ein bisschen. Der 35-jährige Detroiter tritt dabei den Beweis an, dass auch eine quäkende Stimme überzeugen kann, wenn man sie gezielt einsetzt. Und dass stilistische Offenheit nicht Beliebigkeit bedeuten muss, wenn man Paranoia- oder Drogenthemen mit den richtigen verdrehten Samples zu kombinieren weiß. Ain’t it funny? Tim Caspar Boehme

David Bowie
Blackstar
Columbia • 2016 • ab 40.99€
Richtig viel erwartet hatte man nach »The Next Day« ja nicht mehr von ihm. Und klar, mit seinen besten Alben kann »Blackstar« nicht ganz mithalten. Dennoch gelingt David Bowie ein musikalischer Abschied, der wie ein letztes Aufbäumen daherkommt, bei dem er noch einmal furchtlos Neues ausprobiert, freie Jazzelemente oder Tribalistisches nimmt, sie zu entrückten Freiform-Songs zusammenbaut und triumphierend verstummt. Tim Caspar Boehme

Babyfather
BBF Hosted By DJ Escrow
Hyperdub • 2016 • ab 24.99€
Das besondere an Dean Blunt ist vielleicht, dass er gleichzeitig komplett gleichgültig der Welt gegenüber und bis auf den letzten Nerv von ihr umgetrieben wirkt. Das macht seine Werke, das macht auch *[»BBF hosted by DJ Escrow](https://www.hhv-mag.com/de/review/8335/babyfather-bbf-hosted-by-dj-escrow) so einnehmend. Denn kaum einer hat den postmodernen Struggle bislang so angenehm hörbar vertont wie er (die Tonspur ist dabei allerdings nur eine Ebene des Phänomens DB). Weggetretener Singsang, ein Joint in der Hand, vergisst er alles, was ihm je heilig war. Und sucht zur selben Zeit nach etwas Neuem, das das wieder sein kann: heilig. Philipp Kunze

Demdike Stare
Wonderland
Modern Love • 2016 • ab 24.99€
Eigentlich wollte ich hier für Skee Masks unterbewertete Breakbeat-Dystopie »Shred« kämpfen, aber dann kamen kurz vor Redaktionsschluss wieder diese Klugscheißer von Demdike Stare an, knüppeln mir »Wonderland« vor die Füße und schon ist Ilian Tape wieder nur noch der kleine Cousin von Modern Love. Hätte sich Aphex Twin seit »Syro« mit seiner Soundcloud-Bulimie nicht selbst ins Abseits gestellt, dann wäre an dieser Stelle ein Vergleich angebracht, so komplex wie hier rhythmisiert wird, so unverfroren wie hier manierierter IDM-Techno von prä-adoleszentem Insider-Gagtum und Ragga-Relief zerfetzt wird. Da Demdike Stare aber mittlerweile zu ihrem eigenen Referenzpunkt gereift sind, bleibt eigentlich nur noch der Verweis auf deren Testpressings-Serie und die Feststellung, dass »Wonderland« diese perfekt pointiert. Florian Aigner

Dwarfs Of East Agouza, The
Bes Colored Vinyl Edition
Nawa • 2016 • ab 33.99€
In drei Sätzen zu erklären warum »Bes« von The Dwarfs Of East Agouza eines der besten Alben des Jahres ist, scheint angesichts der wahnwitzigen Komplexität und polyrhythmischen Groove-Not-Groove-Anleihen pro forma einfach: professoraler Math-Jazz und tribalistischer Sahara-Psych als Schnittmenge auf die sich Gesellschaftsgewinner in ihren alltäglichen Eskapismusbestrebungen bestens einigen können. Aber: das hier atmet, keucht, spuckt, schlägt um sich, lebt. Und weigert sich damit erfolgreichst gegen jede Coffeetablisierung und Appropriation. Florian Aigner

Eli Keszler
The Signs Of Speed
Empty Editions • 2016 • ab 27.99€
Schon geil, dass auch rund 15.000 Jahre nach den ersten rhythmischen Schlägen auf einen Schädelknochen immer noch andere Sounds und Grooves möglich sind als die, die sich in der Zwischenzeit etablieren konnten. Eli Keszler ist für das Drumkit das, was Bill Orcutt für die Gitarre bedeutet und eigentlich noch viel mehr. »Last Signs Of Speed« ist ein irre vielschichtiges Album und trotzdem das Gegenteil von Prog-Gelüsten. So freundlich können Konventionsbrüche dann doch klingen. Kristoffer Cornils

Demdike Stare
Wonderland
Modern Love • 2016 • ab 24.99€
Man könnte an dieser Stelle ihre Bandkollegen loben. »Exploded View« lebt schließlich auch von diesen quer im Raum stehenden Lead-Riffs, die den nachlässigen Basslines und taumelnden Post-Punk-Drums erst Kälte und Tiefe geben und verhindern, dass sich dieses Album in ESG-Gesten erschöpft. Aber natürlich sind wir hier wegen Frontfrau Anika die wie immer selbst in den emphatischsten Momenten noch so ätherisch und restsediert wirkt, dass es tatsächlich kein allzu weiter Weg mehr ist zu Gottmutter Nico und all things Venus und Pelz. Florian Aigner

Gonjasufi
Callus
Warp • 2016 • ab 24.99€
Der musizierende Yogalehrer Gonjasufi gibt auf »Callus« eine weitere Lektion in Katharsis und pusht mit Akustik-Klampfe, scheinbar defekten Drum Mashines und Lo(west)-Fi-Produktion die Grenzen der Hörbarkeit. Sein krächzender Straßen-Rap beschwört auf diesem Höllentrip den inneren Amokläufer in uns allen – kranker, geiler Scheiß! Martin Silbermann

Heliocentrics, The
From The Deep
Now-Again • 2016 • ab 21.99€
Fusion-Sound mit Weite und Tiefe, vollgepackt, ohne überladen zu sein: Der Jazzrock der Heliocentrics fesselt mit enormer Spannung. »From The Deep« ist ganz bei sich, nach innen gekehrt, nahe der Implosion. Aus der Tiefe eben, das Album nimmt seinen Titel ernst – und wird beim Anhören fast schon zu einer körperlichen Erfahrung. Christian Neubert

Imarhan
Imarhan
City Slang • 2016 • ab 22.99€
Sie haben den Touareg-Rock nicht erfunden. Der hypnotische Sound auf »Imarhan« mit Referenzen zu Funk, Reggae und Psychedelik klingt bei ihnen nicht grundlegend anders als der ihrer älteren Kollegen Tamikrest oder Tinariwen. Statt sich aber in traditionelle Gewändern zu hüllen, treten Imarhan in Jeans und T-Shirts auf, sind Label-Kollegen von Tortoise und Lambchop und damit nicht zuletzt eine Rockband von heute, die eher zufällig nicht aus London, Berlin oder Los Angeles kommt, sondern eben aus der Sahara-Metropole Tamanrasset. Andreas Schnell

Jeff Parker
The New Breed
International Anthem • 2016 • ab 23.99€
Die Jazzplatte des Jahres kommt von [Jeff Parker](https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/5038/jeff-parker.) Das ist nicht unwichtig zu erwähnen, in Zeiten, wo sinnloses »Jazzgegniedel« (Dank für das Wort geht an Florian Aigner) wieder mit Kunst verwechselt wird. Jeff Parker hingegen hebt das afroamerikanische Erbe des Jazz hervor und legt die Flicken aus Freiheit, Rhythmus, Groove, Repetition und Wahnsinn neu zusammen. Schon »Executive Life«, das erste Stück, setzt Bop-Melodien mit einem eine Schleife drehenden Sample und einem Hip Hop-Beat in Kontrast. Kurz noch: Der Gitarrist Jeff Parker ist kein unbekannter in der Musikszene Chicagos, nahm Schallplatten mit Rob Mazurek, Ken Vandermark oder Fred Andersen auf und ist oft übersehenes Mitglied von Tortoise. »The New Breed« zeigt ihn auf der Höhe seines Schaffens. Sebastian Hinz

Jenny Hval
Blood Bitch Black Vinyl Edition
Sacred Bones • 2016 • ab 20.99€
Das wird dich jetzt nicht überraschen, aber Jenny Hval ist eine der interessantesten Musikerinnen weltweit und bleibt das auch 2016. Für »Blood Bitch« hat sie sich eine menge billig produzierter Horrorfilme aus den 1970er Jahren angesehen, in denen nackte Vampire und Vampirinnen eine wichtige Rolle spielten. Ihr Interesse galt dabei weniger der dramaturgischen Finesse dieser Streifen, sondern mehr dem Blut und wie es darin verhandelt wird. Dass »Blood Bitch« auch ein Song der Cocteau Twins aus dem 1982 ist, ist nur ein weiterer Verweis hinein in die Welt, in der an Verweisen nicht eben armen Kunst der Norwegerin. Allein die zweieinhalb Minuten von »In The Red«, in der ein panischer Atem sich zum rhythmische Korsett formt (und Sounds des Cocteau Twins’ Klassikers übrigens nochmals zitiert werden), haben mehr Finesse, Gefühlsspektrum, Wissen als 80% der sonstigen Releases dieses Jahres. Sebastian Hinz

Jessy Lanza
Oh No
Hyperdub • 2016 • ab 17.99€
Gegen Ende des Jahres machte Jessy Lanza mit der Remix-EP »Oh No No No« noch mal klar, dass die Koordination ihres Soundsystems eben nicht knochenzarter Future R’n’B oder Jeremy Greenspans Gutväterlichkeit heißen, sondern Disco (Morgan Geist) und Footwork (DJ Taye x Spinna) beziehungsweise aktuelles Hardcore Continuum (DVA alias [HI:EMOTIONS]). »Oh No« war aber vor allem eins: Nackt wie ein Liebesgeständnis durch zusammengepresste Lippen, beschwingt wie die Gefühlsduseligkeit eines frühmorgendlichen Wiedersehens im Club und nicht zuletzt Hohelied einer Stimme, die sich endgültig gefunden hat. Kristoffer Cornils

Ka
Honor Killed The Samurai
Iron Works • 2016 • ab 29.99€
Seit dem neunten November höre ich »Honour Killed The Samurai« anders. Was zuvor schlicht das bisher beste Album von Ka war, ist zur Stimme aus dem Off geworden, die lakonisch-poetische Reaktion auf alles was scheiße ist die Stimme eines Desillusionierten, der aus Frustration und dem alltäglichen Sissyphos-Struggle jedoch andere (die richtigen) Schlüsse zieht als der dahinsiechende Rostgürtel und der es verdient hätte mit »Honour Killed The Samurai« genau so an den Tisch gebeten zu werden wie Kendrick Lamar, Solange, Blood Orange, Q-Tip und all die anderen unbequemen Klimaforscher. Florian Aigner

Kaitlyn Aurelia Smith
Ears
Western Vinyl • 2016 • ab 20.99€
Der blubbrige, knuspernde Buchla-Sound von Kaitlyn Aurelia Smith ließ einem Floating Points die Brille von der Nase rutschen und das eventuell nicht nur vor Begeisterung. Der talentierte Mr. Shepherd musste vielleicht einsehen, dass Smith das gelang, was er mit seiner Lounge-Muzak auf LP-Länge nicht schaffen konnte: Fröhlich-freundliche Musik mit Handarbeitsflavour und Kunstanspruch in die zeitlose Form von »EARS« zu pressen, welches in drei Jahrzehnten spätestens die Reissue-Industrie am Leben halten wird. Kristoffer Cornils

»The Life Of Pablo« war Kanye West in Reinform. Gospel-Songs, Trap-Banger, Taylor Swift, Anal-Bleacher auf dem T-Shirt, alles immer rasend schnell zwischen »Wow!« und »WTF?« pendelnd. Auch, dass das Album sich immer weiter veränderte: Kanye. Bei all den Gedanken darüber, was für ein größenwahnsinniger Spinner er auch ist, hat der ein oder andere vergessen: wie Kanye West seine Album produziert, was darauf passiert, sucht im Rapspiel nach wie vor seinesgleichen. Immer unerwartbar, immer abwechslungsreich, immer zwischen total geil und Totalschaden. Ohne Kanye wäre scheiße. Philipp Kunze

Kevin Morby
Singing Saw Black Vinyl Edition
Dead Oceans • 2016 • ab 21.99€
Nun hat Bob Dylan zwar endlich seinen Nobelpreis, trällert aber leider nur noch Sinatra-Schnulzen. Drum nimmt sich Kevin Morby wohl (nicht nur) Dylans musikalischem Erbe an. Reifes Songwriting und spärliche, aber dafür umso fokussierte Instrumentierung lassen auf »Singing Saw« zeitlose Folk-Weisen entstehen, die um einiges tiefer schürfen als Kevin Morbys andere Bands wie Woods oder Babies. Und singende Sägen gibt’s natürlich auch. Martin Silbermann

Leon Vynehall
Rojus
Running Back • 2016 • ab 19.99€
Leon Vynehall lädt auf »Rojus« zur Balz auf den Dancefloor. Als konzeptionelles Gerüst dienten dem Briten dieses Jahr exotische Vogelgesänge, die er stilvoll zu einem Album verwebt. Straighter und vielschichtiger als noch auf »Music For The Uninvited« geht der Hobby-Ornithologe hier zu Werke, satte Drums und fesselnde Samples begehen quasi die 4-to-the-floor-Vogelhochzeit. War der Vorgänger noch die Eintrittskarte für den Slot in der Afterhour, durfte er sich für »Rojus« das Deep-House-Diplom zur Primetime im Club abholen. Benjamin Mächler

LUH
Spiritual Songs For Lovers To Sing
Mute • 2016 • ab 9.99€
Kaum etwas schien 2016 sinnloser, als über die Liebe zu schwadronieren. Der donnernde Debüt des Arbeits- und, klar, Liebespaars LUH zog stattdessen dankbarer Weise Todesschwadrone der Leidenschaftsentblößung ins Feld. Seit der Veröffentlichung von »Spiritual Songs For Lovers To Sing« ist Verausgabungs-Pop ein Genre, das die beiden erfunden, gemeistert und überwunden haben. Wer jetzt nicht weint, lebt und liebt im Permafrost – oder schlimmer noch, in der Realität. Kristoffer Cornils

Mark Pritchard
Under The Sun
Warp • 2016 • ab 35.99€
Mächtig aber sanftmütig, brillant ohne zu poliert zu sein, Mark Pritchards »Under The Sun« hat auch Monate nach seinem Erscheinen nichts an seiner Wirkung verloren. Oft bedeutet Ambient: Einer breitet die Decke aus, legt sich selbstzufrieden die Lippen und bedeutet allen Anwesenden mit bayrischem Dialekt, dass sie sich nun hinlegen können. Hier bedeutet Ambient: dass Mark Pritchard das weiche Tuch mit in ein Gebirge genommen hat, ausgewähltes Panorama und so, Sekt hat er auch dabei, und elbische Wesen, die diesen unglaublichen Augenblick unwirklich scheinen lassen. Philipp Kunze

Marie Davidson
Adieux Au Dancefloor White Vinyl Edition
Cititrax • 2016 • ab 25.99€
Marie Davidson klingt in ihren dreistesten Momenten auf »Adieu Au Dancefloor« als wäre Knarzdinosaurier SebastiAn bei Robert Armani in die Lehre gegangen, um endlich wieder ein aufregendes Chicks On Speed-Album zu produzieren. In anderen klingt sie wie der Beelzebub persönlich und am Ende schiebt sie uns noch in einem astreinen Electropop-Chanson keck französische Weintrauben in den Mund. »Naive to the bone«? Unwahrscheinlich. Florian Aigner

Mystic Jungle Tribe, The
Qvisisana
Early Sounds • 2016 • ab 12.99€
Musik, um mit weißem Leinen an die Bar zu laufen, der Popo stramm vom morgendlichen Strandwalk, drei Hemdknöpfe offen, ein kurzer Fingerschnipser zum Takt, eine Order an der Bar, die nach After Shave riecht. Und dann galant zurück auf die Tanzfläche, sanft wippt der Drink im Cocktailglas. The Mystic Jungle Tribes »Qvisisana« ist dolce vita durch und durch. Und war damit ein absoluter Lichtblick, wo das gottverdammte vita doch so selten richtig dolce war dieses Jahr. Philipp Kunze

Nick Cave & The Bad Seeds
Skeleton Tree
Bad Seed Ltd. • 2016 • ab 26.99€
Natürlich ist Nick Cave auch auf »Skeleton Tree« noch Künstler, Charismatiker, knurrender Kauz, vor allem aber ist er ein Vater, der seinen Sohn verloren hat. Und weil dieses Album so erschütternd ist, in seiner Alltagsreflektion nach einer katastrophalen Zäsur, in seiner fragmentarisch poetischen Offenheit und gleichzeitigen Hyperauthentizität, fühlt sich ein Urteil über dieses Album nicht nur vermessen, sondern unmenschlich an. Florian Aigner

Noura Mint Seymali
Arbina
Glitterbeat • 2016 • ab 20.99€
Eigentlich dachte man, die Geschichte des sogenannten »Wüstenblues« sei inzwischen zu Ende erzählt. Dann kam die großartige Griot-Musikerin Noura Mint Seymali und legte mit ihren Mitmusikern auf »Arbina« eine perfekte Kombination von Psychedelic-Gitarrengeschrammel und westafrikanischen Harmonietraditionen vor, die von vorne bis hinten groovt. Viel zu eigenständig, um einfach nur »Wüstenblues« zu sein, viel zu wertvoll, um im Weltmusik-Regal vor sich hin zu schimmeln. Steffen Kolberg

Omar S
The Best
FXHE • 2016 • ab 52.99€
Das menschgewordene Deep House-Tool Omar-S entdeckte doch 2016 tatsächlich das Album als Spielraum für sich. Da wurden nichtsdestotrotz Booties betascht (ugh…) und der 303 die Sporen gegeben (yay!). Allerdings bewies Alexander Omar Smith mit »The Best« quasi antithetisch zu seiner Plattenaufmachung dieses komische Ding namens Reife. Keine Sorge allerdings, auf Promo-Fotos wird weiterhin die Knarre neben der 909 platziert respektive Karren durch Detroit geschubst und bis Omar-S endgültig erwachsen wird, bleibt »The Best« das, was der Titel verspricht. Mit drei oder mehr Ausrufezeichen, weil drunter hat er’s noch nie gemacht. Kristoffer Cornils

Preoccupations
Preoccupations Colored Vinyl Edition
Jagjaguwar • 2016 • ab 20.99€
Die ganze Nummer mit dem Bandnamen-Wechsel von Viet Cong zu Preoccupations hat davon abgelenkt, dass das selbstbestitelte Debüt der Kanadier vor allen Dingen eins ist: Genial. Tief-dröhnende Bassläufe, ephemeres Songwriting über Angst, die Aufdröselung der klassischen Songstruktur. Da steckt so viel Liebe und Verzweiflung drin, dass sich selbst beim x-ten Anhören immer wieder neue Welten auftun. Lars Fleischmann

Rihanna
Anti
Roc Nation • 2016 • ab 41.99€
Klar, der leichtfüßige Arbeitnehmer-Ohrwurm »Work« zählt zu den größten Radiohits des Jahres – wie immer bei [Rihanna](https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/5032/rihanna,) der man musikalisch bis dato wenigstens keine mangelnde Arbeitsmoral vorwerfen konnte. Doch das Suprise-Release »Anti« war 2016 eben mehr als nur die konsequente Summe des Pop-Zeitgeists aus versaut-käsigen Prince-Zitaten, schmeichlerischen Tame Impala-Coversongs und beiläufig-bassigen Rechtswischer-Hymnen. RiRi krönte sich mit diesem emotionalen Achterbahnfahrt-Album aus Dub-, Hip Hop-, Folk- und Funk-Anleihen final und ganzheitlich zur »Queen of Pop«. Fionn Birr

Rising Sun
The Lamentations Of Rising Sun
Fauxpas Musik • 2016 • ab 18.99€
Langsam erhoben sich in den letzten Jahren die Knicklichter gegen Warehouse-Himmel, schob allerhand junges Gemüse seinen Tracks Amen Breaks und Fantazia-Feelings unter. »The Lamentations of the Rising Sun« ist deshalb das Album, welches euch Traumprinz im DJ Metatron-Kostüm deshalb nie schenken wird, weil Rising Sun nicht durchs tränenverhangene Knopfloch Richtung Vergangenheit linst, sondern stur und rough das abspielt, was seit den 1990er Jahren Teil seines Muskelgedächtnises ist. Das Resultat sind strahlende Momente und tiefe Täler, die hellsten und unendlichsten seit »More Songs About Food And Revolutionary Art« oder, wenn wir mal ehrlich sind, den »Selected Ambient Works 85-92«. Kristoffer Cornils

Sarathy Korwar
Day To Day
Ninja Tune • 2016 • ab 27.99€
Der in den USA geborene und in Indien aufgewachsene Tablaspieler Sarathy Korwar verbindet Field Recordings des Sidi-Volkes mit westlichen Klängen. Trance-artige Vocals und arabische Percussion treffen auf Afrobeat, indische Sufi-Musik auf Spiritual Jazz. »Day To Day« ist ein experimentelles Album mit subtiler Elektronik, instrumentiert mit E-Gitarre, Fender Rhodes und Saxophon. Und über allem die Bassklarinette von Shabaka Hutchings (Sons of Kemet.) Sanft, eingängig und hypnotisch. Jan Paersch

ScHoolboy Q
Blank Face
Interscope • 2016 • ab 34.99€
Make gangsta rap great again. Nach YG, G Perico und Vince Staples schickte sich letztlich auch Schoolboy Q an, die Dubs in die Luft zu werfen und 2016 zu einem starken Jahr für Gangsta Rap zu machen. Fokussierter denn je verschrieb er sich auf »Blank Face« dem ausweglosen und vorgezeichneten Alltag junger, Afroamerikaner im Herzen Los Angeles’, deren Zukunft auch 2016, im Jahre acht der Präsidentschaft Barack Obamas, kaum hoffnungsloser sein könnte. Und auch im Dezember, fünf Monate nach Albumrelease, sieht es nicht rosiger aus. Benjamin Mächler

Rising Sun
The Lamentations Of Rising Sun
Fauxpas Musik • 2016 • ab 18.99€
Es dauert meist Jahre, bis die Skeletons die neuesten Ergebnisse ihrer Überlegungen zum Stand der Dinge vorstellen. Und jedes Mal – so auch auf »Am I Home?« – kommt dabei etwas scheinbar Leichtes heraus, in dem sich – auch wenn es durchaus auf seine Weise Rock ist – so viel wiederfindet, was da eigentlich nicht daheim ist, verwoben zu einer Musik, in der erlesenes Handwerk nicht mehr ist als notwendige Voraussetzung, weil manches nicht mit einer handvoll Akkorden zu sagen ist. Andreas Schnell

SSIO
0,9
Alles Oder Nix • 2016 • ab 40.99€
Frauen werden benutzt, Handys nicht mehr gebraucht: SSIO verteilt auf »0,9« mit zwinkerndem Auge blaue. REAFs Beats lassen die Hydraulik quietschen, alles bounct, alles dick, alles prall. (Freiwillig) unterhaltsamer war Deutschrap dieses Jahr selten. Philipp Kunze

Steven Julien (Funkineven)
Fallen
Apron • 2016 • ab 22.99€
Steven Julien hatte als Funkineven dieses Lo-Fi-House-Ding nach wenigen Jahren bereits beinahe durchgespielt. Nun also unter bürgerlichem Namen dem Endgegner vor die Füße kotzen: »Fallen« fürchtet sich so wenig wie kein anderes House-Album dieses Jahr vor den Tücken des Formats, kommt erst nach wohlkonzipiertem Spannungsbocken im pluckerigen Acid-Inferno an und zeigt nebenbei den eigenen Vorbildern wie man Rhodes, Roland und Renitenz aus Detroit nach London importieren kann. Florian Aigner

Trettmann
KitschKrieg Volume 1, 2 & 3
SoulForce / HHV • 2016 • ab 17.99€
Es war die Überraschung des Jahres, als Ex-Dancehall-Caballero Ronny Trettmann mit seinen drei »KitschKrieg«-EPs den wohl stringentesten Trap/Cloud-Entwurf vorlegte. Die unterkühlten Weltraum-Betonwüsten aus dem Mischpult des Producer-Teams KitschKrieg atmeten gleichermaßen synthetisch-organische Zeitgeist- wie Zeitlosigkeit und boten damit Deutschraps neuem Lieblings-Spätzünder vor allem jenen Performance-Entfaltungsraum zwischen Travis Scott’schem Auto-Tune-Gebrauch, nahbarer Afterhour-Delivery und getoasteten Reggae-Insidern, die ihn schnell zum (T)Rapsänger-Prototyp werden ließen. Eine perfekte Symbiose aus Vaporizer-Vocalist und Throwback-Onkel mit dem stilsichersten Beatmakern Deutschlands an der Seite, unterwegs in der Mission, BiVis (lies: Bis-40er) an der Stammbar genauso wie die Generation Gönnung im Club abhzuholen. Drei Worte: Kuff, Kaff, Kweff. Fionn Birr

Freiraum für Töne. Den braucht es nicht nur im Drone. Auch auf [»A Cosmic Rhythm With Each Stroke«](https://www.hhv-mag.com/de/review/8383/vijay-iyer-wadada-leo-smith-a-cosmic-rhythm-with-each-stroke,) diesem Generationentreffen zwischen dem Trompeter Wadada Leo Smith und dem Pianisten [Vijay Iyer](https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/4642/vijay-iyer,) ist der Raum um die beiden Musiker wie ein weiterer Mitspieler, dessen Resonanz für Abstand und Nähe zugleich sorgt. In der Offenheit des Duos wird dann tatsächlich »alles lebendig«, Esoterik hin oder her. Tim Caspar Boehme

Whitney
Light Upon The Lake Black Vinyl Edition
Secretly Canadian • 2016 • ab 30.99€
Die schönste Retro-Platte des Jahres kommt aus Chicago. »If only we were young«, singen Whitney auf »Light Upon The Lake«, dabei haben sie die 25 noch nicht überschritten. Sanfte Gitarren, feine Bläsersätze, geschmackvoll zurückhaltende Streicher – das klingt nach dem Country-Folk der Byrds, und nach 70s-Soul mit Falsett-Gesang. Warme Melancholie allerorten. Jan Paersch

Wolf Müller & Cass.
The Sound Of Glades
International Feel • 2016 • ab 20.99€
Bei der heutigen Ambient-Musik scheint es zwei konkurrierende Ansätze zu geben, die besonders herausstechen: entweder hypnotisieren meist perkussive Grooves über Minuten hinweg oder man wacht plötzlich auf einem arrhythmischen, hyperrealen Klangteppich auf und fragt sich, ob man noch träumt. Für »The Sound Of Glades« lassen der Tribal-Experte Wolf Müller und Ambient-Avantgardeler Cass. diese beiden Welten ineinander fließen und kreieren ein selten perfektes Kollabo-Album, das von der Supermarktschlange bis hin zur Bahnhaltestelle in allen Lebenslagen faszinieren kann. Musik, zu der man auch in Ruhe sterben könnte. Niklas Fucks

In anderen Medien wird es Young Thugs Album »Jeffery« in die Jahresbestenliste schaffen. Bei uns ist es »Slime Season 3«. Warum? Weil auf dem Mixtape jeder Song ein Hit ist, weil »SS3« geiler ist als 100 Prozent aller dieses Jahr erschienenen Rap-Alben, und weil wir eben nicht nach medialem Gerammel (um »Jeffrey« gab es mehr) sondern nach musikalischem Bums bewerten. Um alles weitere zu erklären, müsste man Adlibs besser schreiben können, iiiihuuuu wuuää! Philipp Kunze

[Yung Hurn](https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/5039/yung-hurn,) ey, der endgültige Befreiungsschlag von Deutschrap, ab hier gibt es kein zurück mehr. Das »Krocha Tape« war vielleicht der deutschsprachige Release, der am meisten nach 2016 klang. Mit seinen frei assoziierten Zeilen drückte der Wiener das Gefühl von tausenden U-30ern aus, obwohl oder gerade weil in den Texten kaum etwas passiert. Hurn nuschelt über Molly, Baes und Chillen. Komplette Inhaltsleere als Gegenkonzept zu einer Welt, deren Inhalt für die Zielgruppe erschlagend und überfordernd ist. Also Flucht in Pillen und Partys, und am nächsten dunklen Großstadttag bleibt nichts übrig außer ein fantasierter Ferrari. 808s und Herzlosigkeit. Philipp Kunze

Yves Tumor
Serpent Music
Pan • 2016 • ab 21.99€
Eines der seltsamsten und geilsten Alben kam dieses Jahr von einem, der vorher mit kreischendem Harsh Noise auf sich aufmerksam gemacht hatte. Yves Tumors »Serpent Music« ist disruptive Muzak aus dem Geiste Hype Williams’, eine Art umgedrehtes Pissoir als Klangskulptur. Vor allem aber ist die Schlangenmucke von Yves Tumor wahnsinnig sinnlich, sexy und beschwörend. Seltsam eben, aber auch geil. Kristoffer Cornils