Was schreiben über das Jahr 2016? Entweder man versucht es ernsthaft. Dann muss man politisch werden, abwägen, sensibel sein, angemessen zusammenfassen. Oder man versucht es locker von der Hüfte weg. Dann wird es schnell makaber.
Der Platz für ein angemessenes Zusammenfassen ist hier nicht. Den Platz, mal frisch aus dem Handgelenk einen rauszuschütteln, verbieten die Geschehnisse.
Bowie tot, Cohen tot, Prince tot, eine andere prägende Persönlichkeit, die dir etwas bedeutet hat: wahrscheinlich auch tot. Und das nur mal eben plump, unangemessen zusammengefasst, aber sicher nicht locker, nur zur popkulturellen Welt.
Was bleibt? Musik jedenfalls, immer irgendwie. Und dieses »irgendwie« war auch dieses Jahr sehr vieles. Vielleicht sogar ist in unserer Liste der besten Alben des Jahres dieses Jahr so viel Diversität vorhanden, wie zuvor noch nicht. Vielleicht liegt das daran, dass man das Weite sucht, wenn alles um einen herum immer enger zu werden scheint. Und Musik das immer sein kann: weit.
Wer weiß das schon? Wer weiß schon noch irgendwas. Und wenn man kaum etwas weiß (nicht einmal, wie dieser musikalische Jahresrückblick passend einzuleiten ist), dann hört man am besten zu. Und vielleicht ist das das Relevanteste, was man zu einer Liste mit Musik zu einem Jahr sagen kann, in der man nicht einfach nur über Musik reden kann: dass es bereichert, diesen 50 Alben (und 2 Mixtapes) zuzuhören. Und dass man das öfter beherzigen dürfte, dass Zuhören bereichert. In einer Zeit, die so furchtbar ist, dass das ganze Jahr ein Schweigejahr nach sich ziehen sollte. Und trotzdem alle ihre Meinungen tweeten, posten, schreien.


























»The Life Of Pablo« war Kanye West in Reinform. Gospel-Songs, Trap-Banger, Taylor Swift, Anal-Bleacher auf dem T-Shirt, alles immer rasend schnell zwischen »Wow!« und »WTF?« pendelnd. Auch, dass das Album sich immer weiter veränderte: Kanye. Bei all den Gedanken darüber, was für ein größenwahnsinniger Spinner er auch ist, hat der ein oder andere vergessen: wie Kanye West seine Album produziert, was darauf passiert, sucht im Rapspiel nach wie vor seinesgleichen. Immer unerwartbar, immer abwechslungsreich, immer zwischen total geil und Totalschaden. Ohne Kanye wäre scheiße. Philipp Kunze


















Freiraum für Töne. Den braucht es nicht nur im Drone. Auch auf [»A Cosmic Rhythm With Each Stroke«](https://www.hhv-mag.com/de/review/8383/vijay-iyer-wadada-leo-smith-a-cosmic-rhythm-with-each-stroke,) diesem Generationentreffen zwischen dem Trompeter Wadada Leo Smith und dem Pianisten [Vijay Iyer](https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/4642/vijay-iyer,) ist der Raum um die beiden Musiker wie ein weiterer Mitspieler, dessen Resonanz für Abstand und Nähe zugleich sorgt. In der Offenheit des Duos wird dann tatsächlich »alles lebendig«, Esoterik hin oder her. Tim Caspar Boehme


In anderen Medien wird es Young Thugs Album »Jeffery« in die Jahresbestenliste schaffen. Bei uns ist es »Slime Season 3«. Warum? Weil auf dem Mixtape jeder Song ein Hit ist, weil »SS3« geiler ist als 100 Prozent aller dieses Jahr erschienenen Rap-Alben, und weil wir eben nicht nach medialem Gerammel (um »Jeffrey« gab es mehr) sondern nach musikalischem Bums bewerten. Um alles weitere zu erklären, müsste man Adlibs besser schreiben können, iiiihuuuu wuuää! Philipp Kunze
[Yung Hurn](https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/5039/yung-hurn,) ey, der endgültige Befreiungsschlag von Deutschrap, ab hier gibt es kein zurück mehr. Das »Krocha Tape« war vielleicht der deutschsprachige Release, der am meisten nach 2016 klang. Mit seinen frei assoziierten Zeilen drückte der Wiener das Gefühl von tausenden U-30ern aus, obwohl oder gerade weil in den Texten kaum etwas passiert. Hurn nuschelt über Molly, Baes und Chillen. Komplette Inhaltsleere als Gegenkonzept zu einer Welt, deren Inhalt für die Zielgruppe erschlagend und überfordernd ist. Also Flucht in Pillen und Partys, und am nächsten dunklen Großstadttag bleibt nichts übrig außer ein fantasierter Ferrari. 808s und Herzlosigkeit. Philipp Kunze
