Die 20 besten 12inches des Jahres 2023

01.12.2023
Die gute alte 12inch bleibt das Medium der ravenden Gesellschaft, weshalb unter den folgenden 20 Schallplatten des Jahres in diesem Format allerhand zu finden ist, was für den Floor erdacht wurde – und zwar nur das Beste davon.

Die TikTok-Kids sind noch nicht weitergezogen, Peggy Gou und Lenny Kravitz machen nunmehr gemeinsame Sache und obendrein schließt ein Club nach dem nächsten: Nicht so geile Zeiten in Lalaland, deren Bevölkerung sich obendrein noch auf Instagram über angeblich politische Fragen zerwirft. Besser denen folgen, die das Ohr weiterhin auf dem Dancefloor haben und nicht den Nostalgiemodus anwerfen, das heißt Minimal Techno und Hardgroove entstauben, als wäre das ernsthaft eine Option zum Status quo.

Seien es alte Helden wie Techno-Don DVS1 und Bass-Trickster Pangaea, neue Talente wie n9oc, Skin Teeth und Verraco: Funktionalismus, das wurde im Jahr 2023 klar, kann weiterhin Funken schlagen. Dass dabei auch die Loslösungen von den Konventionen völlig ist, bewiesen obendrein noch Albino Sound, Barker und Priori & Al Wootton, wo sich dann auch Verknotungen mit allem anderen ergab, was nicht aus dem Clubkontext kam und auf dieser Liste nicht fehlen durfte. Modular-Drummer Jake Meginsky etwa, der Hustensirup-Drone von Jon Collin & Demdike Stare sowie, als wohl irgendwie schon kompletter Außenseiter und doch schlagendes Herz dieser Liste, das Tara Clerkin Trio bewiesen alle auf unterschiedliche Arten, dass sich auch im Kurzformat viel sagen lässt, solange ausreichend viel Innovationswille reingesteckt wird. Kristoffer Cornils


Albino Sound
Metallurgy
Turnend Tapes • 2022 • ab 11.99€

Samurai-Präzision trifft britische Bassgewalt. Albino Sound kommt aus Tokyo und interessiert sich für die Alchemie von Metall. Passender geht es nicht. Die 4-Track-EP »Metallurgy« klingt, als würde mensch einem Großmeister beim Formen einer dieser hunderfach gefalteten Samurai-Schwerter zuschauen. Enorm dicht und doch aufs Wesentliche reduziert. Spartanisch und zugleich massiv. Erschütternder Bass. Sexy pumpende bis verschleppte Breakbeats. Klangsplitter, die wie Funken unter dem Rhythmus-Amboss davonstieben. Zerschneidet dich wie Butter.

Jens Pacholsky
Anunaku
063
AD93 • 2023 • ab 29.99€

Bekannt für seinen eher basslastigen Techno, erkundet Guglielmo Barzacchini, auch bekannt als Anunaku, mit seinem 2023 veröffentlichten Vinyl 12inch »063« transzendentere Gefilde und weckt damit unbeirrbar die Sehnsucht nach lauen, durchtanzten Festivalnächten. Obwohl einige vielleicht Barzacchinis kraftvollen Techno als TSVI vermissen könnten, offenbaren sich gerade in »Andromeda« und »Chimera« ebenso monumentale Motive. Diese zeichnen sich durch mitreißende Kick-Drums, glitzernde Synth-Melodien, scharfe Breaks und verträumte Vocals aus – und stehen den vorherigen Produktionen von Barzacchini in nichts nach.

Celeste Dittberner
Barker
Unfixed
Smalltown Supersound • 2023 • ab 21.99€

Sam Barker kommt wieder auf dem Tanzboden der Tatsachen an. Oder zumindest holt er die Kick wieder raus. Oder sagen wir besser, dass er weiterhin weirden Kram macht, der sich auf dem Dancefloor gut machen wird, sofern DJs und Crowd über einen mehr als zentimeterweiten Horizont verfügen. »UNfixed« wird vom selben schwebenden Puls angetrieben wie frühere Barker-Releases und der Rückgriff auf die Kick ist kaum mehr als eine klangliche Entscheidung, die hier kreativen Prozessen die Bahn brechen soll. Das funktioniert offensichtlich: Diese vier Tracks machen zwischen Kiffer-Krautrock, Teutonen-Techno und Braindance-Britainismus alles richtig.

Kristoffer Cornils
Benedikt Frey
Recall
Malka Tuti • 2023 • ab 13.99€

2023 war die totgenudelte Binse, Techno sei der Innovationsgeist endgültig abhanden gekommen, vielleicht so sehr Konsens wie noch nie. Dabei kommt es immer drauf an, was man denn so unter Techno versteht. Und wenn man Benedikt Freys breakige Tools und paranoide Melodien mit in die Gleichung nimmt, steckt die gleichförmig in die Bedeutungslosigkeit pochende Bummbumm-Musik plötzlich wieder voller Leben: Rohem und gewollt imperfektem Leben zwar, aber wen stört das schon? Die Antwort: Niemanden.

Maximilian Fritz
DVS1
Hush 06
HUSH • 2023 • ab 12.99€

Ob subtile Hintergrundgeräusche oder fesselnde Synthesizermelodien – auf »Hush 06« ist jede Klangnuance wohlüberlegt platziert, was der Platte einen kohärenten und dennoch abwechslungsreichen Charakter verleiht. DVS1 spielt geschickt mit unterschiedlichen Tempi und Intensitäten, wodurch eine kontinuierliche Entwicklung innerhalb der EP entsteht. Die düsteren, pulsierenden Beats erzeugen eine fesselnde Atmosphäre, die nicht nur auf dem Dancefloor, sondern auch in den eigenen vier Wänden für den intensiven Hörgenuss sorgt.

Franziska Nistler
Immediate Proximity
Improx 1
Improx • 2023 • ab 13.99€

Delta Funktionen schloss sich im Jahr 2020 mit der Produzentin Diana Napirelly zusammen, um als Immediate Proximity eine randständige Soundästhetik zu entwerfen: Dub-Techniken trafen auf ihrem Debütalbum auf Ambient und Noise, Industrial-Rhythmen oder verschrobene Techno-Grooves auf ratternde IDM-Konstruktionen. Mit »IMPROX 1« verweben sie die diversen stilistischen Stränge ihres Schaffens umso konziser in einen ganz eigenen, kohärenten Sound. Eine wunderbar vielseitige Mini-LP, deren Poetologie das Duo auf einem Nachfolger noch weiter ausformulierte.

Kristoffer Cornils
Jake Meginsky
Trinities
Poole Music • 2023 • ab 22.99€

Valentina Magaletti, Cinna Peyghamy, Julian Sartorius: Die elektroakustische Abstraktion des Schlagzeugs schreitet voran. Der Milford-Graves-Schüler Jake Meginsky lieferte mit »Trinities« eine Mini-LP ab, über der allerhand Kontext schwebt – Tochter kam zur Welt, tiefster Lockdown – und die dennoch auf kleine Gesten setzt. Improvisation, in ein blubbriges Modular-Synth-Klangbild eingefriedet, fordert hier dazu auf, zwischen den Zeilen beziehungsweise Tönen zu lesen. Besonders schön und eindrücklich im Kontrast zu den Erforschungen von Rhythmus und Raum: der schwerelose Ambient-Drone von »2521«. Musik wie frischer Schnee.

Kristoffer Cornils
JakoJako
Verve EP
Mute • 2023 • ab 16.99€

Irakli Kiziria: Diese Platte hat mich sofort überzeugt und das nicht nur deswegen, weil ich JakoJako für eine der vielversprechendsten Künstler:innen des heutigen Techno halte. Die Musik hat eine sehr spezielle Stimmung, die sehr intensiv ist. Wenn man sie richtig einsetzt, entfaltet sie ihre Wirkung wie eine Explosion von Emotionen.

Redaktion
Jon Collin & Demdike Stare
Fragments Of Nothing
DDS • 2023 • ab 30.99€

Zugänglicher ist hingegen Jon Collins Zugang zu Field Recordings, auch wenn seine Arbeiten mit Demdike Stare besonders dronig und flüchtig klingen im Vergleich zu seinen relativ linearen Soloarbeiten. »Fragments Of Nothing« war 2020 das Begleittape zu »Sketches Of Everything«, einem Album, das mich durch einen weirden Pandemieherbst 2020 eskortiert hat. »Fragments Of Nothing« ist noch minimalistischer und eine Spur weniger dubby, aber auch hier zahlt sich jede Minute der Antizipation aus. Bin gespannt wie Teil 3 wird, »Minerals« ist Ende Juni erschienen, scheint aber noch beim Zoll zu hängen.

Florian Aigner
Lårry
How Was That For You
Bruk • 2023 • ab 12.99€

Lårry (sprich: Lawry wie in Lawrence Cox) haben die meisten vielleicht noch nicht auf dem Zettel. Das dürfte sich mit der im März 2023 auf dem Berliner Label BRUK erschienenen EP »How Was That For You« ändern. Lårry sucht hier nicht die Euphorie, nicht den Schulterschluss, sondern Tiefe und Präzision. Mit scharfer Klinge schneidet er akribisch alles an den Rändern seiner Breakbeats weg, bis nur noch die Klinge übrig bleibt. Und wenn die dann aufblitzt. Musik als Waffe.

Sebastian Hinz
Lurka
Molten Drum EP
Damage • 2023 • ab 15.99€

In Bristol passiert musikalisch immer was. Auch 2023 war in der englischen Hafenstadt tolle, wie gewohnt basslastige Musik zu entdecken. Aber was heißt hier entdecken? Lurka ist schon seit zehn Jahren Teil der Szene um Labels wie Black Acre, Hotline, Timedance und Shall Not Fade. Auf seinem eigenen Label Damage hat er in diesem Jahr »Molten Drum« veröffentlicht, vier atmosphärisch dichte, stilistisch unterschiedliche (Dancehall, Dubstep oder Tech House) Tracks für basskalte Nächte.

Sebastian Hinz
n9oc
Memory Allocator
Die Orakel • 2023 • ab 13.99€

Als Label wird Die Orakel seinem Namen wieder und wieder gerecht und macht den Sound von morgen heute hörbar. »Memory Allocator« ist das erste eigenständige Release der Frankfurterin n9oc. Die sechs Stücke werden vom »Artificial Intelligence«-Geist umweht: IDM und britischer Ambient-Techno sind deutliche Referenzen, das Klangbild insgesamt aber sehr modern und alles andere als retro. n9oc geht wie eine Chemikerin vor, die einzelne Molekülverbindungen tradierter und zeitgenössischer Genres extrahiert und miteinander in Bewegung setzt. Zukunftsweisende Forschung in Sound.

Kristoffer Cornils
Pangaea
Changing Channels: Part 1 & 2
Hessle Audio • 2023 • ab 15.99€

Pangaea meldet sich mit »Changing Channels« zurück und splittet das Werk auf zwei Vinyl 12inches. Er steigt direkt mit einem frechen Opening Track in die Platte ein. Zu einer eindringlichen Basslinie und knackig schwingenden Drums stöhnt eine weibliche Vocalstimme die immer gleichen unverständlichen Zeilen: »SOS?«. Gut möglich, denn um sich bei einem Banger wie »Installation« von der Tanzfläche zu lösen, wird definitiv fremde Hilfe benötigt. Schließlich wird das Ende der Platte durch »Bad Lines« eingeläutet und mit Klavierklängen und fröhlich stampfenden Beats würdevoll abgerundet

Sebastian Hinz
Polygonia
Otro Mundo
Bambe • 2023 • ab 15.99€

»Otro Mundo« ist die beste Techno-EP des Jahres, nur fängt sie eben an wie ein Björk-Album. Polygonia wirbelt schon seit geraumer Zeit neonfarbenen Staub auf, obwohl sich die Parameter ihres Sounds eher uncool lesen: Es geht zwischen Deep Techno und Ambient durch Flora und Fauna hin und her. Sie macht das aber alles anders und ergo komplett richtig. Womit wir zurück bei »Otro Mundo« angekommen wären, das mit einer grenzenlosen Unbekümmertheit Sounds und Stile miteinander clashen lässt, ohne den Dancefloor dabei hinter sich zu lassen. Polygonia stellt ihn sich nur anders vor. Besser.

Kristoffer Cornils
Priori & Al Wootton
Flaw EP
Trule • 2023 • ab 15.99€

Auf »Flaw« vereinen die beiden Produzenten Priori und Al Wootton ihre einzigartigen Stile zu einer 4-Track-EP in gerüttelt Maß. Zu hören? Dröhnende, unterschwellige Percussions und blubbernde, elektrisierende Synthesizer. Die Stimmung? Spielerisch, stringent und suggestiv, irgendwie. Aber keinesfalls gefährlich. Besonders bemerkenswert? Die klickende und klopfende Kick-Drum in »Seclusion«, der in subtiler Minimal-Manier mit einem Zusammenspiel aus Break-Beat und Dub, begleitet von Zikaden-Zirpen, provokativ psychedelisch wirkt.

Celeste Dittberner
Skin Teeth
Void '93
WNCL • 2023 • ab 12.99€

Die jährliche Amplitude des mittlerweile gut 35 Jahre lang ohrenschlackernden UK-Basskontinuums fand sich 2023 auf einer kleinen 10inch namens »Void ‘93«. Die Referenz ist Programm, ohne sich von der mächtigen Vergangenheit einlullen zu lassen. Stattdessen zertrümmert Skin Teeth auf zweiten Tracks den Dubstep in Breakbeats, cuttet verschollene Vocals in die Unterwelt und schleudert alles unter Hochdruck in ein tiefes, brummendes Loch der low-end frequencies. Dubstep kann auch 2023 noch geil klingen.

Jens Pacholsky
Sylvere
EP 3
Monkeytown • 2023 • ab 15.99€

Der Techno-Entwurf von Sylvere bewegt sich nah an den monsterbassigen Hybriden britischer Labels wie Livity Sound, setzt aber im Drumprogramming auf eine von seinem kulturellen Background in den Antillen ebenso wie von einem hartnäckigen Genreagnostizismus in Bezug auf all things dance music geprägte rhythmische Komplexität und scheißt obendrauf noch auf Arrangement-Konventionen. Knapper formuliert: »EP 3« ist eine Platte mit Seltenheitswert, viel Dub-Sirenen-Geheul, R&S-in-den-Neunzigern-Throwbacks, Breakcore-Anleihen und einem Downtempo-Track mit Autotune-Geschmachte.

Kristoffer Cornils
Tara Clerkin Trio
On The Turning Ground
World Of Echo • 2023 • ab 26.99€

Dem besten Trio der Welt ist der große Wurf gelungen. Das südenglische Tara Clerkin Trio war schon in den vergangenen Jahren in unseren Listen vertreten, mit »On The Turning Ground« sind sie es wieder, diesmal mit Herzchen und Sternchen. Um es ganz kurz und eklig zu machen: Das ist Musik, um der Welt mit Sanftmut entgegen zu treten. Die Bristoliten zeichnet das Pop-Verständnis aus, das ihr sehr lokales Folk-Dub(step)-Gemisch so anspruchsvoll und un-nischig macht. »Marble Walls« gehört zu den … fünf… besten …Songs des Jahres.

Pippo Kuhzart
Verraco
Escándaloo
Voam • 2023 • ab 18.99€

TraTraTrax hat weiterhin einen Run und Mitbetreiber Verraco gibt das Tempo vor. »Escándaloo« erschien zwar auf Voam, dem Label von Blawan und Pariah, fängt aber wie kaum ein anderes Release die synthetisch-synkretische Ästhetik seines eigenen Labels ein: Der Titeltrack groovt härter als Techno es dieser Tage darf und wirft noch ein paar nahezu brosteppige Dub-Wobbles in den Mix, »jajaja« wirft noch unbekümmter Sounds und Rhythmen durcheinander und »How Is This Even Possible?« nimmt sich dagegen fast toolig aus – alles ist eben relativ. Eine der seltenen Dancefloor-EPs des Jahres, die wirklich innovativ und spaßig klang.

Kristoffer Cornils
Waage / Quantal
WQ1
Thule • 2023 • ab 16.99€

Vier graue und schwer atmende Ungetüme hat das isländische Duo Waage/Quantal für eine der besten Dub-Techno-Veröffentlichungen des Jahres in Blei gegossen. Auf störendes Beiwerk wie bedeutungsschwangere Namen wurde, ganz der Räson des Genres entsprechend, verzichtet. Viel wichtiger: Die klassischen schiefen Keys, die wie klirrende Eiszapfen in alle Richtungen ragen, und ein monströses Grollen im Low-End. Nur zwei Hauptzutaten, aus denen doch längst nicht jeder musikalische Brillanz – man achte auf das Zusammenspiel von Beat und Akkorden auf in »WQ3« – zu destillieren weiß.

Maximilian Fritz