Records Revisited: Marvin Gaye – What’s Going On (1971)

21.05.2021
Muss man dies Album überhaupt in Erinnerung rufen? Eigentlich nicht. Aber man kann es immer wieder hören. Und es ist bis heute aktuell geblieben, im Guten wie im Schlechten. Marvin Gayes »What’s Going On« wird 50 Jahre alt.

Der erste Gedanke bei »What’s Going On«: Gibt es dazu ernsthaft Neues zu sagen? Ein Überklassiker, eines der größten Soul-Alben ever und eines der bis heute populärsten. Was die Wahrscheinlichkeit erhöht, seine Bekanntheit voraussetzen zu können. Zumindest in einer bestimmten Altersgruppe.

Und bei jüngeren Hörergenerationen? In der Rolling Stone-Liste der 500 besten Alben aller Zeiten belegt Marvin Gayes Opus magnum seit 2020 immerhin den ersten Platz. Dass diese Position unangefochten bleibt, ist jedoch nicht gesagt. Vielleicht sehen zukünftige Rankings bei Soul-Platten stattdessen D’Angelos »Voodoo« ganz vorn. Die Geschichte des Pop ist ja nach wie vor ein Geschäft mit einem lebendigen Gegenstand, was Verschiebungen über die Zeiten hinweg nicht ausschließt.

Wichtiger als die Spitzenposition auf einer Liste ist ohnehin die Frage, ob die Platte heute noch Enthusiasmus hervorrufen und berühren kann. Vorsichtige Prognose: Sie kann. Wegen der Musik, wegen der Texte und weil beide nach wie vor viel zu sagen haben. In einer Kombination, bei der Zartheit mit Wut und entspannter Groove mit Empörung ganz selbstverständlich gepaart sind.

Erstes Konzeptalbum des Soul

»What’s Going On« gilt als das erste Konzeptalbum des Soul. Im Jahr 1971 hatten die Proteste gegen den Vietnamkrieg zugenommen, die öffentliche Kritik an der Regierungspolitik wurde lauter. Marvin Gaye war bis dahin eher mit Liebesliedern aufgefallen. Sozialkritik, wie Sly Stone oder Curtis Mayfield sie formulierten, war seine Sache nicht gewesen. Jetzt aber sang er im Titelsong seines elften Studioalbums gegen den Vietnamkrieg an, kritisierte die Umweltverschmutzung in »Mercy Mercy Me (The Ecology)« oder bündelte in »Inner City Blues (Make Me Wanna Holler)« die gesellschaftlichen Spannungen und den Rassismus in den Städten der USA zu einer Anklage. Im Vergleich zu den genannten Kollegen fällt Marvin Gayes Kritik zwar weniger pointiert und predigthafter aus, gleichwohl hat er mit den Themen, die er anspricht, einige der großen Krisen seiner Zeit brennglasartig zusammengefasst.

Da 5 Bloods

Ungeachtet der relativen Offenheit der Texte benennt er durchaus spezifische Schieflagen. Wenn Gaye in »What’s Going On« etwa singt: »Brother, brother, brother / There’s far too many of you dying«, sind damit nicht bloß die US-amerikanischen GIs im Allgemeinen gemeint, sondern ausdrücklich die Afroamerikaner, die in den Krieg geschickt wurden, wo sie für ihr Land kämpften, während sie zugleich in ebendiesem Land unterdrückt wurden. Dabei waren ein Drittel der US-amerikanischen Soldaten im Vietnamkrieg Afroamerikaner, obwohl sie damals lediglich zehn Prozent der Bevölkerung der USA ausmachten. Von dieser Geschichte erzählt auch Spike Lees Kriegsfilm »Da 5 Bloods« (2020), in dem Marvin Gayes Album die Handlung als musikalischer Kommentar begleitet.

#BlackLivesMatter avant la lettre

Andere Songs sind schon allein dadurch aktuell geblieben, dass ihre Themen genauso drängend sind wie damals oder, siehe Ökologie, sich kontinuierlich verschlimmert haben. »Inner City Blues« könnte gar als Kommentar zu #BlackLivesMatter avant la lettre verstanden werden: »Crime is increasing / Trigger happy policing / Panic is spreading / God knows where we’re heading«.

Und dann wäre da noch die Musik. Deren Vorzüge zu preisen, sorgt ein wenig für Schreibhemmung, war doch schon reichlich über sie zu lesen. Vielleicht so viel: Ungeachtet der Härte der einzelnen Texte gibt sich Marvin Gaye sanft und zerbrechlich. Allein in »Inner City Blues« gestattet er sich, ganz im Sinne des Refrains »Make me wanna holler«, ein einziges Mal einen zornigen shout. Die Musik verweilt im mittleren Tempo, vermeidet Kanten, nimmt für die Emphase lieber Streicher. Dazu erzeugt der hallbetonte Klang des Albums eine harmonisierende Wirkung, die einzelnen Instrumente treten zurück, formen sich zu einem vielstimmigen und vielrhythmischen Ding, das nie wuchtig wirkt, sondern stets schlank. Wobei diese Ausführungen zum Klang unter Vorbehalt stehen, hat die Platte doch eine wechselhafte Geschichte, was das Mastering angeht. (Bei diesem Text stammt das Mastering der verwendeten Kopie von 1999).

James Jamerson am Bass

»What’s Going On« hat andererseits, neben Marvin Gayes Stimme, ein Instrument, das dieses Album mit hintergründigem Singen und weichen Muskeln sicher zusammenhält. Es ist der Bass von James Jamerson. Der Motown-Hausmusiker zeichnet beiläufig seine eigenen Melodien, gezupft mit einem so untergründigen Gefühl, dass einen seine Läufe spontan zum Weinen bringen können. Bei den Aufnahmen soll Jamerson bemerkenswerte Mengen an Metaxa konsumiert und im Liegen gespielt haben. Offen bleiben muss, ob Jamerson mit weniger Alkohol im Blut genauso viel Ausdruck und Eleganz aufgeboten hätte. Hier haben die Drogen kurzfristig zumindest nicht geschadet.

Marvin Gaye
What's Going On 50th Anniversary Edition
Motown • 1971 • ab 47.99€