Records Revisited: Stevie Wonder – Innervisions (1973)

03.08.2023
Voilà, ein Weltwunder auf Vinyl: Stevie Wonders »Innervisions« zählt zu den besten Alben aller Zeiten. Sozialkritik und perfekte Songs bilden darauf ein bleibendes Panorama. Wer die Platte nicht kennt und noch Vorsätze für dieses Jahr brauchen sollte: bitte sehr!

Eine beliebte Klage unter Freundinnen und Freunden des Pop lautet, dass die wirklich wichtigen Platten heute nicht mehr gemacht werden. Natürlich ein klarer Fall von Kulturpessimismus. Richtig ist aber, dass Platten wie »Innervisions« nicht alljährlich an den Bäumen wachsen. Sie sind seltene Wunder, an die in regelmäßigen Abständen zu erinnern weder ihnen noch einem selbst schadet. Auch für die Musik von morgen.

Stevie Wonder war, als er 1973 sein 16. Album, »Innervisions«, der dankbaren Öffentlichkeit gegen Entgelt zur Verfügung stellte, auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Er hatte in den Siebzigern begonnen, die Schwarze Musik verstärkt mit neuen künstlerischen Impulsen zu versorgen. Im Vorjahr erst hatte er auf »Talking Book« einige der größten Hits seiner Karriere präsentiert, »Superstition« und »You Are the Sunshine of My Life«. Mit »Innervisions« schaltete er noch einmal eine weitere Zündstufe.

Die neun Songs nutzt Stevie Wonder, um sich in unterschiedlichsten Richtungen zu erproben. Da ist zunächst der Jazz-R&B von »Too High« mit seinen mehrstimmigen »Do-do«-Vokalisen und verschachtelten Harmonien, die von Strophe zu Strophe ihre kleinen Variationen erfahren, ein anschauliches Beispiel dafür, wie das herkommen könnte, dass man Stevie Wonder gern den »Mozart des Soul« genannt hat. Bei dem Wiener Klassik-Star gehörte das kaum merkliche Variieren seiner vermeintlich schlichten Themen jedenfalls zu dessen Spezialitäten.

(K)eine Zeit für Optimismus

»Visions« nimmt sich bescheidener aus, Konzertgitarre und Bass genügen im Großen und Ganzen als Zutaten für die introspektive Soul-Folk-Nummer. Mit »Living for the City«, der erfolgreichsten Single des Albums, wechselt Stevie Wonder dann zu einem wütend stampfenden Groove. Statt eines Refrains baut Wonder dabei einen Instrumentalpart ein, in dem er eine hymnische Synthesizermelodie verwendet, die spontan nachzupfeifen gar nicht so einfach ist. Funk mit Rock-Potential hat er ebenfalls im Sortiment, namentlich «Higher Ground«, das wie zur Bestätigung später von Bands wie den Red Hot Chili Peppers gecovert wurde. Für »Don’t You Worry ’bout a Thing« schließlich nutzt Stevie Wonder elegant lateinamerikanische Rhythmen.

Der vielseitig ausformulierten Musik entsprechen auf ihre Weise die Texte, in denen er Einblicke in seine Sicht auf die Welt aus wechselnden Perspektiven bietet. Für Liebesgesänge und ungebremsten Optimismus war demnach gerade keine gute Zeit. Vielmehr bekommt er deutlich mit, was in der Gesellschaft um ihn herum vorgeht, auch wenn er vielleicht kein so scharfer Kritiker Schwarzer Lebensrealität ist, wie Curtis Mayfield oder Gil Scott-Heron es waren.

An »Innervisions« ist besonders toll, dass es für eine Dreiviertelstunde eine Welt entstehen lässt, mit seiner Musik, mit seinen Texten, die das innere Ohr zu einem mächtigen Ganzen zusammenfügt.

Doch die Gefahr von Drogen vor allem für kreative Menschen (»Too High«) hat er ebenso im Blick wie die mitunter fatale Erwartung, man könne als Schwarzer ohne Chancen aus dem segregierten Süden –»Cause where he lives they don’t use colored people« – in New York leichter sein Glück machen (»Living for the City«). Und ungeachtet seiner spirituell-religiösen Haltung weiß er sich von falschen Propheten auf diesem Gebiet klar abzugrenzen (»Jesus Children of America«). Am Ende schreibt er in »He’s Misstra Know-It-All« noch dem damaligen US-amerikanischen Präsidenten Richard Nixon ins Stammbuch: »If we had less of him / Don’t you know we would have a better land.«

»Innervisions« gilt neben «Song in the Key of Life« von 1976 als Stevie Wonders bestes Album. Man kann sie beide ruhig da oben lassen. An »Innervisions« ist besonders toll, dass es für eine Dreiviertelstunde eine Welt entstehen lässt, mit seiner Musik, mit seinen Texten, die das innere Ohr zu einem mächtigen Ganzen zusammenfügt. Große Teile hat er zudem praktisch im Alleingang eingespielt, was bei einem Künstler wie Stevie Wonder für das Gesamtergebnis gar keinen Nachteil bedeutet. Auch für die verhaltene Zuversicht, die er bei aller Kritik etwa in »Higher Ground« durchblicken lässt, gibt es eigentlich immer einen Anlass: »Gotta keep on tryin’ / Till I reach my highest ground.«