Records Revisited: Quasimoto – The Unseen (2000)

13.06.2020
Vor zwanzig Jahren schloss sich Madlib in den Keller von Peanut Butter Wolf ein und kam als gelbes Alien mit Schweineschnauze raus. Lord Quas war geboren und »The Unseen« hat das Character Design im Hip-Hop auf eine neue Stufe gehoben.

Im Keller von Peanut Butter Wolf entsteht 2000 ein Album, das bis heute nachwirkt. Otis Jackson Jr., bekannt als Madlib zuvor als Teil der Gruppe Lootpack mit eigenen Raps und Beats unterwegs, wohnt zu der Zeit im als Bomb Shelter bekannten Studio des eigenen Label-Chefs, raucht dicke Joints und ist für einen gesamten Monat auf Magic Mushrooms. Er nimmt »The Unseen« auf, rappt mit hochgepitchter Stimme und verliert den Kontakt zur Außenwelt. Sein Alter Ego Lord Quas war damit erschaffen. Unter diesem Namen presste er über 24 Tracks assoziative Lines auf die eigenen verspielt-verschwurbelten Produktionen, die nicht selten aus über zehn verschiedenen Loops bestehen.

Zwanzig Jahre später fällt es schwer, sich mental in die Rapszene der Jahrtausendwende zu versetzen. Im Jahr 2000 war Hip-Hop spätestens endlich im Mainstream angekommen. Der Southside Funk aus Atlanta lief dank Outkasts »Ms. Jackson« täglich im Radio, Jay-Z wollte dich nur lieben und Eminem hatte mit »The Real Slim Shady« den Hit des Jahres geschaffen. Letzterer war ein kommerzieller Erfolg, verbreitete aber Unbehagen in allen gesellschaftlichen Bereichen, die die Jugend schützen wollten. Besonders Zeilen über die Vergewaltigung der eigenen Mutter oder die Ermordung von LGBTQ-Personen lösten einen Aufschrei aus. Damit befeuerte Eminem eine Debatte, die bis heute anhält: Wie lassen sich Kunstfigur und die Person dahinter trennen?

»The Unseen« ist keine düstere Platte, kein Horrortrip wie bei Dr. Octagon. Das Album ist auch eine Erinnerung, das Leben zu genießen.

Die Frage ist nach wie vor ungelöst. Aber »The Unseen« liefert heute noch einen Anlass, um über das Verhältnis nachzudenken. Denn was Lord Quas, das gelbe Alien mit der Schweineschnauze dort von sich gibt, ist oft überzeichnet. Dann rappt dieser Außerirdische auf »Bad Character« darüber, Frauen unter den Rock zu schauen und vergiftete Äpfel zu verteilen. Aber dann eben im gleichen Song auch: »I’ll stab a n**** in the chest with a pitchfork from behind / And rob some rich folk for makin’ my ancestors eat swine«. Die Zeile kratzt an der Oberfläche der Dynamik, die zwischen Lord Quas und Madlib herrscht. Wenn textlich an manchen Stellen Grenzen der Moral überschritten werden, dann ist das als Übertreibung zu verstehen, dafür spricht nicht zuletzt, dass die Figur, die diese Zeilen ausspricht, ebenso absurd wie unwirklich ist. An anderer Stelle berichtet der gleiche Charakter von Racial Profiling, Black-on-Black-Gewalt und dem Konsumwahn, der auch damals schon im Hip-Hop verbreitet war.

Wer über die repräsentative Kraft eines Alter Egos spricht, muss die Sprecherposition beachten. Es ist wichtig, zu verstehen, dass Madlib aus einem Umfeld kommt, das wegen seiner Hautfarbe und Kultur ausgegrenzt, entmenschlicht und eben alienated wird. Im Zentrum steht hier also auch die Frage der Authentizität. Zum Release kritisierte das Musikmagazin Pitchfork in seiner Rezension die fehlende Trennung zwischen Madlib und Quasimoto als größte Schwäche des Albums, die Kunstfigur würde aus dem Fokus gedrängt. Gerade die Verschwommenheit der Charaktere steht jedoch für die Ambivalenz von Otis Jackson Jr., der nahtlos zwischen Geschichten aus der Kindheit, der Liebe zu Jazz und der außerirdischen Böswilligkeit seines Alter Egos changiert. Das entsprach auch damals nicht der gängigen Vorstellung von Kredibilität, so rappt Quasimoto: »You try keeping it real, yet you should try keeping it right.«

Quasimoto
The Unseen
Stones Throw • 2000 • ab 34.99€
»The Unseen« ist keine düstere Platte, kein Horrortrip wie beispielsweise die Musik von Dr. Octagon, dem außerrirdischen Alter Ego Kool Keiths. Das Album ist auch eine Erinnerung, das Leben zu genießen. In der Melange aus psychoaktiven Substanzen, die Madlib während der Albumproduktion intus hatte, setzten sich auch Themen wie die Liebe zu Weed und Jazz, Wohlstand und Familie in seinem Kopf fest. Wenn Madlib rappt, »I remember I was stealing old records from my aunt’s closet / Back in the days I didn’t even know that I could make a profit off it«, dann spricht er auch von dem Glück, sein Geld mit dem verdienen zu können, was er liebt. Eine der großen Inspirationen, die das Album auch heute noch ausstrahlt.


Die Musik von Quasimoto findest du im [Webshop von HHV Records](https://www.hhv.de/shop/de/quasimoto-hip-hop/p:uD38Mc.)