Wie Brian Eno mit seinem Sound die Zeit dehnt

12.12.2022
Foto:Cecily Eno © Universal Music
Ein Nicht-Musiker, das sei er, sagt Brian Eno. Ein Gott, das sei er, sagen manche seiner Fans. Feststeht: Das Leben und Schaffen des britischen Künstlers gleicht einem Abriss der modernen Musikgeschichte. Ein Dasein zwischen Sound, Kunst, Ambient und Innovation. Dieser Tage erschien mit »ForeverAndEverNoMore« sein 28. Studioalbum. Porträt eines unwahrscheinlichen Lebens.

Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno vereint die Vorteile und Vorurteile eines Gurus wie Kauzes auf sich. Wer mit ihm arbeitete, verehrt ihn. Wer nur mit ihm sprach, fürchtet seine Antworten.  Was meist Journalisten waren. Groß kann die Furcht jedoch nicht gewesen sein, denn im Laufe der Zeit sammelten sich Bücher, Interviews und Artikel über Eno an.

Zum Beispiel zu seinem 70. Geburtstag vor vier Jahren, als er dem Deutschlandfunk sagte: »Es ekelt mich geradezu an, wenn mich Leute in einen Guru verwandeln wollen. Das ist immer eine unangenehme Situation für mich – weil ich schlichtweg nicht weiß, was ich ihnen sagen soll. Ich weiß nicht, wie sich Gurus verhalten. Also bin ich darin auch nicht besonders gut.« Was Guru wie Kauz gleichermaßen sagen würden. Autor Marcel Anders schob in seinem Text direkt hinterher: »Und doch: Im Gespräch kommt Eno dem Guru sehr nahe.« Wer den Rest des Interviews liest, findet den Kauz ebenso. Seine Karriere startete Brian Eno jedoch in einem ganz anderen Kostüm – nämlich als Pfau.

Aus dem Leben eines Pfaus

Während seiner Kindheit in Suffolk im Osten Englands brachte ihm sein Onkel Carl Otto die Kunst des niederländischen Malers Piet Mondrian nahe. Von diesem Moment an wusste Eno: Er will Künstler sein. Der junge Brian Eno war oft allein unterwegs, brauchte niemanden außer sich. Eine Qualität, die seinen Sound später noch bestimmt.

Nach ersten musikalischen Experimenten gründete Eno zusammen mit Bryan Ferry und Andy Mackay die Band Roxy Music 1971 in London. Glamrock und Artrock stehen auf dem Plan. Das US-Magazin Vulture schrieb einmal, Eno sei damals »gekleidet wie ein Pfau« gewesen, der nach einer harten Nacht im Boudoir einer Drag Queen aufgewacht war. Andere Zeiten.

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Bereits nach dem zweiten Album stieg Eno bei Roxy Music aus. Heute kaum vorstellbar beim eher gesetzten Anblick von Eno, aber sein sexueller Appetit und die Avancen von weiblichen Fans sollen der Grund gewesen sein, weshalb ihn Bryan Ferry aus der Band werfen ließ. So berichteten es zumindest mehrere Magazine. Es war der vielleicht größte Glücksfall für die Musikgeschichte.

Mit den folgenden Solo-Alben zeigte sich Eno in den Siebzigern als experimentierfreudiger Popmusiker, allen voran auf »Another Green World«, bei dem etwa King Crimson-Gitarrist Robert Fripp und Velvet Underground-Legende John Cale mitwirkten. Auf keiner seiner anderen Platten sollte Eno so perfekt die Balance in seinem Sound treffen, gleichzeitig so sperrig und so zugänglich sein wie auf diesen vierzig Minuten.

Ignorierbar und interessant

Doch noch vor diesen Solo-Alben hatten Fripp und er bereits die Platte »(No Pussyfooting)« fast gänzlich unbemerkt von der Öffentlichkeit herausgebracht. Kaum zugänglich, sperrig, minimal, verwirrend. Gerade für diese Zeit. Doch es gilt aus heutiger Sicht als Zwischenspiel zu Enos Ambient-Arbeiten. Mit dem Album »Discreet Music« buchstabierte Eno 1975 die Idee aus.

Die Legende zur Inspiration für diesen Sound geht so: Eno musste nach einem Unfall das Bett hüten. Die Künstlerin Julie Nylon schenkte ihm bei ihrem Besuch ein Album mit Harfenmusik aus dem 18. Jahrhundert. Sie legte die Platte für ihn auf, als sie ging. Eno lag also im Bett, als die Musik einsetzte, ein leichter Regen fiel ans Fenster – nur stand die Anlage auf einer sehr leisen Lautstärke, eine Box funktionierte gleich gar nicht. So zumindest die Legende. (Die Eno selbst mal in Liner Notes aufgriff.) In der Eno-Biographie »On Some Faraway Beach« erzählt Nylon eine andere Version: Sie legte die Platte auf, Eno und sie balancierten den Sound gemeinsam aus, den Rhythmus des Regens mit den Klängen der Harfe. Nichts passierte in diesem Moment durch Zufall, so Nylon.

Brian Eno © Cecily Eno (Universal Music)

Vor Enos Ambient gab es Erik Saties »Musique d’ameublement«, Minimalismus und nicht zuletzt John Cages »4‘33« – doch erst Eno etablierte das Genre mit seinen Ambient-Alben Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger. Allen voran »Ambient 1: Music for Airports« legte die grundsätzlichen Erwartungen an Ambient fest. In »1/1« fährt ein Klavier eine Melodie und sehr viel Stille auf, alles hallt nach, bleibt als Lichtfleck im Sound bestehen, auch wenn längst nichts mehr zu hören ist. In »2/1« bauen verschiedene Vocal Loops diese Atmosphäre aus.

Entsprechend schrieb Eno einst die wohl wichtigsten Worte für seinen Anspruch: »Während konventionelle Hintergrundmusik dadurch erzeugt wird, dass der Musik jeglicher Sinn für Zweifel und Ungewissheit (und damit jegliches echtes Interesse) genommen wird, behält die Ambient Music diese Eigenschaften bei.« Ruhe und Raum zum Nachdenken soll Ambient schaffen, ignorierbar wie interessant sein. Was Eno auf vielen folgenden und herausragenden Alben wie »Apollo: Atmospheres and Soundtracks« bewies. Diesem Spiel mit flächigen Sounds und Räumen bleibt er bis heute treu. Doch Enos Karriere zeichnet weit mehr aus.

Unbestritten einflussreich

Eno arbeitete für David Bowie an dessen Berlin-Trilogie Alben mit. Für »Low« fährt Eno bis heute das Lob einer Co-Produktion ein, die er gar nicht innehatte. Vielmehr arbeitete er Bowie und Produzent Tony Visconti zu. Der Minimal-Komponist Philip Glass sagte einmal über die Platte: »Sie taten etwas, was nur wenige andere versuchten – nämlich eine Kunst im Bereich der populären Musik zu schaffen. Ich habe sie mir ständig angehört.«

Dass Eno einen Einfluss auf die Arbeiten hatte, dürfte unbestritten sein. Auch wenn beteiligte Musiker wie Gitarrist Carlos Alomar nicht so wirklich überzeugt vom experimentellen Ansatz waren, ging die Sache für Bowies Alben auf. Dabei kam übrigens auch ein  zum Einsatz: Oblique Strategies. Erdacht von Eno und Künstler Peter Schmidt. Jede Karte löst eine kreative Blockade. Die Ratschläge reichen von praktisch (»Nutze eine alte Idee.«) bis hin zu spleenig esoterisch (»Frag Deinen Körper.«) – kein Wunder, dass es ich bis heute in verschiedenen Versionen, etwa für Android und Gameboy, erhältlich ist.

Die Wertschätzung war groß, Bowie und Eno arbeiteten noch mehrmals zusammen, tauschten sich bis Bowies Tod regelmäßig aus. Doch die Liste der Kollaborationen endet damit nicht: Talking Heads, Coldplay, U2, Harold Budd, Devo und Jon Hopkins zieren noch als Namen die Diskographie von Eno. Es ist vor allem Eno selbst, der wandelbar blieb, unkonventionelle Ideen und Sounds einbrachte.

Langfristiges Denken

Heute, mit 74 Jahren, rückt Eno seit einiger Zeit wieder mehr in die Aufmerksamkeit – auch der Popkultur. Weil Ambient gerade als Genre zumindest quantitativ blüht. Weil Eno weiterhin Alben produziert wie »Altar« von der portugiesischen Band The Gift, eine der viel zu unbekannten großen Pop-Platten der letzten Jahre. Und weil Eno selbst stetig Musik veröffentlicht. Zuletzt das Album »FOREVERANDEVERNOMORE« mit neuen Songs, auf denen er sogar selbst singt. Vom Sound bewegt sich die Platte weiterhin im Ambient, hier und da mit Versatzstücken von Popmusik.

Reviews zum Künstler

Bei diesem Lebensweg und künstlerischen Ansätzen ist es kein Wunder, dass Eno sich auch abseits von Musik umtriebig blieb, sich mit Installationskunst auseinandersetzte oder Mitglied der Long Now Foundation wurde. Deren erklärte Mission: »Die Long Now Foundation wurde 01996* gegründet, um die Projekte Clock und Library weiterzuentwickeln und den Grundstein für eine sehr langfristige kulturelle Institution zu legen. Die Long Now Foundation hofft, einen Kontrapunkt zur heutigen, sich beschleunigenden Kultur zu setzen und dazu beizutragen, dass langfristiges Denken allgemeiner wird. Wir hoffen, die Verantwortung im Rahmen der nächsten 10.000 Jahre zu fördern.«

Und an diesen Räumen, dieser Verantwortung arbeitet Brian Eno bereits seit seinen ersten Ambient-Versuchen. In einem aktuellen Interview mit der New York Times sagte er über sein neues Album: »Ich versuche wahrscheinlich, einen Raum zu schaffen, in dem die Menschen ihre Aufmerksamkeit für eine Weile an einem Ort ruhen lassen können. Eine der Epidemien der heutigen Zeit ist die Unfähigkeit, sich zu fokussieren oder zu konzentrieren.« Noch so eine Sache, die wohl nur ein Guru sagen würde. Oder ein Kauz. Auf jeden Fall jemand, der diese Idee in herausragende, ruhige, flächige, große Sounds verwandeln kann.