Ehrlich gesagt: Wir kamen für Ronnie Boykins am Bass. Der hat diese Deepness im Spiel, der hat die Fingerchen in the mud und den Geist im Kosmos. Wie das klingt, ist auch hier hörbar, gleich auf Stück 2. »Return To The East«, das ist natürlich sowieso ein Titel, dem man trauen muss, denn es ist ja bekannt: Wenn der Jazz ein bisschen nach Osten lugt, hat es ihm noch nie geschadet—bzw. hat es ihm fast ausnahmslos gut getan. Boykins spielt am Bass das Ostinato, man schwingt sich ein, man bleibt von Minute zu Minute lieber und lieber und will irgendwann gar nicht mehr raus aus diesem Groove. Aber auch, was darüber abgeht, YES!. Earl Cross an der Trompete, Charles Tyler am Bartion-, Arthur Blythe am Alto-Saxophon. Und klar, die Bläser wollen raus. Klar pusten die das Stück in Freie. Aber sie schrammeln nicht, sie finden einen gemeinsamen ORT. Riesen Stück.
Das ganze AlbumVoyage From Jericho ist ein Welt-Banger, Tylers Drive pretty much unwiderstehlich, es braucht sich nicht hinter den großen Free-Jazz-Alben verstecken. Aber genau das blieb es beim Erscheinen, relativ ungesehen und ungehört. Die Szene in Cleveland, wo Charles Tyler herkommt, war nicht besonders verbreitet bekannt, dazu dominierten Albert Alyer—ebenfalls aus Cleveland, Tyler spielte Mitte der 60er in dessen Ensemble—und Ornette Coleman die Konversation. Die Hörerschaft hatte wohl mit dem Verdauen deren Werke genug zu tun.
Gut, dass diese Kost 50 Jahre nach dem Erscheinen noch mal dargereicht wird. Und zwar appettitlichst aufserviert. Auf 26-Seiten kontextualisiert der Historiker Cisco Bradley das Werk, verfolgt Tylers Weg durch die 70er, den New Yorker Untergrund, die Avantgarde, das ganze Spiel. Wir gingen mit einem essentiellen Jazz-Album im Gepäck.

Voyage From Jericho

