Review

David Wertman

Kara Suite

Cacophonic / Early Future Records • 1976

Steve Reid gründete Mitte der Siebziger das Label Mustevic Sound Records in erster Linie, um sich unabhängig von Trends und Vorgaben anderer zu machen, um sich einfach frei entfalten zu können. Nun, es war so eine Ego-Ding. Musikalisch war die Idee, sich vom damals angesagten Jazzrock-Sound zu lösen und einen freieren, kantigeren Jazz zu spielen. 1976 startete das Label mit drei Platten: »Nova« und »Rhythmatism« hatte er selbst komponiert, sie wurden unlängst bei Universal Sound wiederveröffentlicht und gingen sogleich nahtlos in den Kanon der Jazzmusik ein (mit einer ursprünglichen Auflage von je 1.000 Stück war eine flächendeckende Verbreitung damals nicht gegeben). Die dritte Veröffentlichung überließ er dann seinem Bassisten David Wertman. »Kara Suite« wird nun erstmals in einer transatlantischen Kooperation zwischen Cacophonic (Sublabel von Finders Keepers) und Early Future Records wiederveröffentlicht. Was für ein Glücksfall! Man hört hier fünf exzellente Musiker (neben Wertman und Reid sind noch die Saxofonisten Charles Tyler und Ken Simon sowie der Hornist Richard Schatzenberg dabei) Jazz spielen, also im verspieltesten Sinne. Das ist so wild, dass ich mich zwischendurch fragte, wer das am Ende aufräumen soll. Wenn man unbedingt eine Struktur finden will, dann vielleicht, dass David Wertman in kurzen Schleifen Bassfiguren kreiert, über die die anderen dann hinwegfegen. Die wohl bekannteste dieser Bassfiguren ist auf »Sunshine« zu hören. DJ Shadow hat sie prominent in »Mashin’ On The Motorway« auf »The Private Press« gesamplet. Im Kern sind diese 31 Minuten eine Verneigung vor dem Chaos, in dem alles bereits angelegt ist. Auch das Schöne, neue Möglichkeiten, andere Sichtweisen. Wenn man denn will.