Dasha Rush

Sleepstep

Raster-Noton • 2015

»Tongedichte für meine schlaflosen Freunde«: Das Genre der Nachtstücke, in das Dasha Rush mit diesem Untertitel ihr neues Album einreiht, ist ein traditionsreiches. Man mag etwa an Björk denken, die ihr 2001er Album »Vespertine« anlegte wie ein intimes Mixtape als Einschlafhilfe, warm und flüsternd und mit zunehmendem Konturverlust. Zumal wenn hier wie dort (damals separat, hier auf beiliegendem 32-Seiter) Dichtung und Fotos als Supplement ins Spiel kommen. Natürlich weiß Dasha Rush das, und macht etwas anderes. Zu juckend die Texturen (»Time Whispers and Albert«), zu nervös flackernd (»Antares«) oder gar schaudernd die Beats (»Abandoned Beauties and Beasts«), zu tief der Brunnen, in den die Töne tropfen (»Sleep Ballade«), als dass man die Einsamkeit, die nagenden Zweifel, den Spuk der Erinnerungen abwerfen und sich in Morpheus Arme fallen lassen könnte. Und wenn dann doch den Schäfchen endlich Schwingen wachsen (»Lumiere avant Midi«), uns in sakraler Sänfte schwatzendes Traumvolk zum aus lichter Ferne rufenden Piano fortgetragen hat (Tracks 9 bis 12), reißt uns die Philosophin wieder in kühle, feuchte, grüblerische Finsternis zurück und wirft uns per Impulskanone hinaus ins All (Tracks 13 bis 16). Eine Reise bis ans Ende der Nacht also, die die Schlaflosigkeit umarmt, die Formen im Dunkel geduldig scharf werden lässt, ohne ihnen ihr Geheimnis zu nehmen. Schon auf ihrem ersten Album, das 2007 auf ihrem eigenen Label Fullpanda erschien, noch in Paris (ihrem Fluchtpunkt als russischer Teenager vor zwanzig Jahren), zeigte die mittlerweile Berliner Musikerin ein besonderes Gespür für unterschwellige Spannung, für brütende Stimmungen, die ihren Techno-Tracks von je her eine ambiente, mehr raumdefinierende als voranstrebend-funktionale Anmutung verlieh. Von daher wirkt der Wechsel unters Ambient-Etikett auch nicht als Bruch, sondern als konsequente Fortentwicklung. Auf Raster-Noton ist sie zwischen COH plays Cosey und Coil-Nachklängen, Mika Vainio (der »100 Hearts« vielleicht nicht so vibrierend hypnotisch hinbekommen hätte) und Kangding Ray (mit dem sie in »Scratching your Surface (Revisited)« weit mehr als nur die Sprache gemein hat) jedenfalls glücklich angekommen.

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