Review

Haftbefehl

Das Schwarze Album

Urban • 2021

Ein Haftbefehl-Album ist inzwischen ein echtes Pop-Happening. Mit nahezu wissenschaftlichem Eifer seziert das deutsche Feuilleton jedes Release des Aykut Anhan, wie der Rapper aus Offenbach bürgerlich heißt, seit seinem Opus Magnum »Russisch Roulette« von 2014 bis auf die Grundmauern. Gründe dafür sind Haftbefehls assoziatives Rap-Verständnis, sein signifikanter Sprachenmix und natürlich seine (halb-) autobiografischen Storys aus dem Kleinkriminellen-Milieu des Frankfurter Bahnhofsviertels, das stets treffsicher in auditiven Mini-Blockbustern frankophiler Natur durch die Membrane poltern. In dem Hollywood-Gangster-Scheiß ist Haftbefehl tonangebend. Nach dem Comeback-Album »Das Weiße Album” 2020 folgt jetzt der Counterpart (oder viel mehr das Update) »Das Schwarze Album«. Stilistisch asphaltiert Produzent Bazzazian immer noch 808-Wände und Synthie-Spuren so wuchtig wie die nächtliche Skyline von Mainhatten, dominieren auf »DSA« aber performativ wie inhaltlich mehr die Depressionen des Blocks und nicht der plastische Bombast eines Koka-Imperiums wie bei »DWA«. Es sind vor allem die Solosongs wie der Opener »Kaputte Aufzüge« oder »Offen/Geschlossen«, die in eigenbrötlerischen Figuren ein beklemmendes Gemälde zwischen Ausweglosigkeit und der Alltagstristesse in einem sogenannten Problembezirk skizzieren. »Ich wasch’ mir die Schmauchspuren aus der Seele« heißt es an einer Stelle. Haftbefehls Musik war immer melancholisch und umschattet, doch der Schmerz war in seiner Diskographie noch nie so greifbar wie hier. Das macht es vielleicht nicht zu so einer Breitbild-Großtat wie sein Vorgänger, aber zu einem POV-Album in der Unterwelt zwischen Kaiserstraße und Höllentor, wo die » Marlboro-Päckchen vollgestopft mit Kokaretten« neben »Engeln mit schwarzen Flügeln« warten. Haft ist kein Hollywood-Boss mehr, sonder Türsteher der Höllenpforte. Wenn »Das Weiße Album« das Feuilleton pleasen sollte, ist »Das Schwarze Album« the one for the streets.