Review

Jlin

Perspective

Planet µ • 2023

Als vor sieben Jahren das Album »Dark Energy« erschien, war der Jubel groß. Die Zukunft der elektronischen Musik hatte einen neuen Namen: Jlin. Das Debütalbum von Jerrilynn Patton hatte seine Wurzeln im Chicagoer Footwork: ein ultraschnelles Geflecht aus komplexen Beats, Dissonanzen und abstrakten Klängen. Aber Jlin gab dem Genre ein Quäntchen Individualität mit, und wenn es nur der Eindruck war, sie würde das multistilistische Chaos beherrschen, das sie angerichtet hatte. Mit ihrem bislang letzten Album »Autobiography« – der Musik zu einer Tanzperformance des Choreografen Wayne McGregor – wandte sich Jlin 2018 dann einem ambienten Minimalismus zu.

»Perspective«, das aktuelle Mini-Album, wirkt wie eine Mischung aus dem »alten« Jlin und »Autobiography«. Es enthält die Originalaufnahmen einer Auftragsarbeit, die die Produzentin 2020 für das Ensemble Third Coast Percussion aus Chicago geschrieben hat. Schon in den ersten Tracks, die lose im Footwork verankert sind, aber mehr Ordnung ins System bringen, fällt der Einsatz von echten Percussion-Instrumenten auf. In »Dissonance« treibt es Jlin dann auf die Spitze: Es ist ein Solotrack für tribalistische Drums und Percussion. Und »Duality« klingt, als hätten Steve Reich und David Cunningham gemeinsame Sache gemacht. Die wichtigste Botschaft von »Perspective« aber lautet: Die Evolution der elektronischen Musik ist nie abgeschlossen.