Review

Moiré

No Future

Ghostly International • 2017

No Future? Eine Punkplatte? Weit gefehlt. Hier geht es weniger um die voll-hedonistische Attitüde, die kein morgen kannte/kennt der 1980er Jahre Punks; viel mehr um eine von Angst getriebene Analyse der heutigen Verhältnisse, die – so der Produzent selbst – die Frage aufwirft, ob man den Sprung von der Gegenwart in die Zukunft übersteht. Eine politische Platte dann vielleicht? Gute Frage. Fest steht, dass Moiré, den man auch von seinen Veröffentlichungen auf Actress‘ Label Werkdisc oder den guten alten Belgiern von R&S kennt, zwar keine Agitprop-House-Platte hier veröffentlicht, die uns aber zum Nachdenken anregen soll. Das passiert auf der rein musikalischen Ebene durch seine Verortung. Irgendwo zwischen Leftfield, (Post-)Dubstep und Grime spiegelt der in London ansässige Produzent musikalische Bewegungen des letzten Jahrzehnts, die auch immer Träger politischer Statements waren. Zwischenzeitlich war man gar Soundtrack der London Riots vor ein paar Jahren. Moiré ist sich dessen bewusst und verliert sich nicht etwa in seinen Tracks, sondern bleibt meist konkret – ohne zu vergessen, dass man immer noch über Tanzmusik redet. Als Rückblick funktioniert das ziemlich gut. Aber auch textlich kann man hier seine Verbindungen ziehen. Ob mit dem MC DRS (auf »Lost You« und »Bootleg«) als auch mit dem Dubstep/Grime-Poeten James Massiah, schaut man, wo man gerade steht. Der letztere Track heißt vieldeutig »Façade«. Offenbar geht es um unsere eigenen Fassaden, die politischen – hinter die man nicht mehr schauen kann – oder die der Großstädte, die sich immer mehr zu Schaubühnen real-existierenden Elends entwickeln … wer weiß? Wer will es wissen?
Hier wird man angetrieben auch mal zu reflektieren und in sich zu gehen. Wenn Tanzmusik das schafft, dann ist sie große Kunst.